Radreise: Durch die Alpen zur Adria

Vom Wasser zum Wein, vom Schnee zum Salz, von den Tannen zu den Pinien, von den Alpen zur Adria. Vier Tage mit dem E-Bike unterwegs auf der Via Iulia Augusta von Salzburg über Kärnten bis Grado.

Der Tagliamento
Der Tagliamento
Der Tagliamento – Ulderica Da Pozzo

Über das Lenkrad gebeugt, die Augen auf den Asphalt geheftet – nur nicht aufschauen, um nicht demoralisiert zu werden –, so quälen wir uns den Berg hinauf. Zentimeter für Zentimeter. Dann der erlösende Klick von Eco zu Turbo, und plötzlich fühlt es sich an, als würde ein unsichtbarer Zweiter mittreten. Die letzten paar Meter sind geschafft! Wir stehen vor dem Wasserfall von Bad Gastein und lassen uns vom Sprühregen erfrischen.

Eine Alpenüberquerung – das flößt Respekt ein. Aber wird die sportliche Leistung dadurch geschmälert, dass man auf dem E-Bike sitzt? Nein! Es wiegt immerhin 23 Kilo, und die vorwärtszubewegen, kostet Kraft. Vorsichtshalber setzt man den Akku sparsam ein, auch wenn die Versuchung groß ist, auf einer Geraden im schönen Salzburgerland einmal auf Sport zu schalten und mit 29 km/h dahinzuflitzen. Aber was dann, wenn am Ende des Tages noch ein Anstieg droht? Die fünf Kilometer bergauf nach Badgastein bei 15 prozentiger Steigung . . . Ohne Turbo hätte man da wohl schieben müssen.

Und noch etwas spricht für das E-Bike: Es stärkt den Zusammenhalt. Auch ein so bunt zusammengewürfelter Haufen wie der unsere wird bald schon zum Team. Die Altersunterschiede fallen nicht mehr ins Gewicht, die Konditionsschwächen werden ausgeglichen. Niemand bleibt zurück. Niemand muss auf den anderen warten. Am Ende des Tages sind alle glücklich.

Unsere Gruppe spiegelt das grenzüberschreitende Konzept des Ciclovia Alpe Adria: drei Leute aus Österreich, drei aus Italien, der jüngste 30, die älteste 65. Jede und jeder eine ausgeprägte Radlerpersönlichkeit. Da war die Trekkingbikerin, die schon Korsika umrundet hatte. Der Hardcore-Biker, der stolz darauf war, Triest–Belgrad–Triest in den Beinen zu haben. Der Youngster, der bei jeder Geraden aufrecht im Sattel saß und cool die Arme verschränkte. Die Businesswoman, die über die Freisprechanlage ihres Handys versuchte, die Geschehnisse in ihrem Büro unter Kontrolle zu behalten. Der Easy Rider, der auch nach zwei Bieren zum Mittagessen immer noch ganz vorn mitfuhr (mit welcher Akku-Stufe, hat er nicht verraten) und der Hobby-Rennradler, der seinen geliebten Asphaltschneider mit dabeihatte und bei Bedarf aus der Kühlbox auf dem Gepäckträger Powerriegel und kalte Drinks hervorzauberte.

Kleiner Abkürzer erlaubt

Verglichen mit den knackigen Anstiegen am ersten Tag beginnt Tag zwei gemütlich. Von Böckstein nach Mallnitz sitzen wir zurückgelehnt im Zug. Durch die Tauernschleuse verkehrt nur die Bahn, Autos müssen verladen werden, Fahrräder dürfen gratis mit. Ganze elf Minuten dauert die Fahrt. Das war's dann schon! Fast macht sich Enttäuschung breit. So also sieht unsere Alpenüberquerung aus?

Auf der anderen Seite der Tauern liegt Kärnten und vor uns ein Teilstück an der Drau. 80 Kilometer beträgt das heutige Pensum. Es geht hurtig dahin, ebenerdig immer am Flussufer entlang. Das Surren der Speichen begleitet uns durch den Vormittag. Unglaublich! Weder Muskelkater noch wunde Stellen trüben diesen Tag im Sattel.

Was an dieser Art des Reisens besticht, ist die Sorglosigkeit. Es gibt kaum Entscheidungen zu treffen. Man lässt den Tag auf sich zukommen, fährt in der Früh los, folgt der beschilderten Strecke und schlägt irgendwo am Abend seine Zelte auf. Highlights wie die Wasserspiele von Schloss Hellbrunn oder die Greifvogelschau auf Burg Hohenwerfen werden einem „beigestellt“. Sie liegen auf dem Weg.

Bei Villach begrüßt uns der Radbutler – eine Service-Stelle, wo Räder eingestellt und Akkus aufgeladen werden können. Verschwitzt, wie wir sind, leisten wir uns vorm Abendessen noch einen Abstecher zum Silbersee, eine kleine Abkühlung, „un tuffo“ wie unsere italienischen Freunde sagen. Die Burg Landskron am Horizont bildet dabei eine ideale Kulisse.

Am nächsten Tag passieren wir die Staatsgrenze, die sich vor allem durch sinnliche Wahrnehmungen und nicht mehr durch Formalitäten manifestiert. Tritt für Tritt erschließt sich uns eine immer südländischer werdende Landschaft. Wir passieren die elektronische Zählstelle und radeln ab nun durch das Kanaltal auf der stillgelegten Bahntrasse zwischen Felswänden und dem Flussbett der Fella. Der Fahrtwind trägt den Duft der Pinien neben uns her. Es ist ein Samstag und ganz Italien – so scheint es – sitzt im Sattel. Von den Rennfahrern, die im Pulk unterwegs sind, über die Nonna mit ihrem Hund auf dem Gepäcksträger bis zu den ganz Kleinen, die von ihren Müttern lautstark mit Kommandos wie „Vai, vai, vai“ oder „A deeeeestre!“ dirigiert werden. Zur Mittagsrast treffen sich alle in der stillgelegten Bahnstation von Chiusaforte und nehmen an den langen Holztischen im Freien Platz. Am Radständer blitzen De-Rosa- und Pinarello-Fabrikate auf – Kultgeräte, die gar nicht weit von hier erzeugt werden. Willkommen im Radland Italien! Auch auf dem Teller erweist sich die Alpenüberquerung als vollzogen. Statt Glundner Käs und Gailtaler Speck werden Montasio und Prosciutto di San Daniele kredenzt. Auch die mit Radicchio gefüllten Tortellini wecken Erwartungen auf das, was in den Trattorias zwischen Udine und Grado noch kommen mag.

Friaul, steht in unserem Guide, wurde im ersten Jahrtausend vor Christi vom keltischen Stamm der Karnier besiedelt. Worte wie „Carniola“ im Italienischen, „Kranjska“ im Slowenischen oder „Kärnten“ im Deutschen zeugen davon. Eine kleine slawische Minderheit lebt bis heute im Résiatal ganz in der Nähe von Chiusaforte. Mit der Gründung von Aquileia übernahmen die Bewohner Friauls das Lateinische. Daraus entwickelte sich das Friulanisch oder Furlan, eine rätoromanische Sprache, die bis heute gesprochen wird.

Nach der Mittagspause geht es weiterhin nur bergab. Die Herausforderung liegt jetzt eher im Fahrtechnischen: Die Bremsen wollen mit Bedacht betätigt werden, auch in den Tunneln ist Vorsicht geboten, manche sind unbeleuchtet. Es herrscht tiefe Nacht, nur die Rücklichter des Vordermanns dienen der Orientierung. Über die vielen Brücken und Viadukte muss das Rad hin und wieder auch geschoben werden. Verfallene Bahnwärterhäuschen, alte Eisenbahnwaggons auf rostenden Schienen, mit Graffiti übersäte Autobahnpfeiler verleihen der Strecke einen eigentümlichen Vintage-Charme. Immer wieder legen wir Fotostopps ein.

Dann erreichen wir den Tagliamento, einen der letzten Wildflüsse der Alpen. Ohne Wehre, ohne Verbauung fließt er kilometerlang durch Friaul. An einigen Stellen ist er bis zu zwei Kilometer breit. Er schimmert türkis, der weiße Kies am Ufer wirkt aus der Ferne wir Karibiksand. Einzelne Badende suchen hier Abkühlung. Nicht wir, wir sind in unserer Dynamik nicht aufzuhalten, wie rollende Steine bewegen wir uns im Flussbett auf das nächste Etappenziel zu: Venzone. Der mittelalterliche Ort mit seiner Zitadelle, den aus Flusssteinen gebauten Bürgerhäusern, den venezianischen Palazzi und der hübschen von Cafés gesäumten Piazza steht für viele an der Strecke: Schmuckkästchen, die der Autofahrer leicht übersieht, der Radfahrer aber am Wegesrand vorfindet und voll Neugierde entdeckt. Nur die Älteren von uns erinnern sich noch an das Erdbeben, das hier 1976 alles zerstört hat. Dank einer damals neuen Methode wurden Häuser und Kirchen aus ihren Originalbestandteilen wiederaufgebaut. Stein für Stein hat man nummeriert und anhand alter Fotografien als Vorlage zusammengefügt. An die tragischen Ereignisse erinnert im Dom ein Stück Fresko, das nicht ergänzt wurde und die Spuren der Zerstörung sichtbar macht. Venzone ist heute ein lebendiger Ort, der auch dank des Alpe-Adria-Radwegs wirtschaftlichen Aufschwung erlebt.

Sternförmige Stadt

Am Abend zieht der Tross weiter. Stille kehrt ein. Wir beziehen Quartier in einem alten Steinhaus und lassen die Akkus auf dem Rad. Sie wurden kaum beansprucht und werden es auch auf der letzten Etappe nicht sein. Je weiter wir gen Süden rollen, desto geringer die körperliche Anstrengung, desto intensiver die Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte. Zwei Unesco-Welterbestätten liegen auf dem Weg: Palmanova, die venezianische Festungsstadt mit sternförmigem Grundriss, und Aquileia, 181 v. Chr. von den Römern gegründet. Es war ein wichtiges Wirtschaftszentrum und Teil eines Reichs, das damals die Welt beherrschte, während jenseits der Alpen die „Barbaren“ lebten. Um zwischen Rom und Noricum eine Verbindung herzustellen, wurde die Via Iulia Augusta angelegt. Später benützten sie die Missionare, auch wir folgen ihrem Verlauf.

Mental fällt es nicht schwer, sich in die Antike zurückzuversetzen. Die Route schlängelt sich durch die Tiefebene, vorbei an Weingärten, Getreidefeldern, von Zypressen umstandenen Gutshöfen. Am Horizont die mit Schnee bedeckten Gipfel der mächtigen Alpenkette. Sie wirkt respekteinflößend wie ein Bollwerk. Kaum vorstellbar, dass wir sie tatsächlich bezwungen haben.

Info

Strecke: Der Alpe-Adria-Radweg hat 410 Kilometer, 2400 Höhenmeter, www.alpe-adria-radweg.com

Seit 2012 ein gemeinsames Projekt von Salzburgerland, Kärnten Werbung und PromoTurismo Friuli Venezia Giulia (www.salzburgerland.com, www.kaernten.at, www.turismo.fvg.it)

Etappen: lassen sich mittels interaktiver Karten und GPS-Tracks planen.

Unterwegs: Leihrad, Gepäcktransport, Unterkunft und Rücktransport ab Grado können über die Website gebucht werden.Von Grado über Palmanova bis Udine gibt es den Bici-Bus. Von dort bis Villach verkehren die speziell für Fahrräder eingerichteten Micotra-Züge. Auch Taxiunternehmen über- nehmen den Transfer von Grado bis Villach inkl. Rad.

Essen&Trinken: Bar della Stazione in Chiusaforte, www.stazionedichiu-saforte.it

Caffetteria Torinese in Palmanova, www.caffetteriatorinese.com

Trattoria Antica Maddalena in Udine, www.anticamaddalena.it

Fischrestaurant Agli artisti in Grado, www.ristoranteagliartisti.it

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Promo Turismo FVG Salzburgerland und Kärnten Werbung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2019)

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