Hessen: Alles so grün, so rosa hier

Auf Spurensuche in der „GrimmHeimat" und zur Mohnblüte in der Heimat von Frau Holle.

Schlafmohnblüte
Schlafmohnblüte
Schlafmohnblüte – Hartmut Hallek

„Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen", Johann Wolfgang von Goethe empfahl's in schlichter Lyrik. Heute reist man zu Dichterhäusern oder erlebt gleich eine ganze Landschaft auf den Spuren von Jacob und Wilhelm Grimm.

Gut geht dies auf der oft verträumten Route der Deutschen Märchenstraße – sie ist ja selbst ein Märchen. Denn so deutsch sind die Märchen nicht, kann man auf ihr entdecken. Die „Brüder-Grimm-Stadt" Hanau liegt an dieser thematischen Straße, hier beginnt die Reise. Doch anstelle des Geburtshauses der Brüder, Jacob ist Jahrgang 1785, Wilhelm 1786, findet sich nur ein Gedenkstein, Ende des Zweiten Weltkriegs versank Hanau in Schutt und Asche. Zentraler Erinnerungsort ist seitdem das Nationaldenkmal mit den beiden, das den Feuersturm überstand, und auf Schloss Philippsruhe erinnern eine Sammlung und die „Brüder Grimm Festspiele" an sie.

Schon viel näher kommt man ihnen unweit davon in Steinau an der Straße, wo der Vater Amtmann wurde und die Familie 1791 das Amtshaus bezog. Als „Brüder-Grimm-Haus" führt der schmucke Renaissancebau nun in ihre Kindheit und Jugend, in die europäische Märchenwelt, zu ihnen als Sprachforscher und schön inszeniert zum „Malerbruder" Ludwig Grimm. Von hier geht es durch die Wälder des Vogelsberges weiter nach Marburg, Jus studierten die Brüder dort, und auf dem Marktplatz der malerischen Altstadt zum Marburger Romantikerkreis und seiner kleinen musealen Bühne im „Haus der Romantik": Neben den Brüdern Grimm zählten um 1800 auch Clemens Brentano oder Friedrich Carl von Savigny dazu. Für 30 Jahre war dann die Residenzstadt Cassel in Hessens Norden ihr Zuhause, deren barocker Bergpark Wilhelmshöhe samt Schloss und grandiosen Wasserkünsten heute zum Weltkulturerbe zählt.

Wo Rotkäppchen wohnt

Um 1806 begann für Jacob und Wilhelm Grimm dort ihre wohl schöpferischste Phase, Volksliteratur, Sagen und Märchen ließen sie sich erzählen, aufschreiben, sammelten sie. Ihre Quellen, Wege und Überformung, häufig hugenottisch-französisch, sind verschlungen, das wissen Literaturwissenschaftler alles viel besser, und dem Reisenden reicht es vielleicht erst einmal so. Oft in einem heimeligen Erzählton literarisch überarbeitet und verändert, erschienen sie als „Kinder- und Hausmärchen" ab 1812. Illustriert bald mit Motiven deutscher Landschaften und Architektur, wurden sie weltweit zu „deutschen" Märchen. Der Volksmund scherte sich schon gar nicht um die Herkunft und den Mythos, machte beispielsweise Schneewittchen im Kellerwald ansässig, Rotkäppchen in der Schwalm, die Sababurg im Reinhardswald zum Dornröschenschloss. Märchenfiguren trifft man im Norden Hessens vielerorts. Übergänge in den Kitsch sind fließend, die Tourismusindustrie bedient sich dessen ja gern. 

Frage aller Fragen

Ein cooler und entspannter Ort, um all dem näherzukommen, ist die „Grimmwelt" in Kassel. Virtuelles, Poesie, Spiel und Sprache fließen hier märchenhaft und interaktiv ineinander. Die Handexemplare der „Kinder- und Hausmärchen" zu sehen, die mittlerweile zum Unesco-Weltdokumentenerbe zählen, darf man nicht missen. Das auch nicht: die Dornenhecke und ihre Gäste, und dem sprechenden Spiegel die Frage aller Fragen zu stellen.

Nämlich: „was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?", so fragte Jacob Grimm im Vorwort ihres „Deutschen Wörterbuchs" – und alles in Kleinbuchstaben. Ja, was? Und heute? In der Grimmwelt kann man Antworten finden – und auch das erfahren: Nicht nur Märchen waren ihre Welt. Wenn nicht sie Begründer der Germanistik waren, wer war es dann? In Göttingen wandten sie sich später als Professoren gegen die Abschaffung der liberalen Verfassung und den König in Hannover, sie wurden entlassen, Jacob Grimm des Landes verwiesen. Das steht auf einem anderen Blatt.

Eine wunderbare Entdeckung kann diese Region mit ihren dichten Wäldern sein. Man wird nicht wenig an jener Aura und jenem Lokalkolorit finden, wie sie der Marburger Maler Otto Ubbelohde in seinen Bildern für die Ausgabe 1907 einfing und die Märchen so endgültig in hessische Lande verlegte. Die Bezeichnung „GrimmHeimat NordHessen" als Tourismus-Dachmarke war vor ein paar Jahren ein kluger Schachzug.

Verlieren sich die Ursprünge der Märchen auch im mythischen Dunkel, sind Gänsemagd und Rotkäppchen schon gar nicht von hier, ist eine Hauptdarstellerin kaum wegzudenken: Frau Holle auf dem Hohen Meißner. Eine knappe Stunde dauert es mit dem Auto von Kassel dorthin, in den Geo-Naturpark Frau-Holle-Land mit dem Werratal. 

Frau Holle steht Pate

Alles so schön grün hier, denkt man, nichts als Wälder und Berge. Auf immer kleineren Straßen fährt man da im Ringgau und durch den Schlierbachswald, an Pferdekoppeln und Adelssitzen vorbei. Das ist etwas für das innere Kino, ehe riesige Windkraftwerke womöglich ihre unruhigen Schatten über diese Gefilde werfen.

Oben im schummerigen Meißnerwald begegnet man Frau Holle als sinnlich prangender Holzskulptur am Eingang in ihre „Anderswelt" im sagenumwobenen „Frau-Holle-Teich". Wuchtig erscheint und vielschichtig scheint sie: als Göttin der Jungsteinzeit, große Mutter, Märchenfigur. Hier hat sie auch eine bodenständige Geschichte und war noch vor 100 Jahren im Brauchtum lebendig. In sagenhafter Vorzeit vermutet man auf diesem markantesten Berg weit und breit eine Holle-Kultstätte.

Mohn soll Frau Holle besonders mögen, er erblüht unten bei Germerode, dem alten Klosterdorf, und auf dem nahen Ringgau gegen Ende Juni in einem Rausch von Pink. Ein Spektakel von Werden und Vergehen für vier Wochen, für das Besucher von weither anreisen. Viele sehen Schlafmohn zum ersten Mal und gleich als Meer von Blüten, „das finden sie spektakulär", erzählt eine Naturparkführerin, die durch die Mohnblüte führt. Immer wieder während der kleinen Wanderung blickt man in grüne Fernen zu den Wäldern und Bergen in Thüringen hinüber.

An einem sonnigen Morgen gegen acht Uhr ist es am schönsten, mit gebeugten Knien auf Augenhöhe mit dem Papaver somniferum: die Welt in Rosa, darüber in Himmelblau, Blüten, so weit das Auge reicht. Knittrig zart und frisch, es krabbelt, flügelt, flattert und summt über dem Mohnblütenmeer. Ein anderer Blickwinkel, zurückschauen in, auf, durch und über die Wogen in Rosé, ein bisschen die Augen zudrücken – und man geht wie durch die Leinwände von Pissarro oder Monet.

Geht es gut, blüht der Mohn einen Tag und eine Nacht mit jeder Blüte an einer Pflanze, eine nach der anderen. Besser man bleibt ein paar Tage, um das Schauspiel zu sehen. Einfach so Schlafmohn anbauen – das geht in Deutschland nicht. Die Pflanze heißt schließlich nicht umsonst so. Angeritzt gibt die unreife Samenkapsel einen ganz besonderen Saft, daraus wird allerlei psychotropes Zeug. Viele rauschten damit in künstliche, ungesunde Paradiese. Jean Cocteau, Georg Trakl, Klaus Mann entgrenzten so ihr Ich, Zeit und Raum, Friedrich Glauser trieb das Rauschgift in einen frühen Tod, es tröstete den Dichter Novalis. Nicht weit von seiner „Blauen Blume" wuchsen wohl Charles Baudelaires „Fleurs du Mal", der es ungefähr so sah: „Das Opium weitet, was grenzenlos ist ohnehin, und füllt mit schwarzen, finstern Wonnen, die Seele übervoll, unfassbar weit." Eine verzwickte Sache. Mohn ist eine der ältesten Kulturpflanzen, sein Samen ist nahrhaft, seine schmerzstillende Wirkung schätzten die Menschen früh, und er steht für Rausch und Schlaf und Traum und Tod.

Mohngegend im Mohnfieber

Nicht so im Mohndorf Germerode. Hier leben Menschen wie Bauer Sippel. Angeregt durch den Graumohn im Waldviertel hatte Geo-Naturpark-Chef Marco Lenarduzzi mit ihm bei einem Bier über die Schlafmohnblüte geplaudert. Björn Sippel war der Richtige, er betreibt eine Ölmühle, ist Koch, Gastronom und nicht bange: Er wurde Schlafmohnbauer für Mohn mit fast Null Morphin.

Bald wird dieser zum zehnten Mal blühen. Kaltgepresstes Mohnöl macht Sippel daraus, Mohnpesto, er kocht und backt damit. Andere im Werratal streuen Meißner-Mohn auf die Semmeln, in Seifen, Honig, Schokolade, Trüffel, Eierlikör, alles regional und oft direkt vermarktet. Im Sommer liegt das Mohndorf geradezu im Mohnfieber: In der Mohntenne verputzen Besucher nach der Wanderung durch die Blüte Hunderte Mohntorten, und die Sippels sind ordentlich am Herumtun. Der Graumohn im Waldviertel stand Pate – der Blaumohn machte hier Karriere.

Allein 24 „Premiumwanderwege" laden ein, den Naturpark zu erleben, der „P 1 Hoher Meißner" ist wohl der König der Wanderwege hier. Über Bergwiesen führt er in abgeschiedene Wälder, zu Blockmeeren aus Basalt, zu Schwarzstörchen, Adlern, Orchideen und verwunschenen Holle-Orten; und weiter der „GrimmSteig" bis fast vor die Tore der Grimmwelt.

Unten an der Werra reihen sich die kleinen Städte wie Kulissen alter Zeiten aneinander. Von Wanfried führt die Reise über Eschwege mit mehr als 1000 Fachwerkhäusern, Schloss und Hochzeitshaus, über Allendorf, die alte Stadt der Salzhändler, bis nach Hann. Man sieht Münden mit seinen 700 Fachwerkbauten aus vielen Epochen. Anker, Schiffskehlen, Narwale schmücken das Flachschnitzwerk, Dämonen, Werranixen, pummelige Engel – das ist eine „GrimmHeimat" wie aus dem Bilderbuch.

Mohnblüten und Märchenlandschaft

Region: Die GrimmHeimat liegt in Deutschlands Mitte, unweit von Kassel. Durch die Region führt auch die Deutsche Fachwerkstraße mit großen, geschlossenen Altstadtensembles mit Fachwerk aller Epochen. GrimmHeimat NordHessen: www.grimmheimat.de

 

Mohnblüte: Im Werratal wird Schlafmohn angebaut. Die Eigeninitiative von Bürgern begann skurril. Heute lockt sie viele Besucher in diese wildromantische Landschaft. Blütezeit ist Ende Juni. Schlafmohn blüht, wenn es gut geht, einen Tag und eine Nacht mit jeder Blüte an einer Pflanze, eine nach der anderen. Heiße Tage sind für die Pflanze anstrengend, sie braucht sehr viel Wasser und kann nur kurz blühen. Dann fallen die vier Blütenblätter ab, und es rieselt schon gegen Mittag. Kommt man später, sieht man fast nur die Kapseln, ebenso nach heftigem Regen.

 

Unterwegs: Wandern im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land bei Eschwege: Drei bis vier Kilometer lange ausgeschilderte Wanderwege und strohunterlegte Pfade führen durch die Mohnfelder. Geboten werden geführte zweistündige Wanderungen mit Naturparkführer für kleine Gruppen oder Fahrten im Planwagen für max. 25 Personen, www.naturparkfrauholle.land www.mohnbluete-meissner.de

In Sachen Literatur: Brüder-Grimm-Haus: www.brueder-grimm-haus.de

Grimmwelt in Kassel: www.grimmwelt.de

Übernachten und Einkehren:

Hotel Hohenhaus: Mitglied bei Relais & Châteaux; nahe der Mohnblüte Ringgau. Im Haus befindet sich das Restaurant La Vallée Verte mit Michelinstern, www.hohenhaus.de

Landhotel Meißnerhof: Mohnspezialitäten, Wildgerichte, Hausschlachtung, www.meissnerhof.de

Der Teichhof: Gasthaus, Ahle Wurscht-Manufaktur mit Wurstreifekammern, Mohnspezialitäten, nahe Mohnblüte Ringgau, www.derteichhof.de

Infos: www.nordhessen.de, www.werra-tal-tourismus.de, www.grimmheimat.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)

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