Ortsbesuch in Diksmuide

Wie wird man in 100 Jahren die Kriegsschauplätze von 2019 bereisen? Ortsbesuch in Diksmuide, Flandern.

Gedenken an die Opfer des Krieges
Gedenken an die Opfer des Krieges
Gedenken an die Opfer des Krieges – (c) imago/Belga (NICOLAS MAETERLINCK)

Zwei Dinge brachten mich an einem heißen Augustsonntag in die westflämische Kleinstadt Diksmuide: Erstens das Braulokal Verstraete, wo es, an einem schattigen Kanal mit dem malerischen Beginenhof im Rücken, das feine Bier der Marke Papegaei als Belohnung für eine Wanderung über Polder und Deiche zu degustieren gibt. Zweitens der „Totengang“, eine der letzten erhaltenen Gedenkstätten, die an die Erste Flandernschlacht erinnern.

Hier kam im Oktober 1914 der brutale Überfall der deutschen Truppen auf das neutrale Belgien zum Stillstand (weil die belgischen und französischen Truppen tapfer kämpften, aber vor allem, weil sie die Polder ringsum fluteten und somit unpassierbar machten). Der Totengang ist ein System von Schützen- und Laufgräben, welches Belgier und Franzosen entlang der Yser befestigten, um zwei alte Öltanks einige Hundert Meter weiter stromabwärts einzunehmen, von denen aus die Deutschen sie unter Maschinengewehrfeuer nahmen. Die Einnahme scheiterte, Hunderte starben hier in Schlamm und Dreck.

Man muss das gesehen haben, um die groteske Bestialität des Kriegs so richtig zu spüren: Nur 100 Meter von der belgischen Stellung entfernt lag die deutsche. Man sah einander in die Augen. Und man tötete einander. Im sehr guten Museum beim Totengang lernt man, dass es nach 1918 unzählige solcher Gedenkstätten in Belgien gab. Doch schon Mitte der 1920er-Jahre begann man, sie mangels Interesses aufzugeben.

Im Zug nach Brüssel ging mir dann eine Frage nicht aus dem Kopf: Wie wird man im Jahr 2119 die Kriegsschauplätze von heute pflegen – in Syrien, in Libyen, im Jemen?

oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2019)

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