Der frühe Sound von Berlin

Berlin ist vieles – vor allem eine Musikstadt. Doch bevor Techno die Szene eroberte, waren es David Bowie, Depeche Mode oder U2, die den legendären Ruf der Stadt festigten.

Nicht nur Berliner Clubs gefielen David Bowie in den 1970ern: Die Musiklegende besuchte Theater wie das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm.
Nicht nur Berliner Clubs gefielen David Bowie in den 1970ern: Die Musiklegende besuchte Theater wie das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm.
Nicht nur Berliner Clubs gefielen David Bowie in den 1970ern: Die Musiklegende besuchte Theater wie das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm. – Moritz Haase

Berlin vibriert. Berlin rockt. Die Stadt war immer schon ein Schmelztiegel, ein Ort lebendiger Geschichte. Eine Wunde und eine Nahtstelle zwischen Ost und West, eine Enklave im Kalten Krieg. Vor dem Mauerfall galt Westberlin den Kreativen als eine vermeintliche Insel der Glückseligen. Was nicht hieß, dass der Osten musikalisch so grau war, wie er aussah.

Auch heute, nach rasantem Um- und Aufbau, nach Gentrifizierung und Kapitalisierung erscheint Berlin niemals glatt, bietet immer noch Überraschungen und unbekannte, magische, anregende Orte. Diese ganz eigene Atmosphäre, die hybride Substanz und die starke Szene inspirierten seit jeher viele Künstler. Besonders intensiv wirkte Berlin beispielsweise auf drei Legenden der populären Musik – David Bowie, Depeche Mode und U2. Der Besucher kann heute ihren Spuren durch die Stadt folgen, wobei sich manche Wege kreuzen.

Die Orte von David Bowie

? Kreuzberg, Köthener Straße 38: Das trutzige Gebäude der Hansa-Studios mit seinen mächtigen Säulen und einer Osteria im Erdgeschoss liegt eingekesselt zwischen hässlichen Appartementblocks und gläsernen Verwaltungsschließfächern, überschattet von den Hochhäusern am Potsdamer Platz. Vor der Wende standen hier, im Herzen von Berlin, nur ein paar verstreute, von den Bombardements des Zweiten Weltkriegs verschonte Häuser. Riesige Brachflächen, die Mauer mit Todesstreifen und Wachtürmen trennten den Osten und den Westen.

In den legendären Hansa-Studios wurden viele Klassikaufnahmen für Ariola produziert. Auch Roland Kaiser und Udo Jürgens sowie später etwa Boney M. haben hier ihre Platten aufgenommen. Bereits im Eingangsbereich bittet ein Schild, von Spontanbesuchen abzusehen. Sofern man nicht Herbert Grönemeyer heißt, Adel Tawil oder Nils Landgren, kommt man hier nicht einfach so hinein. Toningenieur Thilo Schmied jedoch hat die Lizenz zum Zeigen. Er führt uns durch die Hansa-Studios, den benachbarten Meistersaal und zu einigen spannenden Berliner Plätzen, die mit legendären Musikern zu tun haben. „Jedes Jahr kommen um die 10.000 Gäste aus ganz Europa hierher, um all diese Orte zu sehen.“

Ehrfurchtsvoll betreten wir das Heiligtum. Jeder Raum, jeder Flur atmet Rockstar-Aura und jüngere Musikgeschichte. „Die Studios waren die kreative Heimat von David Bowie“, erklärt der Toningenieur. „Er hat Berlin – und die Hansa-Studios – für sich selbst und andere internationale Rockgrößen entdeckt.“ David Bowie hatte Mitte der 1970er-Jahre die Nase voll vom Musikbetrieb und seinem Leben in Los Angeles mitsamt den komischen Drogen, die dort alle nahmen. Er brauchte Luftveränderung, betrachtete Berlin als Kur. Er schätzte die Atmosphäre und die kreative Freiheit, auch das Angebot von Kunst und Kultur. „Berlin ist meine DNA“, sagte Bowie einmal. Hier konnte er der sein, der er wirklich war. Ein ganz normaler, fast ein bisschen schüchterner, schmaler junger Mann. Und keine der Kunstfiguren wie Ziggy Stardust oder Thin White Duke, in die er sich geschäftsmäßig verwandelte.

Natürlich entstand in den Hansa-Studios auch der Text für Bowies Berlin-Hymne „Heroes“. Angeblich soll der Ausnahmekünstler den Text am Regiepult in ein paar Stunden auf unzähligen Blättern Diagrammpapier zusammengeschrieben haben.

Herz von Studio 1 ist das riesige Mischpult. Groß wie ein ausgewachsener Wohnzimmerteppich, mit geschätzt über 1000 Reglern. „64 Kanäle“, erklärt Musikexperte Schmied. Das allein war schon einer der Gründe, warum Bowie und Co. unbedingt hierher wollten: „Die Bands bekamen vor Begeisterung jedes Mal Schnappatmung, wenn sie das hier zum ersten Mal sahen.“
? Dahlem, Bussardsteig 9.
David Bowie war ein glühender Fan von Malerei, vor allem der expressionistischen, vom Werk eines Erich Heckel oder Ernst Ludwig Kirchner, die beide Mitglieder der Künstlergruppe „Die Brücke“ waren. Daher verbrachte Bowie ganze Tage im Brücke-Museum im Grunewald. Und es muss ihn inspiriert haben. Bowie wurde dort und da gesehen, wie er – mit Hut und Staffelei – selbst malte.
? Mitte, Bertolt-Brecht-Platz 1.
Das Theater am Schiffbauerdamm, das „Berliner Ensemble“, ist die legendäre Spielstätte von Bertolt Brecht (1898–1956) und wurde 1949 gegründet. Als glühenden Verehrer des großen Dramatikers trieb es Bowie immer wieder zu der Bühne im Osten der Stadt. Und immer wieder saß er beeindruckt im Zuschauerraum. Bis er 1982 selbst eine Brecht-Platte aufnahm. Natürlich im Meistersaal der Hansa-Studios.
? Schöneberg, Hauptstraße 155.
Auf dem Gehsteig vor dem unscheinbaren Haus flackern ein paar Grablichter. Daneben liegen halb vertrocknete Blumensträuße. Touristen schauen nach oben. Dort, in der ersten Etage, hat Bowie Ende der 1970er-Jahre gewohnt. In einer Wohnung mit sieben Zimmern für 500 Mark Miete. Seit seinem Tod am 10. Jänner 2016 pilgern immer wieder Fans hierher. An der Fassade hängt eine schlichte Gedenktafel.

Was das Schild allerdings nicht erzählt: David Bowie teilte mit seinem Kumpel Iggy Pop hier in Berlin so ziemlich alles. Die Wohnung und sogar die Mädchen. Freigiebig füllte Bowie auch jeden Tag die Vorräte nach – Köstlichkeiten, die er grundsätzlich selbst im nur ein paar Hundert Meter entfernten KaDeWe nachlud. Als Iggy Pop ihm aber zum dritten Mal den kompletten Kühlschrank leergegessen hatte, warf Bowie seinen Kumpel entnervt hinaus. Allerdings nicht so weit – er hatte ihm eine kleine Zweizimmerwohnung im Hinterhof besorgt. Wo Iggy Pop ohne nennenswerte Möbel, dafür aber mit mehreren Hundert Flaschen Karottensaft hauste.

Bowies Lieblingsbar liegt unweit: zu Fuß etwa 30 Sekunden östlich. In der Schwulenkneipe Anderes Ufer sah man den Musiker häufig mit Pfeife, Hut und seinem Malzeug. Heute heißt das Lokal Neues Ufer und scheint nicht viel verändert.
? Schöneberg, Nollendorfplatz 5.
Das legendäre Metropol sieht von außen aus wie ein Bahnhof oder eine Maschinenfabrik, war einst ein Schauspielhaus und Kino, später eine Diskothek. Und es war der Stamm-Club von David Bowie. Rein kommt man da auch bei einer Führung nicht, mittlerweile ist alles geschlossen. Zuletzt hieß das Lokal Goya und ist seit 2014 pleite. Hier erfand übrigens auch Dr. Motte die Love Parade, traten Größen wie Nina Hagen auf, wurden Stars wie Morrissey, Nick Cave oder WestBam groß gefeiert.
? Schöneberg, Nürnberger Straße 53.
Im Dschungel (in etwa das Berliner Pendant zum legendären New Yorker Studio 54) tummelten sich in den späten 1970er- und den 1980er-Jahren Berlins Partypeople. Hier gingen die Musiker von Depeche Mode genauso ein und aus wie Mick Jagger, Frank Zappa oder Prince. Und auch David Bowie war hier unterwegs. Er stand angeblich am liebsten auf der Balustrade und schaute über die Tanzfläche. Wehmütig heißt es in einem seiner letzten Stücke, „Where are we now“ von 2013: „Sitting in the Dschungel, on Nurnberger Strasse.“ Heute befindet sich an dieser Stelle das Hotel Ellington – benannt nach der Jazzlegende Duke Ellington, der hier in den 1920ern unter anderem mit der berühmten Tänzerin Josephine Baker auftrat.
? Charlottenburg, Hardenbergplatz.
Rund um den Bahnhof Zoo befand sich in den 1980ern eine der verrufensten Ecken von Berlin: Hier versank Berlin in der Drogenszene und seiner Beschaffungsszene. Am Originalschauplatz drehten Regisseur Uli Edel und Produzent Bernd Eichinger auch das autobiografische Drogendrama „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Erkennungsmelodie ist Bowies Berlin-Nummer schlechthin – „Heroes“ – und der Musiker spielt auch kurz in dem Film mit, ein Cameo-Auftritt. „Wir haben bei Bowie angefragt, ob er mitmacht. Und gleich dazugesagt, dass wir aber nichts zahlen können“, schildert Edel. Wochen später tippte ihm jemand in einem Club auf die Schulter. Es war Bowie. Er sagte nur: „Ich bin dabei.“ Eine zentrale Szene im Film ist das Bowie-Konzert im Metropol. Doch es gab ein Problem: Bowie befand sich während der Zeit der Dreharbeiten nicht in Berlin, sondern in New York. Deshalb musste getrickst werden. Die Filmemacher drehten Bowie auf der Bühne im Bacon Theatre, wo er jeden Abend auftrat. Und die Publikumsszenen entstanden im Metropol – bei einem Konzert von AC/DC. Im fertigen Film waren dann auch Mitglieder einer Rockergang zu sehen, die zwar zu AC/DC passten, mit Bowie und seiner Musik aber nichts am Hut hatten. Für diesen unfreiwilligen Auftritt forderten die Kuttenträger später auch noch Geld von Produzent Eichinger – als Wiedergutmachung?

Kulisse für Depeche Mode

Im Sog von David Bowie, der von 1976 bis 1978 fix in Berlin gelebt hat, kamen später Bands wie U2 und eben Depeche Mode in die Kreuzberger Studios. Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan singt auf der Bühne immer wieder einmal Bowies Berlin-Reverenznummer „Heroes“.

Regelmäßig kommen Depeche Mode und U2 nach Berlin. Der erste Weg, bevor sie zu ihren Auftritten fahren (etwa zur Waldbühne oder zum Olympiastadion), ist ganz sicher ein kleiner, emotionaler Ausflug in ihre eigene Geschichte: etwa in die Köthener Straße, wo ein Kurzbesuch in den Hansa-Studios ansteht. Depeche Mode haben dort unter anderem ihren berühmten Titel „Wrong“ eingesungen, das Percussion-Intro ihres Superhits „People are People“ im Studio nebenan in stundenlanger Kleinarbeit zusammengefrickelt. Und für das Video von „Shake the Disease“ sind die Musiker über die Kanäle von Kreuzberg und Neuköllngeschippert.

1983 waren DeMo das erste Mal in den Hansa-Studios zu Besuch. Ab da war Berlin fast so etwas wie eine zweite Heimat für die Briten. Nach den anstrengenden Studiotagen ging es ab ins Nachtleben.

Sänger Martin Gore wohnte sogar länger in der Stadt, bei seiner Freundin in Westberlin, in der Charlottenburger Heerstraße. 1988 folgte ein legendärer Auftritt im Osten: offiziell ein „Geburtstagskonzert der FDJ“, der kommunistischen DDR-Jugendorganisation. Die Karten kosteten laut Aufdruck 15 Ostmark. Die Fans zahlten mehrere Hundert auf dem Schwarzmarkt, um in das ausverkaufte Konzert ihrer Idole zu kommen. Der Ort der Veranstaltung, die Werner-Seelenbinder-Halle in Lichtenberg, steht schon lang nicht mehr. Heute befindet sich das Velodrom an dieser Stelle.

U2 in Berlin

Im Oktober 1990 im frisch wiedervereinigten Berlin, das noch so viele Zeugnisse und Wunden der Teilung aufzuweisen hatte, hatten sich die Musiker von U2 regelrecht in die Stadt verliebt. Noch heute residiert in der Luisenstraße 40 in Berlin Mitte die Firma One, Bonos Charity-Unternehmen, das sich weltweit gegen Not und Hunger engagiert. Im damaligen Künstlertreff Möwe in der Luisenstraße 40 residiert heute die Landesvertretung von Sachsen-Anhalt. Hier drehte Starfotograf Anton Corbijn 1991 mit U2-Frontmann Bono und dessen Vater das Video zum Berlin-Hit „One“.
? Friedrichstraße 105b:
Im Promi-Restaurant Grill Royaltanzten U2 gern einmal auf den Tischen. Um die Ecke, in der Straße am Kupfergraben, traf Merkel-Fan Bono die Kanzlerin in ihrer Privatwohnung. Am nahe gelegenen Bode-Museum, vor dem Frankfurter Tor und an der Eastside-Gallery (Mauerreste) tauchte, hundertfach fotografiert, der bunte Trabi der Band, der später in den U2-Videos zu sehen war, auf. Die U2s wohnten übrigens die ganze Zeit im Ostteil der Stadt, im einstigen Palasthotel. Die DDR-Vorzeigeherberge wurde 2001 abgerissen. Heute steht hier ein Bürobau.

BERLIN-INFO

Übernachten low budget: Günstig, sauber, zentral: Das Easyhotel am Rosenthaler Platz in Mitte hat ein ähnliches Innendesign wie die Easyjet-Flieger, ist entsprechend spartanisch eingerichtet. WLAN und TV kosten extra. Aber eigentlich braucht's im trubeligen Berlin eh nur ein solides Bett. Übernachtung im DZ ab 29 € p.P., www.easyhotel.com

Übernachten mit Stil: Im Art'otel Berlin Mitte hängt überall Kunst von Georg Baselitz. Zu Fuß sind's nur ein paar Schritte zum Gendarmenmarkt oder Alexanderplatz. DZ ab 119 €, www.artotels.com

Unterwegs auf den Spuren der Stars:

Tour durch die Hansa-Studios ab 15 Euro p.P.

Berlin-Rundgänge oder -fahrten auf den Spuren von David Bowie, U2 oder Depeche Mode ab 14 Euro p.P. Infos: www.musictours-berlin.de

Anschauen: z.B. Brücke-Museum, bruecke-museum.de, Berliner Ensemble, www.berliner-ensemble.de

Allgemeine Berlin-Infos: www.visitberlin.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2019)

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