Corinthia in London: Noble Hotelgeschichte

Im Corinthia in London wurden Ehen angebahnt, geheime Verhandlungen geführt, UFO-Sichtungen dokumentiert. Heute werden die Gäste des Luxushotels liebevoll umsorgt, mit Zigarrenraritäten und Afternoon Tea.

Seit 2011 wird im Corinthia wieder luxuriös gewohnt, in 294 Zimmern, 40 Suiten, sieben Penthouses.
Seit 2011 wird im Corinthia wieder luxuriös gewohnt, in 294 Zimmern, 40 Suiten, sieben Penthouses.
Seit 2011 wird im Corinthia wieder luxuriös gewohnt, in 294 Zimmern, 40 Suiten, sieben Penthouses. – (c) Corinthia Hotels / EPA / picture (Corinthia Hotels)

Auffallend, wenn man das Corinthia sucht: Es fällt nicht auf, dabei ist es das Luxushotel mit dem größten Spa Londons im Keller und einem atemberaubenden Aussichtsgarten auf dem Dach. Dezente goldene Buchstaben weisen über dem Eingang auf das Corinthia hin, auch die Rezeption zeigt freundliches Understatement. Gut, die Pagen am Portal tragen Uniform und Zylinder, aber irgendwie muss man das Fünfsterne-Superior-Hotel ja erkennen können, eines der besten Londons, wie viele Auszeichnungen beweisen: World Luxury Spa Awards, Afternoon Tea Award, Drinks List of the Year Award, Hotel of the Year 2016 . . .

Teatime unterm „Crystal Moon“

Durchquert man die Crystal Moon Lounge, in der auch der traditionelle Afternoon Tea serviert wird, kommt man vom Understatement ins Statement: kostbar-unaufdringlich. Der „Crystal Moon“, der die extra dafür gebaute Lichtkuppel ausfüllt, glitzert mit tausend und einer Glassphäre, die eine, rote, symbolisiert das Herz dieser Installation. Zu diesem Baccara-Chandelier passen die Champagner-Gläser, auf die besonders aufgepasst wird – kein Wunder bei über 200 Pfund pro Kelch. Das Porzellan für den Tee wurde speziell von Richard Brendon entworfen, mit durchaus pragmatischem Hintergrund: Tassen und Untertassen können beliebig ausgetauscht werden, passen trotz verschiedener Farben durch spiegelnde Häferln immer zusammen, sparen also Geld, sollte das eine oder andere kaputt gehen.

Aber von Geld wird hier nicht gesprochen, man genießt und plaudert – gern mit Mitarbeitern des Hotels, die alle eine wirklich persönlich-freundliche Art haben, mit den Gästen umzugehen, sie zu umhegen und umsorgen. Thomas Kochs, der deutsche Managing Director, betont, dass seine Mitarbeiter, die aus Dutzenden Ländern kommen, ihre eigene Persönlichkeit einbringen sollen. „Do it naturally.“ So wirkt nichts aufgesetzt, man begegnet sich freundlich auf Augenhöhe, immer höflich und bemüht, dem Gast Wünsche zu erfüllen, bevor er sie hat.

Das Corinthia schaut wie ein Schiff mit Bug Richtung Themse aus und ist ein typisch viktorianisches Gebäude, im Stil der Luxusappartements entlang der Pariser Prachtboulevards gebaut. Und hat (wie die meisten gediegenen Hotels der City) eine interessante Geschichte. Ursprünglich war es als Hotel Métropole ganz zentral in Whitehall 1885 eröffnet worden – mit Aussicht auf die Themse und Inner-London – um Parlament, Westminster Abbey oder die National Gallery für erlesene Gäste bequem erreichbar zu machen. Und natürlich die Theater des Westends. Covent Garden, Bond Street, Regent Street, Piccadilly Circus, Trafalgar Square, alles ist Nachbarschaft.

Auch Buckingham Palace, also alle die wichtigen Stationen betuchter oder adeliger Besucher Londons, die oft von weit her in Charing Cross ankamen, um vom Métropole aus London zu beehren. Man brachte die junge Tochter als Debütantin zur Ballsaison ins dieses standesgemäße Hotel, den Sohn, um sich auf dem Heiratsmarkt umzusehen, hier fanden gefragte Abendgesellschaften, Banketts und exquisite Bälle statt. Und unter dem Namen „Midnight Follies“ sogar Cabaret-Unterhaltung, natürlich vom Feinsten. Es gab, ganz damaliger Zeitgeist, den Dutch Room, den Oak Salon und den Chinese Room. Man entspannte sich in der Bibliothek, bestückt mit allem, was einen Nobleman auf Reisen interessieren kann, Klassiker der Theologie, Philosophie, Geschichte und Dichtung; und man rauchte seine Zigarre gemütlich vor dem offenen Kamin.

Exklusives aus dem Humidor

Dieses Laster kann man übrigens noch heute in Vollendung erleben: Im Corinthia findet man einen der größten Humidore, zumindest des Königreichs, mit einer Auswahl, die weltweite Exklusivitäten bereithält, auf Auktionen ersteigert und nur hier zu schmauchen: 18 bis 650 Pfund kann man hier in Rauch aufgehen lassen. Geschätzt wird der Zigarrenvorrat, vom Head-Cigar-Somelier Adam Lagca ausgewählt, auf eine Million Pfund. Das mag zum Beispiel Sylvester Stallone, ein Zigarrengenießer, der auch gern im hoteleigenen Restaurant Kerridges Bar & Grill diniert. So einige Promis, manche huschen durch den Lieferanteneingang herein, werden im Private Dining Room bekocht oder nehmen im Royal Penthouse über den Köpfen der anderen Hotelgäste auf der privaten Terrasse ihre Drinks.

Doch nicht immer fungierte das Prachtgebäude als Hotel. Nach der Einquartierung hoher Militärs im Ersten Weltkrieg war es, renoviert und modernisiert, wieder Nobelherberge, dann ging es an die Regierung und wurde zur Verwaltungszentrale des Verteidigungsministeriums umgestaltet. Jahrzehntelang wurden hier geheime Verhandlungen geführt, wichtige Dokumente durch die Gänge getragen, Geschichte geplant, Geschichten verbreitet oder vertuscht. Die MI9 etwa, eine Regierungsorganisation, die half, den Strom der Flüchtlinge und Kriegsgefangenen zu organisieren, operierte von hier aus; und die Dokumentation aller staatlichen UFO-Sichtungen wurde hier in Zimmer 801 verwahrt. Augenzeugen bestätigen, dass alles in diesem Gebäude so geheim war, dass selbst Mitarbeiter nur einen kleinen Teil davon betreten und kennen durften.

Jazz in der Cocktailbar

Und wieder wurde alles geändert und umgebaut, als das Gebäude erneut zum Verkauf stand. Die Corinthia-Gruppe, in Malta gegründet, erhielt 2007 den Zuschlag, weil ihr Projekt die Geschichte des Bauwerks trotz Modernisierung in vielen Details bestehen lassen wollte. So wurden viele der viktorianischen Finessen, die Fensterrahmen, die Säulen, die Deckenornamente und die Handläufe der Treppen beibehalten, aus den 600 Räumen wurden 294, mit 42 Quadratmetern für Londoner Begriffe ungewöhnlich großzügig dimensioniert. Es gibt 40 Luxussuiten und sieben Penthouses, eines davon, das Royal Penthouse, ist mit 420 Quadratmetern die größte Two-Bedroom-Suite in London. Es gibt einen Ballsaal, das Spa, einen Wintergarten, eine jazzige Cocktailbar und zwei Restaurants. Das Kerridges wird – unter der Schirmherrschaft von Tom Kerridge, einem bekannten Sternekoch, TV-Promi und Buchautor – von einem überwältigend netten Matthew O'Connor geführt, schon allein, um ihn zu erleben, sollte man bei einem London-Besuch zumindest einen Drink an der Restaurant-Bar nehmen, Londoner aus der Umgebung kommen gern für einen After-Work-Drink.

Chauffeure mit Rolls und Jaguar

Das alles funktioniert nicht ohne perfekten Arbeitsablauf hinter den Kulissen, 550 Mitarbeiter sorgen dafür. Wie zwei hauseigene Floristinnen, die täglich atemberaubend schöne Blumengebilde verteilen, oder die sechs Butler und Butlerinnen. Sie sind für die Suiten und Penthouses zuständig, packen die Koffer aus, organisieren den Snack um drei Uhr früh oder kleine Partys, Tickets für Museen, Theater, die private Wäsche. Nicht zu vergessen: die Chauffeure, die mit hauseigenem Jaguar oder Rolls-Royce zur Verfügung stehen.

Benjamin Hofer, Director of Food and Beverage, ein junger Österreicher und begeisterter Londoner, ist seit zwei Jahren zuständig für den Konsum der Gäste und verrät, was im Monat so zum Frühstück gegessen wird: Fast 500 Kilo Speck, eine Vierteltonne Würstel, 4400 Croissants. Wird man durch die Hinterzimmer des Luxus geführt, ist erstaunlich, wie unaufgeregt alles hier funktioniert. Jeder Quadratzentimeter, jedes noch so kleine Kammerl hat eine Funktion, alles ist komplett durchorganisiert. „Bei der Platzknappheit in London sind auch das Lagern und die Zufahrt, die Anlieferung, immer wieder ein Riesenproblem.“ Dazu gehört etwa die täglich anfallende Tisch- und Bettwäsche, 3600 Stück pro Tag, die außerhalb gewaschen werden müssen: zu wenig Platz.

Und dann gibt es ja noch die Sonderwünsche der Gäste. Obwohl sich die, wie Benjamin erzählt, in Grenzen halten. Einmal ein Plastikrasen im Penthouse für das dort residierende Haustier, ein anderes Mal 80 rosa Ballons für eine Geburtstagsfeier. Und verschiedenste Veranstaltungen, manchmal mit bis zu 500 Gästen. Da werden zusätzliche Floristen beschäftigt, das Personal aufgestockt, Event-Manager beauftragt. Und es wird an verschiedenen Designs für die Desserts gearbeitet, gerade für eine Filmpremierenfeier.

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde unterstützt vom Hotel Corinthia, www.corinthia.com.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2019)

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