Marokko: Blaue Oasen im Palmengrün der Roten Stadt

Paläste und Palmen malen farbenprächtige Bilder auf die vielen kunstvollen Wasserbecken, Teiche und Kanäle, die mit Wasser aus dem Hohen Atlas gespeist werden.

Der zauberhafte Pavillon im magischen Menara-Garten, angelegt zwischen 1156 und 1157.
Der zauberhafte Pavillon im magischen Menara-Garten, angelegt zwischen 1156 und 1157.
Der zauberhafte Pavillon im magischen Menara-Garten, angelegt zwischen 1156 und 1157. – (c) imago/robertharding (imago stock&people)

Ein rötlich-goldener Schimmer legt sich langsam über das tiefdunkle Grün. Das warme Nachmittagslicht zaubert die Farben der Palastmauern auf den Wasserspiegel. Mit den Säulen und Bögen erscheinen darauf auch die schlanken Silhouetten der umstehenden Palmen. Das Wasser wirkt wie ein Weichzeichner. Es malt Panoramen voller Magie.

Marrakesch, die Stadt der Bilder, in sanften Pastell- und in kräftigen Ölfarben gepinselt. Jede Ansicht wird zum Bild, ein Aquarell, ein Foto. Islamische Architektur liefert die Rahmen: Die vielen runden Bögen über den Gassen, das Oktogonmosaik unter dem Bahia-Brunnen oder das imposante Oval des berühmten Stadttors. Die lehmrote Hauptfarbe macht Marrakesch zur weithin bekannten Roten Stadt. Die Dynastien der Almohaden, Meriniden, Saadier und Alawiden formten die heute viertgrößte Stadt Marokkos und Hauptstadt der Präfektur Marrakech.

Eine Vielzahl architektonisch bedeutender Gebäude – wie die Almoravid-Koubba (von 1117), die Koutoubia-Moschee (aus dem Jahr 1158,) das berühmte Stadttor Bab Agnaou (1190) und der mittelalterlich anmutende Marktplatz Djemaa el Fna – machten Marrakesch schon früh zur Legende. Dazu kommen 19 Stadttore und eine über 19 Kilometer lange Stadtmauer, die die Medina umschließt, auch sie in prächtigem Rot. Doch ohne das Wasser, ohne die Bassins, Gärten und Wasserläufe wäre das Bild Marrakeschs unvollkommen. Es sind die Oasen in den Innenhöfen der Riads, duftig Blühendes und üppig Grünes rund um die Brunnen, in den Patios zwischen schattenspendenden Bogengängen auf kunstvoll gestaltete Mosaike gesetzt. Und es sind die weitläufigen Grünanlagen der marokkanischen Paläste, die mit Fontänen, Brunnen, Wasserläufen und Gärten beeindrucken.

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So wurde 1868 im Auftrag des Großwesirs Si Moussa, noch während der Herrschaft der Alawiden, einer der schönsten Paläste Marokkos errichtet: der Bahia-Palast. Auf einer Fläche von 8000 Quadratmetern. Als der Sohn des Wesirs Bou Ahmed wundervolle Gärten und weitere üppig bepflanzte Innenhöfe mit Fontänen, Brunnen und Wasserstellen anlegte, verziert mit Marmormosaiken und kunstvoll geschnitzten Arabesken, wurde der Bahia Palace zur wahrhaft „Strahlenden“, was der Name auch bedeutet. Er dient immer wieder als Set für große Filme, etwa „Lawrence von Arabien“ oder „Der Wüstenlöwe“.

Zwanzig Gärtner täglich

Auch die Medrese Ben Youssef, eine ehemalige Koranschule in der Medina von 1570 verfügt über einen wunderschönen Patio. Prachtvoll mit Marmorsteinen ausgelegt bestimmen hier nur zwei Farben die Architektur: Das Ockerrot Marrakeschs kontrastiert mit einem kühlen Grün an den Stützpfeilern des Innenhofs. Symmetrisch eingebettet liegt das prachtvolle Brunnenbecken, ebenso eingefasst von Marmor. Im klaren Wasser schimmern Mosaike am Grund.

Im Jardin Majorelle des französischen Malers Jacques Majorelle, 1980 von Modeschöpfer Yves Saint Laurent und seinem Lebensgefährten, Pierre Bergé, erworben, schmücken die Blätter von Seerosen die Wasseroberfläche des kobaltblau eingefassten Teichs. Kobaltblaue und moosgrüne Fliesenmosaike verzieren auch die angelegten Brunnen. Um die Brunnen, Bassins und Pflanzen, die die fünf Kontinente symbolisieren, kümmern sich täglich bis zu zwanzig Gärtner, heißt es.

In Marrakeschs Agdal-Gärten sind die Becken und Wasserläufe so riesig, dass einst Boote auf ihnen verkehrten und Soldaten das Schwimmen lernten. Les jardins de l'Agdal – die älteste erhaltene Parkanlage Marrakechs, um 1157 unter dem Almohaden-Herrscher Idris I. al-Ma'mun mit Oliven, Orangen, Feigen- und Mandelbäumen angelegt, waren mit 500 Hektar fast so groß wie Marrakesch.

Das größte Wasserbecken der Agdal-Gärten ist 220 Meter lang und kann 200.000 Kubikmeter Wasser aus dem nahen Atlas-Gebirge aufnehmen. Kanäle leiten das kostbare Wasser durch die Wüste. Am Beckenende steht majestätisch ein Palast: Der Dar El Hana, auch er in rötlichem Ocker erbaut, wirft seine Silhouette ins Atlas-Wasser. Im Fernblick liegen die schneebedeckten Gipfel des Gebirges.

Die Agdal-Gärten wurden gemeinsam mit der Medina und dem südöstlich gelegenen Menara-Garten auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes gesetzt. Menara, 1157 ebenso in der Regentschaft der Almohaden angelegt, gehört mit seinem riesigen Wasserbecken, in dem sich der Pavillon spiegelt, zu den schönsten Fotomotiven Marrakeschs. Hoch ragt der Pavillon in lichtem Ocker vor den weißen Gipfeln des Atlas auf. Der frontal angelegte Bogengang reflektiert seine geschwungenen Formen im Wasser. Von diesem Becken aus führt das vor mehr als 800 Jahren angelegte Kanalsystem das Wasser bis in die entlegensten Stellen des öffentlichen Parks.

Die Architektur des antiken Menara-Wasserbeckens war Vorbild für die Architekten der Amanjena-Anlage in den Palmeraies, den Palmenhainen vor den Toren der Königsstadt. Hinter einem mächtigen Eichenportal erstreckt sich eine Oase mit pastellblau schimmernden Wasserläufen und einer Vielzahl von Teichen: Ockerfarbene Bögen fassen das Wasser ein und lassen es in samtigem Türkisgrün schimmern. Sichtachsen erlauben den Blick auf blaue Oasen im satten Grün – Herzstück ist das große Bassin, an den Seiten bekränzt von Pavillons und hoch aufragenden Palmen. Zu später Stunde taucht das Sonnenlicht das Wasser in ein sattes Dunkelgold.

Lesetipp

Marrakesch-Duett: Entdeckungsreise durch die Welt“ in 365 Fotopanoramen im Format 17 x 23 cm, Harenberg Verlag, 24 Euro.

„Die Gärten von Marrakesch“, vorgestellt von der Landschaftsdesignerin Angelica Gray, 128 Seiten, Gerstenberg Verlag, 20,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2018)

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