Arche Noah für die großen Katzen

In Südafrikas Naturschutzgebieten wird an Strategien gegen das Aussterben der Ikonen gearbeitet. Doch die früher großen Populationen von Löwen, Geparden und Leoparden rettet dies afrikaweit nicht.

Seltene Exemplare in den Reservaten, noch seltener auf freier Wildbahn: Geparden und Löwen. In Südafrika lassen sich im Phinda Private Game Reserve und im Kwandwe-Wildreservat Großkatzen – und ihre Beute – beobachten.
Seltene Exemplare in den Reservaten, noch seltener auf freier Wildbahn: Geparden und Löwen. In Südafrika lassen sich im Phinda Private Game Reserve und im Kwandwe-Wildreservat Großkatzen – und ihre Beute – beobachten.
Seltene Exemplare in den Reservaten, noch seltener auf freier Wildbahn: Geparden und Löwen. In Südafrika lassen sich im Phinda Private Game Reserve und im Kwandwe-Wildreservat Großkatzen – und ihre Beute – beobachten. – Getty Images (Cameron Spencer)

Juan Pinto ist einer von nur drei noch lebenden Mastertrackern in Südafrika. Mit diesem Ehren titel werden nur die erfahrensten und qualifiziertesten Ranger ausgezeichnet. Der Direktor und Chefranger des Royal Malewane Resort im Nordosten Südafrikas kennt die Löwenrudel der Umgebung wie die eigene Familie. Jeden Tag fährt er morgens und abends im offenen Safari-Jeep in den Busch, um Tiere zu beobachten. Löwen findet er so gut wie immer im privaten Thornybush-Wildreservat, das zum Greater Kruger Park gehört. Sie so oft wie möglich aus unmittelbarer Nähe zu beobachten ist das Ziel vieler Wildlife-Touristen. Vor allem deshalb buchen Naturreisende die Luxuslodge. Die Jeeps dürfen bei Löwensichtungen off-road fahren, um sich den Tieren zu nähern und das Fotografieren zu erleichtern.

So verbringt der Naturschützer und Tierfotograf Juan Pinto viele Stunden im Kreis seiner erweiterten Familie: den Löwen des Rudels vom Schwarzen Damm. Doch um sie ist es nicht gut bestellt. Für den Kruger-Nationalpark zeigt sich Pinto zwar einigermaßen optimistisch, was die unmittelbare Zukunft betrifft, für den Rest Afrikas aber äußerst besorgt: „Ich mache schon seit 24 Jahren Wildführungen. Dieses Rudel kenne ich seit damals. Das ist schon die fünfte Generation einer Löwin, die das Rudel als Matriarchin gegründet hat. Während dieser 24 Jahre sank die Population in ganz Afrika um die Hälfte. In der kurzen Zeit haben wir sehr viele Löwen in Gegenden ohne Naturschutz verloren.“

Löwen, Leoparden und Geparde zieren Plakate, Etiketten, Reiseprospekte, Logos. Im Ökotourismus sind sie das „Zugpferd“ schlechthin. Südafrika vermarktet sich auch mithilfe dieser Tiere. Im Naturfilm gelten sie als die zugkräftigsten Arten, tausendfach porträtiert. Wie schnell ein Gepard läuft, weiß fast jedes Kind. Aber das Wissen um ihre höchst bedrohte Existenz in freier Wildbahn ist weniger ausgeprägt. Nach derzeitigen Schätzungen existieren weltweit nur mehr 7000 Geparde. Damit gilt der Gepard als bedrohte Art. Für Pinto liegt es vor allem an ihrem touristischen Wert, dass es die schnellsten Landjäger überhaupt bis ins dritte Jahrtausend geschafft haben: „Glücklicherweise hat Südafrika viele Jagdgebiete in Reservate umgewandelt, die sich dem Naturschutz und Ökotourismus verschrieben haben. Eine fantastische Entwicklung. Für mich bedeutet Tourismus Arterhaltung in moderner Form. Es gibt so gut wie keinen reinen Naturschutz ohne Profit.“

Unfreiwillige Migranten

Das Überleben der Großkatzen hängt entscheidend von dem Zusammenspiel der Naturschutzstrategien, der Tourismusindustrie und dem Einbezug lokaler Gesellschaften ab. Denn nur mit der Unterstützung der Lokalbevölkerung haben die Helden der Werbeindustrie eine realistische Chance, unser Jahrhundert zu überleben. In Südafrika wird viel unternommen, um Großkatzen vor dem Aussterben zu bewahren. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb werden Tiere zu einer Handelsware. Wild lebende Löwen und Geparde werden im Lauf ihres Lebens mehrfach umgesiedelt. Im Sinn der Arterhaltung geht es dabei darum, den Genpool aufzufrischen oder Wildreservate attraktiver für den Ökotourismus zu machen. Trotz aller Romantisierung der „großen Katzen“ sind diese ein wichtiger Teil einer „Ökotourismusökonomie“.

Dale Wepner, Ökologe im Phinda-Wildreservat in der südafrikanischen Provinz Kwa-Zulu-Natal, lädt einen toten Nyala-Bullen von der Ladefläche seines Kleinlasters. Im Morgengrauen hat er die große Antilope selbst „geerntet“, wie hier die Jagd für den Naturschutz umschrieben wird. Seit das private Schutzgebiet zwei neue Löwenmännchen gegen seine alten eingetauscht hat, fällt ihm die Aufgabe zu, sie während der Eingewöhnungsphase zu ernähren. Als Tierliebhaber fällt ihm dies besonders schwer: „Ich hasse es, gesunde Antilopen zu schießen, aber die Löwen müssen eine Zeit in der sogenannten Boma, einem abgezäunten Territorium, bleiben, um mit der ungewohnten Umgebung vertraut zu werden. Wir brauchen auch Zeit, um zu sehen, ob sie frei von Krankheiten sind und die neue Kost annehmen. Wo sie herkommen, gibt es keine Nyalas“, so Wepner. In Südafrika gibt es ein eigenes Managementforum zum Tausch und Verkauf von Löwen und Geparden – zur Auffrischung des Genpools. „Dafür ist Südafrika eines der wenigen Länder, in denen die Populationen frei lebender Tiere in den vergangenen Jahren gewachsen sind. Man gibt etwa zwei Löwenmännchen weg und bekommt dafür zwei neue. Phinda hat sich zudem zu einem wichtigen Genreservoir für Geparde entwickelt. Wir haben Tiere bis nach Zentralafrika vergeben.“ Das Reich der Großkatzen schrumpft dramatisch. Es gibt nur mehr ganz wenige Orte, wo sie nicht in eingezäunten Reservaten leben: „Ein Löwe außerhalb einer Schutzzone wird heute als extremes Sicherheitsrisiko verstanden.“

Wildtierkonflikte

Für die Großkatzen ist es ein schwerwiegender Eingriff, in neue Territorien übersiedelt zu werden. Dort herrschen bereits andere. Für diejenigen wiederum bedeuten die Neuankömmlinge Konkurrenz. Revierkämpfe sind fast zwangsläufig. Mitunter entstehen neue Phänomene wie die Bildung von „großen Koalitionen“ männlicher Löwen, die dann riesige Territorien geradezu diktatorisch regieren. Von der früher beinahe vollständigen Verbreitung in Afrika sind nur mehr winzige Gebiete geblieben. Aus Westafrika werden Löwen bald fast vollständig verschwunden sein. Doch selbst im Osten und Süden Afrikas wird ihre Lage immer alarmierender. Fest steht, dass ihre Populationen mit wenigen Ausnahmen in gut geführten und streng kontrollierten Nationalparks fast überall zurückgehen. Außerhalb geschützter Reservate sind auch in Ländern wie Tansania, Kenia, Botswana, Namibia oder Südafrika, wo ihr Schutz grundsätzlich gewährleistet ist, die Zahlen drastisch gesunken. Für die Geparde sieht es noch um einiges trister aus; bei Leoparden existieren keine verlässlichen Zahlen. Für die Viehhirten in den immer kleiner werdenden Pufferzonen zwischen Löwenland und ihren Dörfern bedeutet das magische Brüllen unmittelbare Bedrohung für Hab und Gut.

Fatale Kollateralschäden

Es gibt viele Gründe für den dramatischen Rückgang der Großkatzen. Die Verfolgung durch die Bevölkerung nach einem aus ihrer Perspektive „Viehraub“ ist nur einer, allerdings in Ländern wie Kenia und Tansania ein wichtiger. Mehrere Ursachen sind relevant: Zum einen benötigt eine sprunghaft gestiegene Bevölkerung (in Kenia etwa von sechs Millionen Menschen 1950 auf 35 heute) immer mehr Land, zum anderen rächen sich manche Viehzüchter für die Vertreibung von ihren früheren Weidegründen, als diese zu Nationalparks erklärt wurden. Löwen, die Rinder reißen, sind da viel leichtere Opfer als Regierungen, Naturschutzbehörden oder Touristen. Dazu bedarf es nur der Vergiftung des Kadavers, zu dem Löwen nach erfolgreicher Jagd oft wieder zurückkehren. Als Kollateralschäden sterben damit sämtliche Tiere, die nach den Löwen zum Resteessen kommen: Hyänen, Schakale, Leoparden, Geier.

Andernorts setzen weniger die lokalen Gemeinschaften, sondern die Trophäenjagd der ganzen Population zu. Sie hat es vor allem auf erwachsene männliche Löwen abgesehen, deren Mähne den größten Wert besitzt. Werden die geschlechtsreifen, dominanten Männchen geschossen, nehmen jüngere Tiere ihren Platz ein. In der Regel töten sie sämtliche Jungtiere und verbreiten Chaos in der komplexen Sozialstruktur eines Rudels. Nicht selten paaren sich in Abwesenheit der dominanten Männchen die Weibchen mit ihren eigenen Nachkommen, was nicht nur langfristig genetische Konsequenzen mit sich bringt, sondern auch relativ kurzzeitige Folgen der Inzucht wie Gendefekte und Unfruchtbarkeit. Wenn es aufgrund der mittlerweile fast überall eingezäunten Tierreservate zu keinem natürlichen Austausch mit einem anderen Genpool kommt, sind ganze Populationen in Gefahr, durch Krankheiten auszusterben. Unabhängig von der Bejagung schwebt das Damoklesschwert einer genetischen Verarmung ebenso wie das der von Zucht- und Haustieren ausgelösten Krankheiten über der gesamten Art. In kurzer Zeit können sie eine zuvor stabile Löwenpopulation vernichten.

Kranke Tiere, kranke Beute

Sind die Beutetiere im größeren Ausmaß befallen, wie etwa der Afrikanische Büffel in Südafrikas Kruger-Nationalpark, greift die Krankheit zwangsläufig auf die Beutegreifer über. Löwen im Kruger haben diese Tiere ganz oben auf ihrem Speisezettel und sind sichtbar betroffen. Es ist kein schöner Anblick, einen schwer atmenden, mähnenlosen „König der Tiere“ mit halbem Schwanz beim Sterben zuzusehen. Seinen beiden Brüdern im Kruger-Nationalpark erging es auch nicht viel besser, da das schwer kranke Tier auch ihr Fortkommen negativ beeinträchtigte. Zu oft mussten sie ihren geschwächten Gefährten gegen Artgenossen und Hyänen verteidigen. Ihre seltene Jagdbeute mussten sie zudem mit dem kranken Tier teilen. Eine Vielzahl von Schrammen und frischen Wunden gab einen Einblick in ihren harten Alltag.

Leider stehen die Aussichten nicht nur für diese drei Brüder, sondern für die ganze Art mehr als schlecht. So ungenau die Zahlen sein mögen: Von der geschätzten Million Löwen zur Wende zum 20. Jahrhundert sind weniger als 20.000 übrig geblieben. Ihre Habitate sind vielerorts ebenso bedroht wie ihre Beutetiere. In zahlreichen Ländern Afrikas landen diese als sogenanntes Buschfleisch in menschlichen Mägen. Oftmals bleiben dann nur mehr die Nutztiere der Menschen, was ihnen nicht lang gut bekommt.

In einigen wenigen Reservaten werden wohl größere Populationen noch überleben. Zu wertvoll sind sie für die Tourismusindustrie. Der Nationalparktourismus boomt, je mehr natürliche Ökosysteme dem „Raubtierkapitalismus“ zum Opfer fallen. Ihre ökonomische Vermarktung soll die Ausrottung der wilden Katzen zumindest aufhalten oder gar verhindern. Manche sehen darin nichts anderes als die Quadratur des Kreises, sind der Mensch und seine wirtschaftlichen Interessen doch für die Bedrohung und den Verlust vieler Tierarten verantwortlich. Mangels besserer Alternativen bleibt kaum eine andere Wahl, als – die touristische Vermarktung der Großkatzen zur Erhaltung ihrer Arten – wenigstens zu versuchen. Solange private Wildreservate und Nationalparks ihre Kosten zumindest decken können, besteht Hoffnung, dass Löwen und Geparde mancherorts in relativer Freiheit überleben. Ob sie das über das 21. Jahrhundert hinaus rettet, hängt freilich von der Tiefe des Wertewandels ab, den die Rede von der Nachhaltigkeit beschwört. Sonst werden die Großkatzen nur in Arche-Noah-artigen Schutzgebieten und Zoos überleben.

 

GROSSKATZEN SEHEN

Es hängt von Vegetation und Habitat ab, wie leicht Großkatzen in freier Wildbahn zu beobachten sind. Im Kruger-Nationalpark sind die Chancen gut. Private Wildreservate bieten noch höhere, um seltene Katzen wie Geparde zu sehen. Das Phinda Private Game Reserve und das Kwandwe-Wildreservat sind für häufige Gepardsichtungen berühmt.

Autoren: Werner Zips ist Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien, Angelica V. Marte lehrt an der Zeppelin Uni Friedrichshafen, ist Unternehmerin, Filmemacherin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 2.2.2019)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Arche Noah für die großen Katzen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.