Bulgarien: Durch das Herz des Balkans bis ans Schwarze Meer

Canettis Haus verfällt, Christo verhüllt nichts, und die Klosterschwestern schweigen. Durch die bulgarische Provinz von der Donau bis an traumhafte Strände.

Weite goldfarbene Strände am Schwarzen Meer locken Badetouristen an.
Weite goldfarbene Strände am Schwarzen Meer locken Badetouristen an.
Weite goldfarbene Strände am Schwarzen Meer locken Badetouristen an. – GEORG CHRISTOPH HEILINGSETZER

Was weiß der Durchschnittsmitteleuropäer schon über die bulgarische Provinz? Wohl eher weniger. Gut, dass einem auf der „Brücke der Freundschaft“, die sich zwischen der rumänischen Grenzstadt Giurgiu und dem bulgarischen Gegenüber Ruse über Donau spannt, eingezwängt zwischen Lastwagen, Zeit bleibt, sich ein wenig kundig zu machen.

Ruse ist mit rund 165.000 Einwohnern als fünftgrößte Stadt Bulgariens das wirtschaftliche und industrielle Zentrum im Norden des Landes. Die Nähe zur Donau spielt seit dem Altertum eine große Rolle. Unter Kaiser Vespasian (9–79) wurde eine erste Siedlung unweit des heutigen Zentrums als „Hafen der 60 Schiffe“ gegründet, dessen Ruinen noch heute besichtigt werden können.

 

Reformmodell

Unter den Osmanen erlangte die nun Rustschuk genannte Stadt zusehends an Bedeutung. Der spätere Großwesir Ahmed Midhat Paša (1822–1884) versuchte, die „Donauprovinz“ zu einem Reformmodell zu machen: Es wurden Agrarbanken gegründet, eine Provinzzeitung wurde etabliert und mit englischem Kapital die erste Eisenbahnstrecke Bulgariens von Ruse nach Varna am Schwarzen Meer erbaut. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft 1878 behielt Ruse seine Bedeutung für die Schifffahrt. Das Bild der Altstadt um den zentralen Freiheitsplatz ist geprägt durch Bauwerke österreichischer, deutscher, italienischer und bulgarischer Architekten des Barock und der Renaissance, aber auch manches Gebäude aus kommunistischer Zeit hat seinen Reiz.

Kaum bekannt ist, dass der Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti in Ruse auf die Welt gekommen ist. Unweit des Zentrums findet man in einem Hinterhof der Ulitsa General Gurko 13 sein Geburts- und Elternhaus. Das unscheinbare Gebäude ist offenkundig dem Verfall preisgegeben. Es beherbergt weder eine Gedenkstätte, noch ist auch nur ein Hinweisschild zu sehen.

Canetti wurde 1905 als Spross einer jüdisch-sephardischen Kaufmannsfamilie geboren; 1911 übersiedelte die Familie vorübergehend nach England. Bereits 1913 zog Elias Canetti nach dem frühen Tod des Vaters mit seiner Mutter und den beiden jüngeren Brüdern nach Wien, wo er sich nach Stationen in der Schweiz und in Deutschland 1924 wieder niederließ, bevor er Österreich mit seiner Frau, Veza, nach dem „Anschluss“ endgültig den Rücken kehrte.

Canetti erinnert sich in seinem Kindheitsbuch „Die gerettete Zunge“ an eine multikulturelle Stadt: „Rustschuk (. . .) war eine wunderbare Stadt für ein Kind, und wenn ich sage, dass sie in Bulgarien liegt, gebe ich eine unzulängliche Vorstellung von ihr, denn es lebten dort Menschen der verschiedensten Herkunft, an einem Tag konnten man sieben oder acht Sprachen hören. Außer den Bulgaren, die oft vom Lande kamen, gab es noch viele Türken, die ein eigenes Viertel bewohnten, und an dieses angrenzend lag das Viertel der Spaniolen, das unsere. Es gab Griechen, Albanesen, Armenier, Zigeuner. Vom gegenüberliegenden Ufer der Donau kamen Rumänen, meine Amme, an die ich mich aber nicht erinnere, war eine Rumänin. Es gab auch, vereinzelt, Russen.“

Durch eine zunächst flache, dann kupierte und schließlich hügelige Landschaft gelangt man von Ruse in knapp zwei Autostunden nach Veliko Tarnovo. Die Blütezeit dieser Stadt hängt mit der Periode des Zweiten Bulgarischen Reichs (1187– 1396) zusammen. 1185 riefen die Brüder Ivan AsenI. und Todor PetarIV. zum Aufstand gegen die 167 Jahre währende byzantinische Herrschaft und erklärten nach zwei Jahren Veliko Tarnovo zur Hauptstadt eines selbstständigen Reichs.

 

Kultureller Mittelpunkt

Die Stadt entwickelte sich schnell und wurde vom 17. bis ins 19. Jahrhundert eine uneinnehmbare bulgarische Festung sowie ein kultureller und geistiger Mittelpunkt Bulgariens. Die befestigte Zarenresidenz Veliko Tarnovos liegt auf dem an drei Seiten vom Fluss Jantra umflossenen Hügel Carevec. Nach Einbruch der Dunkelheit wird allabendlich der Burgberg mit roten, grünen und goldgelben Lichtern bestrahlt, Lasereffekte und Blitzlichter ergänzen das Schauspiel.

Die terrassenartig auf Hügeln in den Schlingen der Jantra auf einem Felsrücken erbaute Stadt gefällt nicht nur durch ihre reizvolle Lage, sondern auch durch die Architektur ihrer orthodoxen Kirchen und Häuser, die sich dicht an dicht am Abgrund drängen. Auf der Handwerkerstraße, in der man Cafés und Restaurants findet, schlendert man an Werkstätten, Souvenirläden und Galerien vorbei. Es haben sich in den letzten Jahren viele Künstler hier niedergelassen, auch viele Exilbulgaren kehrten zurück. So auch der Besitzer des Cafés Stratilat, der in breitem Wienerisch erklärt, dass er 25Jahre in der österreichischen Hauptstadt gelebt habe. Natürlich kredenzt er zur Sachertorte eine Wiener Melange.

Eine wilde Straße zweigt nach wenigen Kilometern von der Straße nach Arbanasi, der einstigen Sommerresidenz der Zaren, zum im zehnten Jahrhundert gegründeten Kloster der Dreifaltigkeit Sveti Troica Monastir ab, das im 14. Jahrhundert eine der wichtigsten Lehranstalten für bulgarische Literatur war und heute von Klosterfrauen bewohnt wird. Dort wird, wie bei den Trappisten, kein Wort zu viel gewechselt. Eine strenge Nonne an der Pforte bedeutet dem schleißig gekleideten Gast mit einer abfälligen Geste, dass er mit diesem Outfit vergebens um Einlass bitte. Mit ihren Pflanzen scheinen die Klosterschwestern liebevoller umzugehen als mit Besuchern. Umdrehen und umziehen ist angesagt, dann wird man durch den hübschen Klosterhof und die Kirche geleitet.

 

Hauptstadt des Humors

Auf einer Hochebene über Veliko Tarnovo thront das Dorf Arbanasi, die einstige Sommerresidenz der Zaren und mancher kommunistischer Herrscher. Das von Stein- und Holzhäusern, Klöstern sowie steinernen Gotteshäusern wie etwa der Kirche der Erzengel Gabriel und Michael gebildete Architekturjuwel gehört zum Weltkulturerbe.

Von Veliko Tarnovo führt die Straße durch das waldreiche, gewundene Tal der Jantra nach Gabrovo. Auf den ersten Blick möchte man hierher seinen Hund nicht auf Urlaub schicken. Warum der 1935 in der Stadt geborene Christo Vladimirov Javascheff, besser bekannt als Christo, der mit seiner Ehefrau bis zu deren Tod ein untrennbares Künstlergespann bildete, seine Energie darauf verschwendete, auf der ganzen Welt Dosen, Stühle, Autos, Parkwege, Brücken oder Parlamente zu verhüllen, statt den heimatlichen Betonklötzen ein neues Kleid zu verpassen, bleibt ein Rätsel. Die ansässige Bevölkerung, die als die lustigste des Balkans gilt, kann über diesen Treppenwitz der Kunstgeschichte wohl nur lachen. Die Stadt definiert sich nämlich als „Hauptstadt des Humors und der Satire“ und beherbergt das weltweit wohl einzigartige Haus des Humors, in dem humoristisches und satirisches Material wie Karikaturen aus aller Welt gesammelt wird. Jedes zweite Jahr findet hier im Sommer das internationale Festival des Humors und der Satire statt.

Über eine Passstraße geht es durch waldreiches Gebiet weiter, ehe man bei Stara Zagora wieder in die von großen Sonnenblumenfeldern gezierte Ebene kommt. Am Fuß der als Wanderparadies und Heimat des sagenhaften thrakischen Sängers Orpheus geltenden Rhodopen liegt die zweitgrößte bulgarische Stadt, Plovdiv. Gemeinsam mit dem süditalienischen Matera zu Recht mit dem Titel Europäischen Kulturhauptstadt 2019 geadelt, soll Plovdiv die älteste seit der Jungsteinzeit kontinuierlich bewohnte Stadt Europas sein.

 

Mediterranes Flair

Die auf drei Hügeln erbaute Altstadt ist durch römische Bauwerke, die in den letzten Jahrzehnten renoviert und auf moderne Art ins Stadtbild integriert wurden, osmanische Gebäude, orthodoxe Kirchen und Häuser der bulgarischen Renaissance geprägt. Die quirlige Stadt an den beiden Ufern der Marica ist durch mediterranes Flair geprägt: Straßenmusiker erfreuen mit Gitarren, Akkordeon- oder Geigenklängen, Parks mit Brunnen und Denkmälern, Cafés, Eisdielen und Restaurants, in denen man bulgarische Köstlichkeiten und den herrlichen Mavrud-Wein serviert, der aus einer uralten, autochthonen Rebsorte gekeltert wird. Eine belebte Fußgängerzone führt zum nur teilweise freigelegten römischen Stadion, in dem einst vor 30.000 Zuschauern Tier- und Gladiatorenkämpfe abgehalten wurden, und zur hübschen Džumaja-Moschee aus dem 15. Jahrhundert.

 

Bulgarische Wiedergeburt

Von dort gelangt man über kopfsteingepflasterte Gässchen mit wunderschönen Häusern aus der Zeit der „Bulgarischen Wiedergeburt“, als man gegen Ende der osmanischen Herrschaft ein Nationalbewusstsein entwickelt hat, zum Altstadthügel. Auf dessen höchster Erhebung, dem Nebet Tepe, befinden sich Reste der alten thrakischen Siedlung Eumolpia. Von hier aus hat man auch eine wundervolle Aussicht auf die Marica und die Plovdiver Vorstadt.

Das spektakulärste antike Bauwerk, das römische Marmortheater, liegt zwischen zwei Hügeln. Es hat auf seinen zwei steilen Rängen mit jeweils 14 Reihen Platz für 7000 Zuschauer geboten, dient heute wieder als Aufführungsort für Konzerte und Theaterstücke und zeigt ebenfalls einen schönen Blick auf die Neustadt. Auf den Bänken jedes Sektors waren die Namen der Stadtteile geritzt, sodass jeder Besucher nach dem jeweiligen Wohnsitz seinen Platz hatte.

Wie die Donau endet auch diese Reise am Schwarzen Meer. Auf einer felsigen Landzunge an der Nordseite der Bucht von Burgas gelegen, sticht das Städtchen Nesebar nicht nur aufgrund der reizvollen Lage und seiner schönen Strände, sondern auch wegen seiner Baudenkmäler hervor. Allein die Ankunft über einen Damm, der an einer Windmühle vorbei zum Altstadteingang führt, ist verheißungsvoll: Ruinen griechischer Festungsmauern schmücken den Ortseingang.

Lässt man sich die Besichtigung der Stadt nicht durch Ramsch- und Kitschbuden verleiden oder durch den einen oder anderen Touristen, der wegen der extrem niedrigen Bierpreise gekommen ist, kann man sich an der Schönheit eines Ensembles von Häusern aus der Nationalen bulgarischen Wiedergeburt erfreuen, das um mittelalterliche Gotteshäuser und Kirchenruinen innerhalb der Reste einer antiken Stadtmauer im späten 19. Jahrhundert entstanden ist.

Nesebar kommt ganz ohne Bettenburgen und Balkan-Ballermann aus. Wer den Weg über das Balkangebirge durch die ruhige Provinz Bulgariens hinter sich gebracht hat, kann darauf sicher verzichten. Alles, was man nun braucht, sind ein paar ruhige Tage am Strand. Und die kann man sich hier gönnen.

UNBEKANNTES BULGARIEN

Infos: Bulgarisches Fremdenverkehrsamt, Frankfurt am Main, Tel.: +49/(0)69/295 284. www.bulgariatravel.org/de

Topografie: Bulgariens Norden ist durch die Donauebene geprägt, in deren Osten die Stadt Ruse liegt. Südlich davon erstreckt sich in West-Ost-Richtung das zentrale Balkangebirge Stara Planina mit Gipfeln über 2500 Metern und einem großen Nationalpark. Südlich davon befinden sich die Balkanvorgebirgskessel mit der Hauptstadt Sofia und Plowdiw weiter im Osten. Der Süden des Landes ist wieder von Gebirgen geprägt, wie von den Rhodopen mit ihren Naturschätzen und Wanderoptionen. Ganz im Osten liegt die Schwarzmeerküste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2019)

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