Haiti: Gebremste Ekstase für zahlende Gäste

Wie man in Jacmel Augenzeuge einer ganz alltäglichen haitianischen Voodoo-Veranstaltung werden kann und was man sich davon erwarten darf: nicht zu viel, keine zuckenden Leiber in Trance, keine transzendentalen Einsichten.

Wenn Ausländer Voodoo-Zeremonien nicht verstehen – don't worry.
Wenn Ausländer Voodoo-Zeremonien nicht verstehen – don't worry.
Wenn Ausländer Voodoo-Zeremonien nicht verstehen – don't worry. – Imago (Xinhua Images)

Nein, nicht wie üblich samstags, sondern mitten unter der Woche soll eine Voodoo-Zeremonie abgehalten werden. Drei junge Männer annoncieren auf dem Marktplatz der einstigen Kaffeemetropole der Insel die abendliche Veranstaltung. Voodoo ist nicht das einzige Angebot. Der eine fordert zum Besuch einer Künstlerwerkstatt auf, den anderen zieht es mehr zu den Wasserfällen in der Umgebung. Akzeptiert wird schließlich das Angebot, an einer ganz gewöhnlichen, nur von Locals besuchten Voodoo-Feier teilzunehmen. Nein, die Veranstaltung sei kein Spektakel für ausländische Besucher.

Nach dem Abendessen will man sich vor dem Hotel treffen. Von einem Entgelt für den Lotsendienst ist vorerst nicht die Rede. Die abendliche Szenerie quillt über von Klischees: Karibischer Sternenhimmel, düstere Gassen, leichte Brise vom Meer. Der westliche Rand der Stadt ist erreicht, Trommelwirbel ist zu hören. Durch eine schiefe Tür und über einen unaufgeräumten Vorhof gelangt man zum Veranstaltungsplatz, den eine verrußte elektrische Birne in dämmeriges Licht taucht.

Hinter der Bühne liegen zwei Kammern, vollgestellt mit schiefbeinigen Betten, über denen Moskitonetze ausgespannt sind. In der einen zieht sich die Priesterin gerade um: Das rote Kleid wird gegen einen mit Goldfäden durchwirkten Überwurf ausgetauscht. In der anderen verkauft man Bier und Rum. Es geht laut zu, trotzdem ist der Bub neben der Bühne bereits eingeschlafen. Im Orchesterraum sitzen vier Männer mittleren Alters: Drei rühren die Trommel, einer schlägt das Eisen. Dabei rauchen sie und trinken aus der Dose. Auch das Publikum trinkt und qualmt. Gezählte 32 Zuschauer hocken auf Gartenstühlen und zwei Bankreihen auf einer Art Empore.

Make-up als die einzige Maske

Auf der Bühne stehen acht Tänzerinnen – die dralle Priesterin, die die Rassel schwingt, und ihre Vertreterin, die ein Kopftuch umgebunden hat, mitgerechnet. Alle sind stark geschminkt; das Make-up ist ihre einzige Maske. Die Priesterin erteilt den Gehilfinnen während der Zeremonie ununterbrochen Anweisungen. Der szenische Zusammenhang lässt keinen Schluss darauf zu, worüber gesprochen, was besungen wird, ja nicht einmal den Namen des einen oder anderen Gottes hört man heraus. Der Gesang der Priesterin ist nicht emotionslos, aber von erdrückender Monotonie. Auf komplizierte Schrittfolgen und Tanzfiguren wartet man vergebens. Alle Bewegungen sind einfach, absehbar, unprätentiös, ohne Überraschungen. Rund zwei Stunden dauert die Veranstaltung.

Nach etwa der Hälfte der Zeit betritt der Priester, anders als die Priesterin in Straßenkleidung, die Bühne und beginnt, den Betonboden mit Kreide zu bemalen. In den Büchern steht, dass er dafür Mais- oder Roggenmehl verwendet. Die Aufmerksamkeit des Publikums wendet sich seiner Arbeit zu, Musikanten und Tänzerinnen geraten ins Abseits. Kreuze, Linien und Bögen fließen dem kultischen Zeichner aus den Fingern, formen sich zu geometrischen Mustern, später zu Blumenschmuck, noch später zu einem Astralleib, der wie eine Hydra aussieht. Der nicht eingeweihte Beobachter verliert mehr und mehr die Hoffnung, mithilfe der Zeichnung das sakrale Geheimnis des Abends lüften zu können. Enttäuschung ist gar kein Ausdruck für die Reaktion auf die sich mit zunehmendem Volumen und der wachsenden Komplexität des Bodengemäldes stetig verringernden Aussichten auf die erhofften tieferen Einsichten.

Übersinnliche Steigerung

Andeutungsweise nachvollziehbar wird die Inszenierung erst wieder, als ein bräunliches Getränk aus einem Blechkessel über die Füße der Musikanten und einigen Personen aus dem Publikum, zu denen die ahnungslosen weißen Gaffer nicht gehören, in die Kehle gegossen wird. Schließlich wird auch die lang vermisste übersinnliche Steigerung der Zelebranten erkennbar. Die Tänzerinnen, erst die Priesterin, dann die Dienerinnen, fallen in eine Art Trance, der Reihe nach und in rascher Folge, aber ohne erkennbare bewusstseinstrübende Krämpfe, sogenannte präeklamptische Wallungen.

Als Ekstase mag man die Mischung aus animalischen Gesten und kollektivem Furor nicht bezeichnen – zu rasch gewinnen die Entrückten, sich gegenseitig stützend und einander offensichtlich Trost spendend, die Contenance zurück. Die totale Erschöpfung nach dem kultischen Exzess bleibt jedenfalls aus. Im Gegenteil: Jetzt wird die Truppe besonders aktiv. Man erkennt auch sofort, weshalb: Es geht um die milden Gaben. Die Priesterin reißt einer Frau aus dem Publikum einfach den Strohhut vom Kopf und geht damit in die lukrative letzte Runde. Manche Zuschauer geben gar nichts, viele nur wenig, und dies sehr zögerlich. Einer, der eine ganze Clique zu vertreten scheint, deponiert – für jeden gut sichtbar – fünf haitianische Gourdes im Opferkorb. Den ausländischen Gästen wispert die Priesterin freilich eine Forderung in ganz anderer Höhe zu: „Dix dollars, Messieur!“ Ob die Summe für einen oder die ganze Gruppe gemeint ist, sagt sie nicht dazu.

Die Rückkehr von der Veranstaltung ins Hotel ist ernüchternd, ebenso ernüchternd wie der Heimweg vom Besuch einer Operette, deren Libretto man nicht kannte. Der anfänglich zum Enthusiasmus bereite Besucher ist am Ende seltsam ungerührt, ratlos, suchend, ja enttäuscht – und doch zumindest entschlossen, sich kundig zu machen, um wenigstens nachträglich die eine oder andere Tanzfigur, Geste oder Kreidelinie zu enträtseln und herauszufinden, warum die Zeremonie gerade hier und heute stattgefunden hat und wann und wo sie so, so ähnlich oder ganz anders wiederholt werden wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2018)

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