Santa Cristina: Der Fisch im System

Santa Cristina, eine Privatinsel in der Lagune von Venedig: Was behutsames Wirtschaften, Nachhaltigkeit und sanfter Tourismus zustande bringen.

Relikt. Santa Cristina ist die letzte existierende Insel des Lagunenarchipels Ammiana.
Relikt. Santa Cristina ist die letzte existierende Insel des Lagunenarchipels Ammiana.
Relikt. Santa Cristina ist die letzte existierende Insel des Lagunenarchipels Ammiana. – (c) Isola Santa Cristina/Andrea Ferrari

Venedig produziert immer wieder „politische" Schlagzeilen. Unter anderem aufgrund des unermüdlichen Kampfs seiner Bürgerinnen und Bürger gegen das Primat der Kreuzfahrtschiffe und ihrer Passagiermassen. Erstere zerstören die Lagune (Beschädigung des ökologischen Gleichgewichts durch Wasserbewegungen und Kanalvertiefungen, Vernichtung des Pfahlbaufundaments, Schwerölrauch), Zweitere ruinieren die urbanen Strukturen (Verdrängung herkömmlicher Wirtschaftszweige durch Souvenirbedarf, minimaler Konsum, maximaler Müll). Keiner benötigt einen ressourcenverschwendenden und auf Quantität aufgebauten Tourismus. Und doch gelingen höchstens Etappensiege, denn die Venezianer kämpfen gegen Windmühlen: Die Profiteure hoher Hafengebühren oder toller Schmiergelder legen sich im Hintergrund quer. Die Stagnation und die Zerstörung haben ihre Architekten. Doch wer hätte gedacht, dass es in der Lagune auch das Gegenteil davon gibt – Isola Santa Cristina, eine Privatinsel, die den Weltenströmungen trotzt?

Symbiose. Im Inneren sind fruchtbarer Boden und Salzwasserbecken im Austausch.
Symbiose. Im Inneren sind fruchtbarer Boden und Salzwasserbecken im Austausch.
Symbiose. Im Inneren sind fruchtbarer Boden und Salzwasserbecken im Austausch. – (c) Isola Santa Cristina /Andrea Ferrari

Totale Ruhe. Ein paar Kilometer Luftlinie vom Tohuwabohu der Touristenmetropole entfernt, eine knappe halbe Stunde Schifffahrt vom Markusplatz, geht René Deutsch, langsam und nachdenklich, über Santa Cristina, über „seine" Insel. Inzwischen ist er das Außergewöhnliche gewohnt: Der Einzige weit und breit zu sein, auf Tuchfühlung mit der berühmtesten Touristenattraktion der Welt, der schwimmenden Pfahlbaustadt, deren Existenz sich nur gelegentlich durch das Horn eines Riesenschiffs bemerkbar macht. Sonst herrscht totale Ruhe. Deutsch ist sich bewusst, dass die politischen Entscheidungen außerhalb seiner Reichweite fallen, er verschwendet seine Energie nicht für einen Kampf gegen Windmühlen. Als er mit seiner Frau Sandra die Entscheidung traf, sich dieser Insel zu widmen, war das auch eine Entscheidung für einen Lebensstil.

Sein Stiefvater Gernot Langes-Swarovski hatte dieses Stück Lagunenland in den 1980er-Jahren gekauft. „Es war für mich ein spezieller Ort mit schönen Kindheitserinnerungen", sagt er und lächelt. Nach der Rückkehr von einer Weltreise und einem mehrjährigen Aufenthalt in Australien pachteten er und Sandra das Inselchen mit den Teichen von der Familie – und bewirtschaften es seither mit ihrer einzigartigen Mischung aus Lernwillen und Bescheidenheit. Sandra gibt Satyananda-Yoga-Klassen. René, Hotelfachschule, Wirtschaftsstudium, war als selbstständiger Unternehmer im Bereich Bio-Lebensmittel und Umwelttechnologien tätig. Heute schreitet er mit Gummistiefeln – es hat jüngst geregnet – durch den Matsch. „Es ist die wunderschönste Aufgabe, sich mit einem Ökosystem zu beschäftigen, draufzukommen, an welchen Schrauben man drehen muss." Er wirft einen skeptischen Blick auf die Kormorane, die sich an einem Fischbecken niedergelassen haben: „Die Kollegen da drüben sind vor zehn Jahren in die Lagune eingedrungen. In Schwärmen überfallen sie die Fischzuchten. Manche Fischer spannen Netze auf." Bis zur Hälfte der Fischernte fällt ihnen zum Opfer. Manche Einheimischen haben sie schon geschossen, doch ein toter Kormoran werde, heißt es, nicht einmal von einer hungernden Katze gefressen. „Hochwasser ist aber die größte Gefahr", erzählt René Deutsch, „wir hatten bisher noch keines, aber letztes Jahr war es ziemlich knapp."

Nutzung. Olivenbäume säumen die Wälle, Wein und Früchte  gedeihen auf der Insel.
Nutzung. Olivenbäume säumen die Wälle, Wein und Früchte  gedeihen auf der Insel.
Nutzung. Olivenbäume säumen die Wälle, Wein und Früchte gedeihen auf der Insel. – (c) Isola Santa Cristina /Andrea Ferrari

Durchlöchert von Wasser. Santa Cristina, nordöstlich von Torcello, die letzte übrig gebliebene Insel eines legendären Lagunenarchipels namens Ammiana, hat kaum einen Kilometer Breite und einen halben Kilometer Länge. Sie besteht in ihrem Inneren aus fruchtbarem Boden und Salzwasserbecken, die einen Wasserkreislauf bilden. Schon in römischer Zeit haben hier Menschen Spuren hinterlassen, Olivenöl erzeugt; römische Maueranlagen, zwei Brunnen, lokale Keramik und diverse Amphoren aus Hispanien sind schon ab dem vierten Jahrhundert nachgewiesen. Im frühen Mittelalter errichteten die Benediktinernonnen ein Cristina-Kloster. Die Überreste der gleichnamigen Heiligen waren im reliquienversessenen Mittelalter vorübergehend hier in der insulären Kirche San Marco untergebracht worden (vermutlich 1325–1432). Es herrscht Verwirrung, wo sich diese Reliquien zu welchem Zeitpunkt genau befanden, doch spätestens 1435 gingen sie knapp vor den letzten Benediktinerinnen nach Torcello. Danach besiedelten noch Fisch- und Muschelzüchter bis ins 16. Jahrhundert die Insel, die in der Folge nur sporadisch bewohnt wurde. Erst im 19. Jahrhundert bauten sie Schleusen, mit denen sie den Salzgehalt und die Wasserströme und den Wasseraustausch mit der Lagune regulieren konnten.

Das Wirtschaftssystem stammt in Teilen aus dem siebten oder achten Jahrhundert. „Valle de pescha" lautet die Fachbezeichnung, genau genommen ein Fischereiwall, keine Zucht. Aale, Goldbrassen und Meeräschen, in der Adria geboren, wanderten freiwillig ein, weil sie instinktiv dem Nährstoffreichtum und der vergleichweisen Armut an Räubern und Fressfeinden folgten. Die Winterbecken sind vier bis fünf Meter tief, die Fische liegen am Grund und schlafen. Wenn es sie durch kalte Außentemperaturen friert, erwachen sie. Sie sind sehr sensibel, spüren jede Strömung. Öffnet man nun die Schleusen zum Meer und lässt etwas wärmeres Meereswasser einfließen, schwimmen die Fische unwillkürlich in Richtung „Wärme". Ab einem gewissen Punkt können sie aber aufgrund von Reusen nicht mehr zurück, wodurch die Fischer per Käscher genau jene Sorten und Größen entnehmen können, die man benötigt, die anderen – etwa Jungfische – lässt man zurückschwimmen.

Objekt. Als
Objekt. Als
Objekt. Als Anwesen fungiert ein ehemaliges ­renoviertes Kloster. – (c) Isola Santa Cristina/Andrea Ferrari

Ab dem elften Jahrhundert waren solche Valli im Besitz venezianischer Familien, deren „Vallesani", Land pachtende Wallmänner, so ihre Fänge machten, ohne aufs offene Meer fahren zu müssen. Wo sich Vögel niederließen, entstanden auf den Valli Jagdgebiete für die Besitzenden. Später reichte die Fischmenge nicht mehr aus, und die Vallesani mussten neben den Erhaltungsaufgaben der Wälle lebende Fische für ihre Becken herbeischaffen. Heute ist René Deutsch eine Art Vallesano – auf der Suche nach seiner Version von Nachhaltigkeit. Das Konzept: Vermietung des Herrenhauses an Gruppen. Als Anwesen fungiert ein ehemaliges, renoviertes Kloster mit Kamin und Außenpool, keine Luxusresidenz, sondern ein bewohnbares Haus. „Luxus passt nicht zur Lagune", erklärt er. „Ich wollte das Ganze nie so superelitär, das sind ja nicht wir. Finanziell trägt es sich momentan noch nicht ganz. Aber wir wollen auch nicht das Maximum ausschöpfen."

Erste Schritte. Wenn Deutsch über Santa Cristina spaziert, hat man auf angenehme Weise nicht den Eindruck, dass hier ein Besitzender sein Eigentum abschreitet. „Es ist eben keine Aquakultur, sondern eine . . . Fischzucht?", sinniert er, „ich suche immer noch nach dem richtigen Wort dafür." Bevor er 2015 kam, war die Fischerei auf Santa Critina 40 Jahre lang brachgelegen. „Die Hälfte aller Teiche war von einem Algenteppich bedeckt. Weil der Fisch im System gefehlt hat." Er musste nun unbedingt die Geheimnisse der Valli di Pescha ergründen. Der erste Schritt war die Kontaktaufnahme mit Forschern des Meeresbiologie-Instituts der Universität Ca’Foscari. Von ihnen lernte er, wie die Vorfahren Santa Cristina bewirtschaftet, wie sie den Wasseraustausch mit der Lagune gesteuert hatten, den Salzgehalt, die Durchmischung mit Sauerstoff. „Danach bin ich pragmatischer geworden und hab mit den lokalen Fischern geredet. Gute Idee! Man sollte das nicht zu theoretisch machen." Der Durchbruch gelang, als jemand sagte: „Gib einfach Fische rein und schau, was passiert." Ein Learning by Doing nahm seinen Ausgang. „30.000 kleine Babyfische haben sie mir gebracht, die Edelfische, die in der Lagune vorkommen, der Wolfsbarsch, die Dorade, die Meeräsche."

Konzept. Das Anwesen ist keine Luxusresidenz, sondern ein schön bewohnbares Haus.
Konzept. Das Anwesen ist keine Luxusresidenz, sondern ein schön bewohnbares Haus.
Konzept. Das Anwesen ist keine Luxusresidenz, sondern ein schön bewohnbares Haus. – (c) Isola Santa Cristina/Andrea Ferrari

Es gibt nicht nur Fische. Hier sind die Bienenstöcke, die einen dunklen, vollen Honig machen, dort die Zitronen, Feigen, Granatäpfel, Artischocken und Marillen. An jeder Ecke scheucht man Enten auf, Pfaue und Hühner beleben die Landschaft, ein eigenes Kapitel stellt der Weinberg dar, auf dem Cabernet- Sauvignon- und Merlot-Trauben wachsen. Die Ernte ist aufwendig, denn viele Olivenbäume stehen beim Wasser. Bis zu 90 Prozent der Trauben werden von der Familie Bisol vom Restaurant Venissa in Mazzorbo gekeltert, die daraus einen Venusa macht – 15.000 Flaschen jährlich. Aus dem Rest, den Bisol nicht abnimmt, wird ein Landwein. „Ich bin ja kein Winemaker, aber es macht mir Spaß, mir schmeckt er gut." Der Diesjährige sei leider aus. Aber wenn man nächstes Jahr wiederkomme, könne man ihn probieren.

Der Autor war Gast der Isola Santa Cristina.

Infos

Unterkunft: Das Öko-Resort Villa Ammiana hat neun Zimmer für insgesamt 16 Personen und eine kleine Aussichtsterrasse, Salon, Loggia, Yogastudio, Außenpool, Esszimmer, einen eigenen Koch, Ivan Garlassi, mit wunderbarer, slowfoodartiger Küche – besonders aber: komplette Privatheit.

Tageskosten: 3200 Euro, inklusive Airport-Transfer, exklusive weitere Schifftransporte (alle nur von Sonnenauf- bis -untergang) und Verpflegung. Die Insel kann nur als Ganzes gemietet werden, u. a. auch für Workshops etc., Mindestaufenthalt: drei Tage. Isola Santa Cristina, 30012 Burano, Italien.

Buchungen und Preisanfragen: Tel.: +43/(0)664/822 50 80.

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