Nicht nur er

Im Eiswind durch den Schlamm von Warwickshire zeigt der Engländer, was er drauf hat. Nicht nur er.

Um 4.20 Uhr schieße ich schneller aus dem Bett, als das britische Parlament den nächsten Brexit-Vorschlag ablehnen kann. Es muss die Aufregung sein. In ein paar Stunden werde ich erstmals an einem Wolf Run teilnehmen, angeblich „the ultimate running experience“: Haushohe Hindernisse sind ebenso zu überwinden wie hautenge Röhren zu durchrobben. Ich hätte zuerst das Video anschauen und dann erst die Teilnahmegebühr bezahlen sollen.

Das alles ist aber nichts. Wovor jeder Angst hat, ist das Wasser. Der Lauf ist nicht zu meistern ohne Durchquerung von Gewässern aller Art und Konsistenz. Und was es wirklich schlimm macht: Es ist kalt, eiskalt, saukalt.

Die Fahrt hindurch liefert Simon Liveberichte: „Es hat echt nur vier Grad“, sagt er vergnügt kurz nach Abfahrt. Als wir Warwickshire, die Heimat Shakespeares, erreichen, meldete er: „Nun sind es immerhin 6,5 Grad.“ Als wir aussteigen, empfängt uns ein eisiger Polarwind. Dessen ungeachtet stürzen wir uns in das Abenteuer. Nach drei Kilometern sind wir bis auf die Knochen nass, nach fünf bin ich von oben bis unten mit Schlamm verkrustet, bei Kilometer sieben falle ich mit meinen Klimmzügen vom Klettergerüst ins Wasser und kurz danach stecken wir in einer Lehmgrube, aus der sich niemand alleine befreien kann.

Mein Versuch, mich durch Laufen zu wärmen, ist ebenso naiv wie erfolglos. Sind das Eiszapfen, die sich da unterhalb meiner Startnummer bilden? Simon ist zu diesem Zeitpunkt jenseits der Beeindruckbarkeit. „Jetzt ist es auch schon egal“, verkündet er und stürzt sich in die Fluten. Es gibt würdigere Arten, Wasser zu überqueren. Aber keine, die mehr Spaß macht.

Nächste Woche: Jutta Sommerbauer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2019)

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