Sardinien: Wandbilder, besser als jeder Racheakt

In Orgosolo gibt's seit Jahrzehnten immer wieder wilde Fehden. Doch zeitgleich hat sich das 4400-Seelen-Dorf zu einer einzigartigen Open-Air-Galerie gewandelt.

Orgosolo
Orgosolo
Orgosolo – (c) imago/imagebroker

Durchlöchert sind viele Ortsschilder auf Sardinien – mit bis zu daumengroßen Kugeln, von schießwütigen Pistoleros. Den Wegweiser nach Orgosolo aber haben sie regelrecht zersiebt: Das O in der Mitte – ein einziges Loch, darunter und darüber klaffen tiefe Schussscharten. Ja, die Luft hier oben 600 Meter über der Ostküste in den Supramonte-Bergen ist schon einmal bleihaltig. Beispiele? Am 29. Dezember 2007 wird Sardiniens beliebter Volksdichter Peppino Marotto hinterrücks an Orgosolos Zeitungskiosk erschossen. Eine Woche später: Die Mattana-Brüder, des Mordes am 82-Jährigen verdächtig, sterben im Kugelhagel eines Hinterhalts. 1998 – kurz vor Heiligabend – wird Orgolosos Priester erschossen, 1962 trifft es ein britisches Journalistenehepaar beim Picknick, und zehn Jahre vorher starben 20 Dorfbewohner, nachdem jemand eine Todesliste mit 36 Namen an Orgosolos Kathedrale gepinnt hatte. Zeitweise schickt Italiens Regierung Spezialeinheiten, um das sogenannte Banditendorf zu bändigen.

Open-Air-Galerie

Also das Auto lieber oben am Ortseingang parken, vorsichtig durch die engen Gassen hinunterpirschen in Richtung Zentrum und checken, ob dunkle Gestalten in Hauseingängen lauern. Doch nur ein sonnengegerbter Vespafahrer knattert zur musealen, zweisäuligen Dorftanke, und zwei schwarz gewandete betagte Frauen mit strengen Dutts humpeln in Richtung Minisupermarkt. Die Häuser, meist karge, planlos erweiterte Zweckbauten, fügen sich zu kantigen Straßenverläufen ohne lieblichen Toskana-Charme. Ihre Fassaden – vielerorts Feldstein und schlammfarbener Rauhputz – wirken auf den ersten Blick wie tätowiert, mit großformatigen, weithin sichtbaren Gemälden, von denen sich manche um die Straßenecken winden. An der Piazza Caduti in Guerra, dem zentralen Platz der Kriegsgefallenen, spielen Männer mit Schirmmützen Boule unter Bäumen. Gefährlich? Scheint hier niemand zu sein. Aber sehr gastfreundlich. Der Mann am Tisch gegenüber habe meinen Espresso schon bezahlt, sagt die Bedienung im Kiosk Paninoteca da Michela. Und der Spendierfreudige weist den Weg zu Orgosolos Open-Air-Galerie: „Immer dem Corso Repubblica folgen, etwa einen Kilometer lang durch den Ort."

Orgosolo
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Orgosolo – (c) imago/imagebroker

Zeitgeschichte in Murales

Das erste Wandbild am offenbar verlassenen Eckhaus der Gasse zeigt zwei besorgte Gesichter mit Bombenflugzeugen darüber. Eine von mehreren gemalten Erinnerungen an den Versuch, das Gemeindeland Pratobello (schöne Wiese) oberhalb Orgosolos zum Truppenübungsplatz zu machen. Am 19. Juni 1969 soll's losgehen, und nicht nur die Militäreinheiten sind früh auf den Beinen, auch 3000 widerspenstige Dorfbewohner. Sie verdrehen und klauen Wegweiser zur Verwirrung der Truppen, treiben Schafherden in anrückende Panzerkolonnen. Frauen mit Kindern begleiten die Soldaten, erzählen ihnen wieder und wieder, dass sie unerwünscht sind. Mit Erfolg. Die Einheiten ziehen ohne einen Schuss wieder ab. Und siehe da, so lösen auch Orgosolos Bürger einmal einen Konflikt ohne Waffengewalt. Zwar gibt's hier deutlich mehr Mordopfer als anderswo – aber die Leute im Dorf sind zugleich entschieden gegen Blutrache, Krieg und Gewalt, jedenfalls haben sie das auf ganz viele Hauswände gemalt – gleich nebenan mit einem überlebensgroßen „No War"-Statement von Charlie Chaplin.

Viele Stile, viele Botschaften

Nach den ersten, rund um den Pratobello-Protest entstandenen und kaum erhaltenen Wandbildern entstehen die nächsten erst ab 1975, initiiert von Francesco del Casino, einem Kunstlehrer, der aus Siena an Orgosolos Mittelschule kommt. Er, seine Schüler und Amateurmaler aus dem Ort erschaffen in den folgenden Jahrzehnten etwa 120 Murales – überdimensionale Wandbilder, oft im Stil mexikanischer Revolutionsgemälde, mitunter an den Kubismus erinnernd, wenn del Casino selbst malt. Hier und da sind Comicanleihen zu sehen, vereinzelt Surrealistisches. Ob am Corso Repubblica oder in den Seitengassen – fast immer steht man vor anklagenden, linken, kämpferischen Großformaten, sei es zur Korruption in Italien, sei es zu den Angriffen auf das World Trade Center, zum Sturz der Saddam-Hussein-Statue in Bagdad 2003 oder zum ebenfalls von US-Militärs betriebenen Putsch gegen Chiles Präsidenten Allende 40 Jahre zuvor. Es ist der einmalige Gang durch eine bewohnte Kunstausstellung, denn hier und da schaut schon jemand zum Betrachter zurück – aus dem Fenster im oder neben dem Wandbild. Etwa neben dem einzigen deutschen Thema, der RAF, das eine Fassade ziert – mit eigenwilligem Kommentar: „Experte für Selbstmord des imperialistischen Staates" steht unter einer Helmut-Schmidt-Büste, umrankt mit den Namen der Terroristen Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe. Sie nahmen sich 1977 im Gefängnis Stuttgart-Stammheim das Leben.

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Orgosolo – (c) imago/imagebroker

Kein Ansturm von Touristen

Dann plötzlich ein Anschlag aus dem Hinterhalt: Schnell Schutz suchen im nächsten Hauseingang – Bomben schlagen ein im Corso Repubblica! Gefüllt Gott sei Dank nur mit Wasser, werden sie vom Balkon des Hauses Nummer 284 von ein paar Buben in die Gasse geworfen – den Touristen auf ihre Köpfe, die nun nach der Mittagspause in Karawanen durch Orgosolos Open-Air-Galerie schlendern. „Wasserbombenopfer" gibt es reichlich, denn mehr als 150.000 Besucher kommen jährlich mit Bussen und auf eigene Faust in das kleine Dorf etwa 50 Kilometer landeinwärts der Ostküste Sardiniens. Doch eine San-Giminanisierung des Ortes hat dieser Andrang bisher (noch) nicht zur Folge: keine Souvenirladenmeilen, keine Olivenölabfüller und Weinkeller, keine Schafskäsereien, dabei wären sie naheliegend angesichts von Orgosolos Hirtenfamilien, die mit ihren Herden übers Supramonte pilgern. Die tägliche Arbeit im Dorf – früher und heute –, sie ist ebenfalls auf immer mehr Murales zu sehen, in der Via Tiziano, der Via Kennedy und besonders schön: das Porträt dreier Näherinnen an der Via Mercato.

Aus der geplanten Stippvisite in Orgosolo wird ein „Wiederholungstäter"-Bummel durch die Gassen, weil man bei mehrmaligem Hinsehen immer neue Gemälde und Details entdeckt. Etwa an der Piazza Carlo Marx, wo der Namensgeber des Platzes mit seinem politischen Bruder Friedrich Engels aus einem biedermeierlich anmutenden Wandgemälde glotzt. Gegenüber setzen junge Pioniere ihren Kampf fort. Gianluca und Matteo befüllen am Brunnen neue Luftballons mit Wasser, mit denen sie gleich Touristen im Corso Repubblica überraschen werden. Die beiden Buben sollten sich von Orgosolos Touristikern verpflichten lassen, die sich am Image des Banditendorfs nicht stören.

BILDGESCHICHTEN

Infos: sardegnaturismo.it

Übernachten: Hotel Sa 'e Jana, familiär geführt, schöne Zimmer, gute Küche.

Essen & trinken: Paninoteca da Michela: beim Corso Repubblica, gute Snacks, etwa Pane Lentu e Purpuzza. Ristorante Il Portico: solide sardinische Küche, Pizze, auf Bestellung traditionelles Mittagessen bei Hirten im Supramonte-Gebirge. Ebenfalls im Programm: Führungen zu den Murales im Ort. www.barbagia2000.it

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2019)

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