Die Industrie geht, die Aura bleibt

Neben der Altstadt ist Zürichs früheres Industrieviertel der eigentliche Architektur- und Kunst-Hotspot.

Großer Kulturkomplex: das Löwenbräu-Areal mit der Kunsthalle.
Großer Kulturkomplex: das Löwenbräu-Areal mit der Kunsthalle.
Großer Kulturkomplex: das Löwenbräu-Areal mit der Kunsthalle. – (c) Zürich Tourismus (Christian Beutler)

Zürich verbindet man mit dem Limmatquai mit Lokalen direkt am Fluss, den die Stadt überragenden St. Peter mit dem größten Zifferblatt Europas und schließlich mit den prächtigen Zunfthäusern und nicht zuletzt dem See. Die größte Schweizer Stadt – ein Schmuckkästchen voll baulicher Juwelen. Doch es gibt ein anderes Zürich, nur wenige Straßenbahnstationen entfernt. Trendbewusste, Foodies, Nachtschwärmer und Architekturinteressierte zieht es nach Zürich West, einen Stadtteil, ein Industrieviertel, wo einst Schiffe gebaut, Zahnräder gefertigt und Motoren zusammengeschraubt wurden.

Die Fabriken sind weg und haben enorm viel Raum hinterlassen, den sich Kreative zunutze gemacht haben. Über diesen Stadtteil ragt der 126 Meter hohe Prime Tower, lang das höchste Gebäude der Schweiz. Im obersten Stock locken die Fensterplätze des Restaurants und der Lounge Touristen an, die einen Rundumblick über diese doch sehr graue Betonlandschaft erhaschen wollen. Ein Herzstück dieses Viertels ist das Puls 5, das Alt und Neu gut kombiniert. Die alte Gießereihalle, 1898 von der Maschinenfabrik Sulzer-Escher-Wyss gebaut, in der unter anderem Turbinen gegossen wurden, fasst nun Gastronomiebetriebe und Läden zusammen und bietet mit dem angrenzenden Turbinenplatz einen beliebten Mittagstreffpunkt.

Grüner, bunter Fleck im industriellen Ambiente: Frau Gerolds Garten.
Grüner, bunter Fleck im industriellen Ambiente: Frau Gerolds Garten.
Grüner, bunter Fleck im industriellen Ambiente: Frau Gerolds Garten. – (c) Zürich Tourismus (Elisabeth Real)

Gleich daneben in der denkmalgeschützten Schiffbauhalle des Industrieareals hat das Architektenbüro Ortner und Ortner einen Mix an Probebühnen, Wohnungen, Restaurants und Büros unter dem Namen Schiffbau Theater und Kulturzentrum Zürich 2000 geschaffen. Sie haben gezeigt, wie heruntergekommene Bausubstanz durch Umnutzung und zeitgenössische Implantationen neu belebt wird. Die denkmalgeschützte Schiffbauhalle wurde als Foyer und Hallentheater adaptiert. Direkt damit verbunden ist das neue Hofgebäude, in dem alle Werkstätten und Büros des Schauspielhauses untergebracht sind. Darüber erhebt sich ein Ring von Maisonetten, die sich um einen Innenhof gruppieren, der auch als Freilufttheater fungiert. Die mächtigen Glastore und die Schienen auf dem Boden lassen ahnen, wie die riesigen Schiffe bis ins Jahr 1980 aus der Halle manövriert wurden.

 

Grün im Grau

Eine vermeintliche Grünfläche bietet Abwechslung: das Gerold-Areal. In der Nähe der Hardbrücke erreicht man die markanten Freitag-Container-Tower, die auch den Freitag-Store mit seinen Taschen aus Lkw-Planen beherbergen. Daneben macht sich dann „Frau Gerolds Garten“ breit: Ein kleiner Markt mit Taschen, Schmuck und Hüten floriert neben kleinen Bars und Beiseln. Container wurden neben- und übereinandergestapelt und mit Treppen verbunden, mit bunten Schirmen und Teppichen verziert, mit Tischen und Stühlen ausgestattet. Dem Namen Garten werden die vielen Pflanzen gerecht. In Töpfen verteilen sie sich auf dem gesamten Containerareal und vermitteln den Eindruck einer Oase – für junge Leute, die sich auf Drinks und Plaudereien treffen.

Am Lettenweg direkt auf dem Viadukt gelangt man zur ehemaligen Markthalle, die nun ein Restaurant und eine Bäckerei beherbergt. Modebewusste sollten sich die schicken Boutiquen unten in den Viaduktbögen nicht entgehen lassen. Die beiden nur wenige Meter voneinander getrennten Viadukte erzählen Geschichte: 1847 trennte die erste Eisenbahnlinie das Gebiet ab, 1893 wohnten im Industriequartier 30.000Arbeiter und Angehörige, während die Altstadt nur 28.000 Einwohner hatte. Heute ist dieser Stadtteil angebunden und bietet sich als das legere, alternative Pendant zur schicken, gesetzten Altstadt an.

Kunstinteressierte besuchen am besten noch das Löwenbräu-Areal. Ein spannendes Ensemble: Zwei neue Hochhäuser wachsen über die Bierbrauerei von 1897 hinaus und führen die von den Silos vorgegebene Dimension fort. Ein 70 Meter hoher, eleganter Bau mit Auskragung blitzt hervor. Hier befinden sich zahlreiche Galerien, die Kunsthalle und das Migros-Museum für Gegenwartskunst.

 

Kunst ohne Ende

Auch im Züricher Zentrum versammeln sich die Kulturadressen: Das Kunsthaus Zürich verfügt über eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Schweiz. Nur etwa zehn Prozent der rund 4000Gemälde und Skulpturen und 95.000 grafische Werke vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart sind derzeit ausgestellt: die umfangreichste Werksammlung Alberto Giacomettis, die größte Munch-Sammlung außerhalb Norwegens sowie Herausragendes aus Impressionismus bis Abstraktem Expressionismus und Zeitgenössischem. Derzeit sind die Ausstellungen nicht so übersichtlich wie gewohnt – doch 2020 soll das neue Kunsthaus eröffnen, ein von David Chipperfield geplantes Ensemble, das das vorhandene Gebäude integriert.

Seit Kurzem herrscht großer Besucherandrang bei dem erst kürzlich wieder instand gesetzten Pavillon Le Corbusier im Zürcher Seefeld. Die Architekten Silvio Schmed und Arthur Rüegg haben den Bau akribisch analysiert und saniert. Der Pavillon erstrahlt heute in derselben Eleganz und Farbigkeit wie bei seiner Eröffnung 1967. Die farbige, für Le Corbusiers Bauten untypisch filigran anmutende Architektur ist nun für die Öffentlichkeit wieder zugänglich und zeigt die persönliche Sammelleidenschaft des Architekten, Designers und Künstlers.

Bunt ist auch das Stichwort für den Farbengarten im Kellergewölbe der Zürcher Polizeiwache. Die Blüemlihalle, wie sie von den Einwohnern genannt wird, ist mit seinen kräftigen floralen Sujets von Augusto Giacometti das wohl schönste Entree einer Polizeiwache. Auch schöne Erinnerungen können Behörden hinterlassen.

ZÜRICH MODERN

Infos: Schweiz Tourismus, www.MySwitzerland.com, Zürich Tourismus, www.zuerich.com.

Unterwegs: mit Swiss, www.swiss.com, oder ÖBB, www.oebb.at/schweiz.

Zürich Card: 24 oder 72 Stunden freie Fahrt mit Öffis, kleine Schifffahrt, freie Eintritte oder Ermäßigungen.

Essen: Zunfthaus zur Waag: www.zunfthaus-zur-waag.ch.

Anschauen: www.pavillon-le-corbusier.ch, www.kunsthaus.ch, www.lowenbraukunst.ch.

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Schweiz Tourismus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2019)

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