In Yukon dem Gold folgen

Der beste Weg zu den Stätten des Goldrauschs führt in Kanada über den Yukon River.

Unterwegs am Yukon River.
Unterwegs am Yukon River.
Unterwegs am Yukon River. – (c) imago/Aurora Photos (Josh Miller Photography)

Stille, nichts als unglaubliche Stille. Einzig das gleichmäßige Geräusch der Paddel, die in das blaugrüne Wasser getaucht werden. Um uns herum: unendliche Natur, sich selbst überlassen. Ungezählte Berge, einmal spärlich, einmal dicht mit Schwarzfichten und Zitterpappeln bewachsen, am Ufer zarte Birken, Wildrosen-, Weiden- und Erlenbüsche – dazwischen ein breiter, sich sanft windender Flusslauf. Lautlos zieht ein kapitaler Weißkopfadler seine Runden, ein wenig versteckt rastet eine Elchmutter mit ihrem Jungen im ufernahen Unterholz.

Zugegeben: Man legt viele Flugkilometer hinter sich, um die weltweit größte unzerstörte boreale Wildnis erleben zu können. Doch nicht nur die unfassbaren Naturerlebnisse ziehen Tausende Menschen weltweit an, auch die Tatsache, dass Teilstücke des Yukon River selbst für Paddelneulinge geeignet sind, überzeugt sogar Zauderer. Ein weiterer Pluspunkt: Die Geschichte des größten Goldrauschs aller Zeiten ist auf weiten Strecken entlang des Flusses noch immer erlebbar. Genau auf diese Spuren haben wir uns begeben, eine internationale Truppe bestehend aus vier blutigen Erstkanuten plus zwei erfahrenen Wasserwanderern, verteilt auf drei Kanus, angeleitet von Robert, unserem Guide. Sein Wissen, seine Umsicht sowie sein ausgeglichenes, freundliches Wesen hat allen nicht nur die Anfangsnervosität genommen, sondern gibt auch während der gesamten Tour die nötige Sicherheit, uns richtig in der rauen Wildnis zu verhalten.

Campen ohne Spuren

Um die gut 180 Kilometer lange Flussstrecke in vier Tagen zu schaffen, starten wir am hinteren Ende von Lake Laberge, einem 65 Kilometer langen und vier Kilometer breiten See. Hier ist der Einstieg in den Thirty Mile River, einem Teilstück des Yukon River, unkompliziert machbar. Der Thirty Mile River ist nicht nur ein geschütztes kanadisches Naturerbe, sondern besticht vor allem auch durch sein smaragdgrünes Wasser. Entlang des Ufers finden sich viele Relikte aus vergangenen Tagen, die eindrucksvoll die Geschichte des viertlängsten Flusses in Nordamerika dokumentieren. Dazu zählen Artefakte der Ta'an Kwach'an First Nation, die hier über Jahrhunderte von reichen Ernten, vom Fischen und Jagen gelebt haben. Aber auch zerschellte Raddampfer, verwitterte Blockhütten und vergessene Poststationen sehen wir.

Am Monitor Point schlagen wir zum ersten Mal unsere Zelte auf. Robert baut derweil rasch die Campküche auf, macht Feuer, kocht Wasser, putzt das Gemüse – und gibt allen ein paar Anweisungen. „Die Zelte sollten nicht so weit auseinanderstehen“, „wir könnten noch ein bisschen mehr Feuerholz brauchen“, „bitte unbedingt jeden noch so kleinen Krümel aufheben, hier herrscht die No Trace Policy, also keine Spuren hinterlassen“, erklärt der 41-Jährige. Zum einen stelle dies sicher, dass unliebsame Gäste wie Bären nicht auf uns aufmerksam werden, zum anderen ist der gebürtige Hiddenseer ein großer Naturschützer.

Wie er es schafft, auf der offenen Feuerstelle die köstlichsten Mahlzeiten zuzubereiten, bleibt an diesem Abend, wie auch zu allen anderen Zeiten, ein echtes Geheimnis. Aber wir essen cremiges Kokoshuhn, süße Heidelbeeromeletts, feuriges Chili, knusprige Bisonbratwurst und herzhafte Spiegeleier mit Speck. „Ihr braucht ja Kraft“, erklärt Robert lachend, der seit fünf Jahren als Kanuguide arbeitet und die überwiegend aus Europa kommenden Gäste betreut. Der studierte Forstwirt aus Deutschland lebt auch privat sehr naturverbunden, jagt und fischt – und kann sich ein Leben in der alten Heimat nicht mehr vorstellen.

Durchziehen, einstechen

Wir hingegen versuchen, uns vorzustellen, wie es gewesen sein muss, 1898, als der größte Goldrausch aller Zeiten in voller Blüte stand und viele Tausende Menschen es wagten, mit selbst gebauten Flößen und Booten die rund 750Flusskilometer lange Strecke von Whitehorse zum Gold im Klondike zurückzulegen. Unsere Tagesetappe ist „nur“ knapp 60 Kilometer lang. Noch zeigt sich eine milchige Sonne am leicht blauen Himmel und wärmt Herz und Hand. Die Gedanken werden flüchtig, der Rhythmus des gleichmäßigen Paddelns – eine Stunde rechts, eine Stunde links, einstechen, durchziehen, einstechen, durchziehen – beherrscht das Sein. Einzig das Kreischen eines Adlers, der seine Runden am Himmel dreht, durchbricht die Stille.

Robert gibt ein Zeichen, dass es wieder Zeit ist zusammenzukommen. Dazu „hängen“ wir uns quasi aneinander, alle drei Kanus liegen parallel im Wasser, und wir nutzen die Zeit, um uns auszuruhen und die Schultern hängen zu lassen. Wir legen uns etwas hin, schauen in die Sonne, folgen den Wolken und genießen nebenbei die Süße der Trockenfrüchte, Müsliriegel und anderer köstlicher Snacks, die Robert aus seiner Provianttasche zieht. Während sich die Muskeln langsam entspannen, erzählt uns Jessica, die Kanadierin, dass sie vor ihrer Reise viel über die Zeit des Goldrauschs gelesen und dabei den Dichter Robert Service entdeckt hat.

Einfaches, raues Leben

Der gebürtige Engländer, der sich 1895 im Alter von 21 Jahren im Yukon ansiedelte, erlangte Weltruhm durch seine Balladen- und Gedichtsammlung „The Songs of a Sourdough“ (Die Lieder eines Sauerteigs), die 1907 erschien. In Erzählungen wie „The Shooting of Dan McGrew“ (Das Ende des Dan McGrew) und „The Cremation of Sam McGee“ (Die Einäscherung von Sam McGee“) beschreibt er eindrücklich die raue Lebensweise während des großen Goldrauschs im Klondike und danach.

Diese und die nächste Nacht verbringen wir auf einem wilden Campground entlang des Flussufers, den Robert mit sicherem Blick für uns ausmacht. Das Prozedere ist stets das gleiche: anlegen, Kanus sichern, Material entladen, Campküche und Zelte aufbauen, dann das gemeinsame Essen am Lagerfeuer. Stets erzählt uns Robert von der Tour des nächsten Tages, welche Entfernungen zurückgelegt werden, was es entlang unserer Strecke zu sehen gibt, über die Tiere, die hier leben, über die First Nation. Geduldig beantwortet er die vielen Fragen über sein Leben im Yukon, lässt die Fotografin in der Gruppe das tausendste Essensfoto schießen, gibt den anderen noch ein paar Angeltipps. Mit dem gleichen freundlichen Lächeln, mit dem Robert einen in die Nachtruhe schickt, begrüßt er uns auch zum Frühstück. Es ist der letzte Tag, wir starten früh.

Kurz hinter der Einmündung des Teslin River erreichen wir Hootalinqua. Einst ein beliebter Versammlungsort der Tlingit-, der Southern-Tutchone- und Northern-Tutchone-Ureinwohner, die sich hier zur Jagd, zum Fischen und zum Feiern trafen, wurde Hootalinqua später zu einem Versorgungspunkt für Minenarbeiter und Flussreisende. Robert deutet auf eine flache Stelle am Flussufer, und wir legen an. Ein paar der Hütten des ehemaligen Dorfs sind noch erhalten, kapitale Elchgeweihe und historisches Kochgeschirr wurden zurückgelassen. Beim nächsten Stopp warten die Überreste der SS Evelyn, eines Heckraddampfers von 1908. „Zahlreiche Dampfschiffe verunglückten auf dem Thirty Mile River, weil es für die schwer beladenen Steamers recht schwierig war, durch die seichten Wasser mit seinen versteckten Felsen zu navigieren“, erklärt Robert.

Gut, dass wir lediglich Kanus steuern müssen. Und das ist gar nicht so schwierig, selbst durch die leichten Strudel, die wir immer wieder passieren. Da die Fließgeschwindigkeit des Yukon River bis zu zehn Stundenkilometer ausmacht, würden wir, auch ohne ein Paddel zu führen, früher oder später in Dawson City ankommen. Das verrät Robert aber erst ganz am Ende unserer Tour, als wir – kurz hinter der Gemeinde Little Salmon – auf unsere Abholung auf dem Robert Campbell Highway warten. Wir haben noch zwei Tage in Dawson City, dem „Paris des Nordens“, wie die kleine Stadt während ihrer goldglänzenden Zeit auch genannt wurde, vor uns. Und auch wenn das Herz ganz schön schwer ist und wir uns noch gar nicht von der unglaublichen Natur trennen wollen: Die Aussicht auf eine heiße Dusche ist großartig!

Auf einen Blick

Klondike: Ein Goldfund am 16. August 1896 löste rund sechs Monate später den größten Goldrausch aller Zeiten aus. Bis heute ist nicht geklärt, wer genau den ersten Fund gemacht hat, aber George Carmack, seine indigene Frau Kate, ihr Bruder Skookum Jim sowie ihr Neffe Dawson Charly fanden an einer abgelegenen Flussmündung von Rabbit Creek und Klondike River ihren ersten riesigen Klumpen Gold. Schnell wurde ihnen klar, dass der Fund erst der Anfang war und in den umliegenden Flussbänken noch riesige Mengen sein müssen. Flugs wurde Land abgesteckt, offiziell beim Polizeiposten registriert – schon machte die Entdeckung des Goldes seine Runde, erst in den umliegenden Minencamps, bald darauf rund um die Welt.

Informationen: Tourism Yukon, www.travelyukon.de, und im Visitor Center in Whitehorse, auch auf Deutsch.

Anreise: Von Frankfurt direkt in knapp neun Stunden nach Whitehorse mit Condor. www.condor.com

Kanutrip: Die „Mini Yukon River Tour“ (6Tage/5 Nächte, vier Termine) inkludiert Transfers, zwei Hotel- und drei Zeltübernachtungen, alle Mahlzeiten während des Trips sowie das gesamte Material. Nur Schlafsack und Isomatte müssen mitgebracht werden. Unbedingt beachten: Es wird in freier Natur gecampt, es gibt keinerlei Komfort wie etwa WCs/Duschen, Internet oder Mobilfunkanschluss. Natur Tours of Yukon, T: +1/(0)867/660 50 50 (man spricht Deutsch). www.naturetoursyukon.com

Tipp: Sinnvoll ist eine Angellizenz. https://env.eservices.gov.yk.ca

Schlafen: Die Hotels in Whitehorse liegen in der Innenstadt, haben durchschnittlichen Motelstandard. In Dawson City ist die Auswahl größer: vom einfachen Hostel bis zum historischen Inn.

Essen: In Whitehorse: G & P Steak House & Pizza, gutes Essen, Riesenportionen. www.gandpsteakhouse.com

In Dawson City ein Muss: The Drunken Goat Taverna – das Essen ist top. Reservieren! T: +1/(0)867/993 58 68

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2019)

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