Eine Kajaktour durch Berlin

Unerwartet grün zeigen sich die Ufer, und immer wieder säumen Sehenswürdigkeiten den Wasserweg.

Paul-Lincke-Ufer, Kreuzberg, Berlin
Paul-Lincke-Ufer, Kreuzberg, Berlin
Paul-Lincke-Ufer, Kreuzberg, Berlin – Imago

Für Augenblicke lässt sich das Drumherum komplett ausblenden. Wenn nur noch das Grün am Ufer, die nächste Brücke und durch das dichte Astwerk die Häuser dahinter zu erahnen sind. Wenn kurz Ruhe herrscht, nur das leise Plätschern der Paddelzüge zu hören ist, dann scheint die Metropole vom Kajak aus plötzlich sehr weit weg. Erst wenn wenige Sekunden später U-Bahn-Rauschen oder Verkehrslärm den Sound der Großstadt zurückbringen, wird man gedanklich wieder zurückgeholt zur Kajaktour mitten in Berlin. Zwar ist die Spree der bekannteste Wasserweg, rund 40 Kilometer fließt sie durch die Stadt und mitten durchs Zentrum – vorbei an der Museumsinsel, dem Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten. Bei der Tour aber wird vor allem der Landwehrkanal abgepaddelt. Auf elf Kilometern zwischen dem bürgerlichen Charlottenburg und den alternativen Bezirken Kreuzberg und Neukölln gibt es grundverschiedene Gesichter der Stadt zu entdecken.

Schnell merkt man, dass urbanes Paddeln keine große Herausforderung ist. Kaum eine Strömung, gegen die man ankämpfen muss. Auch zu beachten ist nicht viel. Nur wenn sich ein Ausflugsdampfer nähert, muss der Paddelfluss kurz unterbrochen werden. Dann fährt die Gruppe ans Ufer und wartet, bis das Boot mit neugierig blickenden Touristen vorbeigezogen ist. „Vom Wasser aus habe ich einen ganz anderen Blick und entdecke Orte, die ich von der Straße aus nie bemerkt habe“, sagt Guide Lars Larisch von Kajak Berlin Tours. „Außerdem treibe ich im Kajak in einem anderen Tempo als sonst durch die Stadt.“

Wo heute der Kanal fließt, wurde bereits im Mittelalter ein Graben angelegt – zur Entwässerung des sumpfigen Bodens. Erst im 19. Jahrhundert ließ man ihn ausbauen: 1840 erhielt Stadtplaner Peter Joseph Lenné vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. den Auftrag, aus dem alten Entwässerungsgraben einen neuen Verkehrsweg für die Kähne und Boote zu schaffen, die Waren über die Spree brachten. „Damals mussten sie oft wegen des großen Andrangs an den Schleusen warten“, erzählt der Kajakguide, der ursprünglich aus Potsdam kommt, aber in Berlin-Kreuzberg auswuchs und paddelt, seit er 16 ist. „Die Breite des Kanals wurde so bemessen, dass vier Kähne problemlos aneinander vorbeikamen.“

Damals führte der Landwehrkanal südlich der Spree noch an Berlin vorbei. Heute geht er mitten durch und vorbei an einem eklektischen Mix aus Alt- und luxuriösen Neubauten, Alltag und Sehenswürdigkeiten, Vergangenheit und Gegenwart, sodass man beim Paddeln durchaus etwas Sightseeing machen und vielerorts bewegte (Fluss-)Geschichte aus der Uferzone ablesen kann. Es geht vorbei am Potsdamer-Platz-Areal mit seinen Hochhäusern, die nach der Wende auf das Niemandsland der einstigen Grenze gebaut wurden.

Erfolgreich gegen Verbauung

Nicht weit entfernt hängt auf dem Dach des Technik-Museums ein alter „Rosinenbomber“. Die Propellermaschine erinnert an die Luftbrücke der Alliierten nach dem Krieg, um das eingeschlossene Insel-Westberlin zu versorgen. Etwas unscheinbarer sind die Einschusslöcher in der Fassade des alten Reichsversicherungsamts, auf die Larisch hindeutet – sie sind noch Spuren der Kämpfe im Zweiten Weltkrieg. In Kreuzberg hingegen berichtet er, wie sich die Anwohner des Bezirks (inzwischen erfolgreich) gegen den Bau eines Google-Campus gewehrt haben. „Kugeln für Google“ steht da nicht nur einmal an den Brücken, Wänden und Pfeilern, nebst vielen anderen Graffiti.

Egal, wo man paddelt, wird in Berlin deutlich, wie viele Brücken es dort eigentlich gibt. Mehr als in Venedig sollen es sein: Manche historisch, voller Details, manche schmucklose, zweckdienliche Unscheinbarkeiten. Außerdem ist es fast überall satt grün. Die Ufer sind dicht bewachsen mit Eichen, Buchen und Trauerweiden, die übers Wasser hängen. Überall sieht man an warmen Tagen Leute, die auf den Uferwiesen liegen, essen, trinken, entspannen. „Lenné, der sich ja als Gartenarchitekt der königlich-preußischen Gärten in Potsdam einen Namen gemacht hatte, legte den Kanal als Erholungsgebiet mit viel Grün und Spazierwegen an“, berichtet Larisch.

Am Ende wird dann doch noch einmal ein Stück auf der Spree gepaddelt. In Charlottenburg geht der Kanal in den Fluss über, kurz bevor die Gruppe das Charlottenburger Schloss erreicht. Für einen Spaziergang in der prächtigen Garten- und Parkanlage lohnt es sich, dort auszusteigen. Am anderen Ende, im Osten, landen die Paddler nach einer Schleuse ebenfalls auf der Spree. Links erscheint die Oberbaumbrücke, ein Wahrzeichen der Stadt, ganz klein in der Ferne. Rechts kühlen sich die Gäste des Badeschiffs im Wasser ab.

Und vor dem Kajak? Da ragt das Kunstwerk „Molecule Man“ 30 Meter in die Höhe – drei Männer, symbolisch an der Schnittstelle Kreuzberg, Friedrichshain und Alt-Treptow. Der Künstler Jonathan Borofsky hat sie vor 20 Jahren aus Aluminiumlochplatten geschaffen. Hier kann man zwischen ihren Beinen durchpaddeln, nach oben schauen, sich ganz klein fühlen – ein Stück Berlin sehen, wie es so fast nur mit dem Kajak geht.

BERLIN, ERPADDELT

Kajak: unterschiedliche geführte Paddeltouren durch die Stadt; zwei bis dreiein- halb Stunden. Diverse Themen: u. a. Ost-Tour oder Abendtour sowie individuell für Kleingruppen. www.kajakberlintours.de

Compliance: Die Recherche wurde von Kajak Berlin Tours unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2019)

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