Wanderinseln sind von Deutschen besetzt

Das macht sie zu Kulissen, so künstlich wie Fotowände.

Die Endlosserie „Das Traumschiff“ spielt an den exotischsten Schauplätzen. Aber auf diesen tummeln sich ausschließlich Deutsche herum. Was Tempel, Wasserfälle und Vulkane zur bloßen Kulisse für germanischen Herzschmerz degradiert. Spärlich eingestreute Eingeborene dienen als dekorative Statisten, gleich Ochs und Esel in der Weihnachtskrippe. Nur eine televisionäre Fiktion? Na dann reisen Sie einmal nach La Palma.

Die kanarische Insel hat wenig Strände, aber hohe Berge. Hier wurzelt das Problem: Wanderlust ist eine Leidenschaft, die fast ausschließlich deutsche Ehepaare im Alter zwischen 50 bis 70 packt (österreichische fallen zahlenmäßig nicht ins Gewicht). Sie haben das kleine Eiland rigoros wie eine Kolonialarmee in Beschlag genommen. Vor Ort erklimmen sie in ebenso praktischer wie unansehnlicher Funktionskleidung jeden noch so entlegenen Gipfel.

Wer ihren Weg kreuzt, dem schallt ein schneidiges „Hallo!“ entgegen, als träfe man im Schwarzwald oder Hunsrück aufeinander. Dem obligaten Gedankenaustausch über Wetter, Hygienemängel im Quartier und Spielstände der deutschen Bundesliga entgehe ich vorauseilend durch ein grimmig gerolltes „Hola, buenas, qué tal“ – als wäre ich der einzige Spanier weit und breit, trotz blonder Haare und heller Haut. Die Reaktion ist verstörtes Brummen. Mit linguistischem Widerstand haben die touristischen Invasoren nicht gerechnet. Ich weigere mich auch, um halb sechs mein Abendbrot einzunehmen, in Lokalen, deren Wirtsleute Rüdiger und Heidi heißen. Und sehe endlich ein: Ich bin der eigentliche Fremdkörper. Wie ein blinder Passagier auf dem Traumschiff.

karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2018)

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