Der Himmel hängt voller Geigen

Die alte Handwerkskunst des Geigenbaus von Cremona ist immaterielles Kulturerbe der Unesco. Zu Besuch in den Werkstätten – und einer traditionsreichen oberitalienischen Stadt.

Erbe Amatis und Stradivaris: Die Meistergeigen.
Erbe Amatis und Stradivaris: Die Meistergeigen.
Erbe Amatis und Stradivaris: Die Meistergeigen. – (c) imago/Aurora Photos (Dave Yoder)

Was Mittenwald in Oberbayern, ist Cremona in Italien. Nein, es geht nicht um die Berge, es geht um das Kunsthandwerk des Geigenbaus. Und da ist die lombardische Stadt in der Po-Ebene sozusagen der Weltmarktführer. Wer aufmerksam durch das historische Zentrum spaziert, wird – sagen wir an der dritten oder vierten Straßenecke – stutzig werden. Neben den Wegweisern zu den Sehenswürdigkeiten finden sich Hinweisschilder, die zu Werkstätten von Geigenbauern leiten. Und immer sind es andere Namen.

Ein paar Schritte weiter steht man vor einem Schaufenster, das mit Geigen dekoriert ist. Giorgio Grisales begrüßt die Besucher in einem Reich, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. Im Showroom vor seiner Werkstatt präsentiert der gebürtige Kolumbianer seine Geigen, Violas, Celli und Kontrabässe in einer Kulisse aus antikem Mobiliar. „Die Liebe zur Musik hat den Ausschlag gegeben“, blickt der Geigenbaumeister zurück, „deshalb bin ich in diese Stadt gekommen.“ Der schon eingeschlagene Berufsweg wurde spontan gestoppt. Bereut hat er es nicht.

Grisales ist einer von fast 150Geigenbauern in Cremona und Umgebung. Hundertfünfzig? „Ja, mit Angestellten sind es sogar über 300“, informiert er. Geigenbau sei für die Stadt ein bedeutender Wirtschaftszweig – und einer mit jahrhundertelanger Tradition. Das hat im Jahr 2012 die Unesco veranlasst, den Cremoneser Geigenbau in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes einzutragen. „Wir sind die Erben von Stradivari und Amati“, sagt Grisales nicht ohne Stolz. Beide Geigenbauer, deren Namen auch Musikunkundigen geläufig sind, wurden in Cremona geboren. Amati, der Ältere, begründete im 16. Jahrhundert die Handwerkstradition.

Im heutigen Cremona, einer Provinzhauptstadt mit rund 70.000 Einwohnern südöstlich von Mailand, ist der Geigenbau tatsächlich allgegenwärtig. Neben den zahlreichen Werkstätten, die besonders im historischen Zentrum für mehr als nur Lokalkolorit sorgen, gibt es seit ein paar Jahren das Museo del Violino, außerdem die herausragende Sammlung alter Streichinstrumente im Stadtmuseum und natürlich die ehrwürdige, 1938 gegründete Geigenbauschule, an der Studierende aus aller Welt lernen.

Internationales Interesse

An den berühmtesten Sohn der Stadt erinnern sein Wohnhaus sowie das Stradivari-Denkmal (natürlich mit Geige) auf der nach ihm benannten Piazza. Auch Festivals, die Spezialmesse für Streichinstrumente und Geigenbauwettbewerbe untermauern Cremonas guten Ruf als Hochburg der Musik. „Die Internationalität ist es, die ich so an dieser Stadt schätze“, lobt Grisales. „Ich könnte nirgendwo anders leben.“

Verstehen kann man ihn, denn in Cremona, dessen Wurzeln bis zu den Römern reichen, präsentiert sich Italien, wie man es liebt: eine Piazza mit Dom, Baptisterium, Rathaus und Glockenturm Torrazzo, der höchste im Land, der gut auf die schöne Stadt aufzupassen scheint. Viele von alten Palazzi gesäumte Straßenzüge locken mit Geschäften, Bars und Restaurants–und jeder Menge Leben von früh bis spät. Cremona präsentiert sich als große Bühne, auf der Konzertproben auch schon einmal auf den Straßen oder Plätzen stattfinden.

An die 200 Stunden Arbeit

Als Kulturdestination wird die Stadt immer beliebter, dass aber die Touristen eine Geige als Souvenir erwerben, das ist eher unwahrscheinlich. „Es dauert schon eine Weile, bis man herausfindet, was der Kunde genau haben möchte“, erläutert der Geigenbauer Grisales. Der Kauf eines Instruments sei schließlich eine Kapitalanlage, da dürfe man nichts überstürzt entscheiden. „In einer Geige stecken rund 200Stunden Arbeit. Dafür hält sie bei guter Pflege auch das eine oder andere Jahrhundert“, erzählt Grisales und kommt auf die legendäre Il Cremonese zu sprechen, Antonio Stradivaris Geige von 1715, heute ausgestellt im Violinenmuseum. „Die könnten Sie heute noch spielen.“

Das Geheimnis eines guten Saiteninstruments sei der Handwerker selbst, meint der passionierte Geigenbauer selbstbewusst. „Seine Leidenschaft bei der Arbeit, seine Liebe zum Material Holz – das ist das Entscheidende.“ Die Qualität, die sich in den Details zeige, verdanke sich der Symbiose mit den Meistern der Vergangenheit, fasst Grisales sein Credo zusammen. „Wir arbeiten strikt nach traditioneller Art.“

Wer tiefer in die Kunst des Geigenbaus einsteigen will, kann im Museo del Violino die einzelnen Arbeitsschritte nachvollziehen. Hier wird altes Handwerk mit neuesten Medien vermittelt. Denn auch in Cremona ist die Zeit nicht stehen geblieben. Aber dass das traditionelle Handwerk in der Welt der Start-ups seinen Platz behauptet, ist aller Ehren wert. Wenn Giorgio Grisales durch die Stadt geht, dann wird er oft mit „Maestro“ begrüßt. Die Einheimischen scheinen zu wissen, was sie den Erben von Amati und Co. schuldig sind.

Faktbox

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2019)

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