Uganda: Ohne Angst durch das organisierte Chaos

Am Ende bleibt von der Stadt vor allem der Verkehr in Erinnerung. Gut, wenn man auf einer Boda-Boda-Tour durch Kampala einen Fahrer hat, dem man voll vertraut.

Der Verkehr in Ugandas Hauptstadt, Kampala, bleibt am stärksten im Gedächtnis – seien es die Minibusse oder die charakteristischen Boda-Boda-Motorradtaxis.
Der Verkehr in Ugandas Hauptstadt, Kampala, bleibt am stärksten im Gedächtnis – seien es die Minibusse oder die charakteristischen Boda-Boda-Motorradtaxis.
Der Verkehr in Ugandas Hauptstadt, Kampala, bleibt am stärksten im Gedächtnis – seien es die Minibusse oder die charakteristischen Boda-Boda-Motorradtaxis. – Henrike Brandstötter

Organisiertes Chaos. So nennen die Einheimischen den Old Taxi Park in Kampala. Hunderte Minibusse sind es, die da stehen auf dem braunen Erdboden. Fast wie ein Wimmelbild wirkt es von oben, mit unendlich vielen Details. Und ohne Panoramafunktion so gut wie unmöglich auf ein Foto zu bekommen. „Die Männer dort unten“, sagt Solomon und deutet auf eine Gruppe am Rand des Geländes, „zeigen den Passagieren den Weg zu dem Bus, den sie brauchen.“ Und bekommen dafür eine Provision. „14 Menschen passen in einen Bus hinein. Und er fährt erst ab, wenn er voll ist.“

Organisiertes Chaos: Der Old Taxi Park in Kampala.
Organisiertes Chaos: Der Old Taxi Park in Kampala.
Organisiertes Chaos: Der Old Taxi Park in Kampala. – (c) Erich Kocina
Der Balkon eines kleinen Restaurants ist die Loge, von der aus Solomon seine Gäste über diese Attraktion seiner Stadt blicken lässt – einen Busbahnhof. Und tatsächlich gehört das Transportwesen, gehört der Verkehr in der Hauptstadt von Uganda zu den Dingen, die Besuchern besonders stark in Erinnerung bleiben. Solomon weiß das – denn er lebt davon, Touristen durch die Stadt zu kutschieren. Millimetergenau – denn um solche Abstände geht es zeitweise, wenn er mit seinem Motorrad im dichten Verkehr zwischen Autos und Hunderten anderen Motorrädern eine Lücke entdeckt. Instinktiv drücken sich beim Passagier hinter ihm dann die Knie noch ein wenig enger nach innen. Nur ja nicht einen der anderen Verkehrsteilnehmer streifen. Und hoffen, dass man schon irgendwie durchkommen wird – zumindest am Anfang.

Ein Knäuel von Motorrädern

Doch schon ein paar Minuten später sind die Vorstellungen einer Verkehrsordnung nach westlichem Vorbild vergessen. Einer fährt, einer wartet? Wie langweilig. Hier geht es organischer – ein Knäuel aus Motorrädern, das sich zusammendrückt und am Ende wieder auseinandergeht. Organisiertes Chaos eben. Man selbst ist mittendrin. Und freut sich, wenn man einen Fahrer hat, dem man voll vertraut. Solomon ist einer von denen, bei denen das ganz einfach geht. „Hier, setz dir das auf“, sagt er vor dem Wegfahren am Morgen. Ein blaues Haarnetz. Darüber kommt der Helm. „Sicherheit“, meint er und lächelt.

Der Tempel der Bahai in Kampala.
Der Tempel der Bahai in Kampala.
Der Tempel der Bahai in Kampala. – (c) Erich Kocina
Ruhe, Entspannung – es ist wohl kein Zufall, dass Solomon als erste Station den Kikaaya-Hügel ausgewählt hat. Eine ausgedehnte grüne Parklandschaft lässt einen ein wenig herunterkommen von den ersten Minuten Fahrt durch Kampala. So wie auch der Blick in den Tempel der Bahai auf der Spitze des Hügels. Die im Iran entstandene Religion hat auf jedem Kontinent der Erde jeweils ein Haus der Andacht – jenes für Afrika wurde 1961 in Uganda eröffnet. Ein 39 Meter hohes Gebäude mit Kuppel, optisch ähnlich dem Bahai-Weltzentrum im israelischen Haifa.

Rolex ist das klassische Fast Food in Kampala.
Rolex ist das klassische Fast Food in Kampala.
Rolex ist das klassische Fast Food in Kampala. – (c) Erich Kocina
„Kennst du Rolex?“, fragt Solomon beim Aufsteigen auf das Motorrad. „Du musst wissen, die Menschen in Uganda sind reich. In Europa trägt man Rolex am Handgelenk, hier essen wir es.“ Nach wenigen Minuten parkt er sein Gefährt auf einer staubigen Straße vor einem Stand. „Frühstück“, sagt er. Rolex, das ist in Uganda das klassische Fast Food. Ein Omelette mit Zwiebeln, Tomaten oder anderem Gemüse, das über offenem Feuer gebraten wird. Und dann eingerollt in ein Chapati – daher auch der Name. Serviert wird es in einem durchsichtigen Plastiksack. Zum Mitnehmen, bitte! Und dazu vielleicht noch ein Stoney – eine Limonade mit starkem Ingwergeschmack, die in mehreren afrikanischen Ländern populär ist.

Ohne Boda Boda geht nichts

Motorrad sagt hier übrigens niemand. Boda Boda ist der korrekte Begriff dafür in Uganda. Entstanden ist er einst an der ugandisch-kenianischen Grenze. Dort, wo Busse nur leer passieren dürfen und die Passagiere ein ziemliches Stück zu Fuß gehen müssen. Hier kamen ein paar findige Menschen auf die Idee, dass man die Insassen und ihr schweres Gepäck die zwei Kilometer zwischen den Grenzposten ja mit dem Motorrad transportieren könnte. From border to border – was schließlich in der Aussprache Boda Boda endete.

Ohne Boda Boda, in der Regel indische Bajaj Boxer, die eigens für den afrikanischen Markt gefertigt werden, geht hier nichts. Eine kurze Fahrt durch die Stadt, ein Transport zum Busbahnhof – einfach einen Fahrer heranwinken. Im besten Fall hat er einen Leihhelm mit, in den meisten Fällen steigt man auch einfach so mit auf. Man gewöhnt sich daran. Mittlerweile lassen sich Boda Bodas auch schon per Uber bestellen. Das ist noch billiger, als es ohnehin schon ist. Und die Navigation kann etwas leichter sein, wenn der Fahrer einem Navi folgt. Bei einem Boda Boda vom Straßenrand kann es schon passieren, dass der Fahrer zwar losfährt, aber eigentlich nicht genau weiß, wohin. Faustregel: Wenn er beim Nennen des Ziels verunsichert lächelt, vielleicht lieber beim nächsten Fahrer probieren.

Eine Straße für Gaddafi

Solomon weiß, wo er hinmuss. Mit seinem Boda Boda hat er sich auf Touren durch Kampala spezialisiert. Er kooperiert mit einem Hostel, postet Bilder auf Facebook und hofft, dass Kunden seine Keefa Motor Tours auf Tripadvisor weiterempfehlen. „Hi, Solomon“, grüßt der Mann im Empfangszelt der Nationalen Moschee. Gaddafi-Moschee sagt hier jeder, auch wenn sie nach dem Tod des libyschen Diktators 2011 eigentlich umbenannt wurde. Weil Gaddafi die Moschee finanzierte, die rund 15.000 Gläubigen Platz bietet. Immerhin, die Gaddafi Road auf den Hügel heißt noch immer so.

Die Gaddafi-Moschee in Kampala.
Die Gaddafi-Moschee in Kampala.
Die Gaddafi-Moschee in Kampala. – (c) Erich Kocina
Rund 50 Meter hoch ist das Minarett – und ja, Besucher dürfen auch nach oben. „Kampala wurde auf sieben Hügeln erbaut“, erzählt Solomon. Auf drei von ihnen thronen die repräsentativen Gebäude der führenden Religionsgemeinschaften – Katholiken, Protestanten und Muslime. Natürlich hat die Stadt viel mehr Hügel. Etwa den Mengo-Hügel, den man auch vom Minarett aus sieht. Inklusive dem Lubiri-Palast darauf.

Der Palast ist eine der letzten Stationen, die Solomon auf der halbtägigen Tour durch die Stadt ansteuert. Hier ist – wenn er auch gar nicht hier residiert – der offizielle Sitz des Königs von Buganda. Buganda? Ja, parallel zum Staat Uganda existieren auch fünf traditionelle Königreiche im Land – Toro, Busoga, Bunyoro, Rwenzururu und eben Buganda. Wobei die Regierungen der einzelnen Königreiche vor allem kulturelle Aufgaben wahrnehmen.

Idi Amins Folterkeller

Ein paar Hundert Meter neben dem Palast findet sich ein Ort, der sich zuletzt als Ziel des „dunklen Tourismus“ etabliert hat – in einem lang gezogenen Schacht führt ein lokaler Guide durch Idi Amins Folterkeller. Hier ließ der Diktator während seiner Schreckensherrschaft von 1971 bis 1979 bis zu 25.000 Menschen foltern und töten. Dass der Keller mit Wasser gefüllt war, erzählt er – und das wurde unter Strom gesetzt. Es ist ein Ort des Schreckens, der doch so nüchtern wirkt. Keine Gedenktafel, keine Erklärung, nur das, was der Guide erzählt.

Es ist ein Ort, der sich am Ende nicht so sehr in der Erinnerung festsetzt. Der bei Erzählungen von der Reise nach Uganda nur unter ferner liefen eingeordnet wird. Zu weit weg, zu abstrakt bleibt das, was man gesehen hat. Ganz im Gegensatz zu dem, was man auf der Straße erlebt hat. Das millimetergenaue Navigieren durch den Verkehr, das Hupen, das Wirren und Entwirren an jeder Kreuzung – das Gefühl, durch das Chaos zu fahren, und dabei doch sicher auf dem Sattel zu sitzen. Danke, Solomon, sagt man zum Abschied. Es war ein spannender Tag. Ein guter Tag.

INFO

Buchtipp: „The Big Boda Boda Book.“ Von Henrike Brandstötter und Michael Hafner. Indiekator, 29 Euro.

Boda-Boda-Stadttour: Halbtägige Führungen durch Kampala bietet unter anderem Keefa Motor Tours. www.keefamotortours.com

Anreise: Flüge ab Wien nach Uganda bietet u. a. Ethiopian Airlines über Addis Abeba.

Unterkunft: Ein einfaches, aber gutes Quartier v. a. für jüngere Reisende bietet etwa Bushpig Backpackers im Viertel Kololo: www.bushpigkampala.com.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2018)

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