Niederlande: Ein Dach auf Zeit in den Dünen

Die Einheimischen sind entspannt, Beachlife ist hier locker. Am „stille Strand“ von Kijkduin stehen luftige, hübsche Häuschen, in die man sich zurückziehen kann. Nebenan wohnen schottische Hochlandrinder.

Am Strand von Kijkduin: Eines von mehreren lauschigen „Haagse Strandhuisjes“.
Am Strand von Kijkduin: Eines von mehreren lauschigen „Haagse Strandhuisjes“.
Am Strand von Kijkduin: Eines von mehreren lauschigen „Haagse Strandhuisjes“. – Milda Drüke

Vom Parkplatz führt ein befestigter Pfad in die Dünen. Kurz vor Erreichen der Hügelkämme machen die Augen einen glitzernden Streifen Meer hinter ihnen aus. Oben angekommen wandert der Blick zum 110 Meter breiten Strand von Kijkduin. Am Fuß der Düne geht es weiter über Platten zu den Strandhäuschen: im Norden in traditionellem, im Süden in modernem Design. Ein Code am Handy öffnet die Tür. Die Glasfront aufklinken und durchs Fenster blicken: Wind streicht über die Halme und die Dünen. Sonst rührt sich nichts.

Niederländer betrachten die Strandhäuser als ihr Hideaway. Reisen sie hierher, reisen sie zum „stille Strand“. Der Strand ohne „Stille“ hingegen liegt sechs Kilometer Fußweg weiter nördlich in Scheveningen; wie Kijkduin ein Stadtteil von Den Haag, aber ohne Strandhäuser. Dort tummeln sich Gäste aus aller Welt in Strandlokalen jeder Art. Nach Kijkduin aber kommen solche, die Ruhe lieben. Ein Gast lacht: „Die Strände gleichen sich in Weite und feinem Sand.“ Er zeigt nach Norden: „Restaurants gibt's hier auch, zwei. Und oben, versteckt in den Dünen, Container-Bars. Weil man nicht mit dem Auto vorfahren kann, sind sie sehr beliebt, trotzdem nie überfüllt.“ Auf dem Weg zu den Lokalen fällt auf, dass nur Paare aus den Strandhäusern grüßen. Doch in der Ferienzeit bewohnen auch Familien mit vier bis fünf Personen ein Strandhaus. Für den Transport von Lebensmitteln oder Gepäck steht in jedem ein zusammengeklappter Bollerwagen, der aufgeklappt mühelos über den Plattenweg zum Supermarkt rollt.

Auch an die Café-Restaurants reichen die Dünen von hinten unmittelbar heran. Nach vorn ist die Sicht über Strand und Meer durch die großen Glaswände frei. Gäste auf der Terrasse liegen und sitzen auf großen Sofas, lassen ihre Beine auf den Lehnen ruhen. Viele Pölster stützen Rücken, Ellbogen, Knie. Niederländer lieben es locker. Die, die hier Getränke servieren und frisch zubereitete Speisen bringen – auch vegetarische –, tun das mit Humor und Gelassenheit. Gäste, die einmal sitzen, stehen so bald nicht wieder auf.

Es sei denn, sie wollen den West Dune Park erkunden und den dort wild lebenden schottischen Hochlandrindern begegnen. Dann nehmen sie den befestigten Weg hinter dem Café-Restaurant Habana, steigen fünf Minuten die Düne hinauf bis zum Atlantic Beach Hotel. Wer das Meer nicht aus den Augen verlieren will, folgt dem Weg, der direkt neben dem Hotel beginnt. Seitenpfade führen zu den versteckten Beach Bars.

Zotteliges Fell, lange Hörner

Die Dünen sind Den Haags großes Naturreservat. Einst war es das Jagdrevier der königlichen Familie. Der Pfad, der wegführt vom Meer, leitet Spaziergänger in ein Netz von Pfaden durch Dünentäler, über Dünenkämme. Park-Ranger oder Bauarbeiter geben gern Auskunft, wo zuletzt sie Hochlandrinder gesehen, welche Richtung sie eingeschlagen haben. Und wie aus dem Nichts kreuzen diese auf. Rotbraune und schwarze. Gutmütige; solang keine Hand ihr zottiges Fell oder die langen, ausladenden Hörner berühren will. Sie ziehen durch die Dünen, gemächlich, knabbern an Ästen, fressen Moose und Gräser, pflegen ganz nebenbei die Dünenlandschaft und kalben dort, wenn sie soweit sind.

Rinder wie Menschen kommen vorbei an Resten von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg. Manch einer ist fast überwuchert von der unaufhaltsam vordringenden Natur. Wanderer können sich unbesorgt in den Dünen verlieren. Den Weg zurück zum Strandhaus finden sie immer: den ersten Pfad zum Meer nehmen, dann nach links, nach Süden, die Küste entlang. Wer auf Höhe der Strandhäuser Lust verspürt, weiterzugehen, der erreicht den „Sand-Motor“, eine künstliche Sandbank, aufgeschüttet vor der eigentlichen Küste. 21,5 Millionen Kubikmeter Sand wurden von Schiffen zehn Kilometer vor der Küste vom Meeresboden gesaugt und zum Ufer gepumpt. Die vorherrschenden Westwinde und Westströmungen verteilen den Sand, formen die künstliche Düne, kompensieren die durch Stürme und Hochwasser üblichen Sandverluste und erhalten die Küste. Urlauber vergnügen sich hier mit Sandschlitten.

Wer abends in seinem Strandhaus am „stille Strand“ sitzt, erkennt bis zum Ende der langen Dämmerung schemenhaft Sand und Meer in jeder Nuance schwindenden Graus. Mitten in der Nacht hören Gäste – Stille. Morgens Wasser, das anschlägt. Wohin die Augen auch schweifen, alles ist Strand und Meer und Horizont, nichts sonst. Später dann Spaziergänger, die sich in der Weite verlieren und anmuten, als schlenderten sie am Ende der Welt.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2019)

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