Japan: Es war einmal in Shirakawa-gō

Lang lebten die Menschen in der Bergeinsamkeit auf Honshū mit der Seidenraupe unter einem Dach, heute sind ihre Häuser Weltkulturerbe.

Pittoresk. Die historischen Häuschen sind zum Teil noch bewohnt und genutzt.
Pittoresk. Die historischen Häuschen sind zum Teil noch bewohnt und genutzt.
Pittoresk. Die historischen Häuschen sind zum Teil noch bewohnt und genutzt. – (c) Gokayama Tourist Information Center/JNTO

Wenn es am schönsten ist, kommt man besser nicht nach Ogi-machi. Denn da wird der Ort, der aussieht wie in einem Märchenbuch, überrannt. Er ist ein magisches Bild, dem man gern nachreist, vielleicht das meistfotografierte Dorf Japans. Und leicht verwirrend, auch als Ort Shirakawa-gō bekannt, zu dem Ogi-machi eigentlich gehört. Wie dem auch sei: Mehr als 1,7  Millionen Reisende jährlich schauen bei den 1700 Bewohnern vorbei. Beliebt sind die Zeit der Kirschblüte im Frühling, dann der Herbst, wenn sich das Laub der Wälder färbt, und auch der Winter, wenn alles tief verschneit zu den „Light-up"- Events in festlichem Licht erstrahlt. Von Wochenenden ist ohnehin abzuraten. Also kommt man besser an einem normalen Tag wie an diesem Dienstag.

Von Kanazawa aus geht das komfortabel mit dem Highway-Express-Bus hin und zurück. Bald führt die Straße in tief zerklüftetem Terrain bergauf. Der Bus taucht in Wälder ein, verschwindet in Tunnels, kommt im Tal des Sho-Flusses wieder heraus und läuft pünktlich auf die 75. Minute im Mini-Busbahnhof von Shirakawa-gō ein. Da liegt Ogi-machi vor unseren Augen.

Und hier stehen sie auf einer Terrasse über dem Sho, die berühmten „gassho-zukuri": Gebäude wie Lebkuchenhäuser mit steilen Dächern, der Zuckerguss indes ist hier aus Stroh. Dazu die Bergkulisse, ein überaus malerischer Anblick im Land der Bullet Trains und rastlosen Bahnhofslandschaften. Vormittag ist es, die Besucher verlieren sich in dem Dorf und in manchem der Häuser. Gern möchte man da hineinschlüpfen, denn: Was ist das eigentlich, ein „gassho-zukuri"?

Eigene Aura. „Gassho" bedeutet in etwa die im Buddhismus „zum Gebet gefalteten Hände" – daran erinnern die steilen Dächer –, „zukuri" wiederum bedeutet Konstruktion. Die Gegend, lang noch ein letztes Stück unerforschten Japans, hatte immer ihre eigene Spiritualität. Ganz in der Nähe strebt einer der drei heiligen Berge Japans über 2700 Meter in den Himmel: Mount Haku. Hunderte dieser Häuser sollen einmal in dieser Bergeinsamkeit errichtet worden sein, wer weiß es genau? 1961 waren noch 190 übrig, Feuer forderten Opfer, ganze Dörfer waren für Stauseen geflutet worden, manche verfielen, weil ihre Bewohner in ein bequemeres Leben in die Städte zogen. 1971 kam es schließlich zu einer legendären Initiative der Bewohner: „Verkaufe nicht. Vermiete nicht. Zerstöre nicht." Eine Vereinigung, um das Erbe zu schützen, formierte sich. Fünf Jahre später wurde der Erhalt der Häuser zur nationalen Aufgabe, Ogi-machi mit Ainokura und Suganuma, zwei Weilern in der Nachbarschaft, dann 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Zwischen Reisfeldern, Teichen, Blumen und Gemüsegärten voller fetter grüner Rübenblätter führen kleine Wege durch den Ort. Einige gassho haben drei, vier Etagen, manche sogar fünf. Ihre Fassaden bestehen aus dunklem Holz, wie auch die kleineren Nebengebäude – ein Stall, eine Wassermühle, ein Speicher. Allesamt unter dicken Strohpolstern, manche sind bemoost, Es sieht aus wie in einem Märchenbuch – und bietet jede Menge Selfie-Motive, die kaum ein Besucher auslässt, wie auch das Pärchen vor uns. Dafür hebt es aus seinem Kinderwagen einen Hund, der angezogen ist, als ginge er zu einem Kindergeburtstag.

Architektonische Relevanz. Im Wada-Haus, dem größten Gebäude, drängen sich Reisende doch etwas. Ein Stück weiter aber bittet die Familie Nagase in ihre ruhigeren Gemächer, einst waren sie Hausärzte der Maeda-Samuraifürsten. Aus Holz und Stroh ist auch ihr Anwesen. Bauhaus-Architekt Bruno Taut erkannte bei seinem Besuch 1935 ein rationales und logisches Konzept in den Häusern und brachte Shirakawa-gō auf die internationale Landkarte.

Das kann man nacherleben. Das Haus ist gewaltig, drei Jahre dauerte sein Bau. Aus dem Holz 300 Jahre alter Kastanienbäume und Zypressen ist das Skelett und geht über fünf Etagen. Steil ragt das Dach (sechzig Prozent), bedeckt von einer dicken Strohlage, empor und lässt den Schnee nicht zur Last werden, sondern abgleiten. Zumal schon einmal zwei, drei Meter, wenn nicht viereinhalb Meter hier liegen können. Die den vorherrschenden Winden folgende Nord-Süd-Ausrichtung bietet ihnen weniger Widerstand und fördert die Belüftung. Die Etagen sind funktional gegliedert. Im Erdgeschoß lassen der Ahnenaltar, die Herdstelle, ziervolle Möbel und medizinische Utensilien der Edo-Zeit in das Leben der Familie blicken. Im Mezzanin schlief das Gesinde, darüber lagen Arbeitsräume.

Bis unters Dach stieg die Wärme der Herdstelle auf und wärmte die dort gehaltenen Seidenraupen und ihre Kokons. Von ihnen hing das Wohlergehen ganzer Familien und Dörfer ab. Doch nicht nur deshalb oder all der geschichtsträchtigen Werkzeuge wegen sollte man hi­naufsteigen: Allein schon der Konstruktion, der mächtigen Dachsparren wegen. Sie reichen in einem Stück elf Meter lang von der Traufe zum First, dicke Seile aus dem Busch der Japanischen Zaubernuss halten alles zusammen . . .

Nachbarschaftshilfe. Diese Landschaft war für lange Zeiten abgeschottet, heißt es in der Begründung für die Aufnahme ins UnescoWelterbe. Mit der einzigartigen Architektur hatten sich eine Kultur und ein Spirit erhalten – ein Geist gegenseitiger Hilfe und Arbeitsteilung, „yui" im Japanischen. Im Winter, wenn man die Orte wegen der enormen Schneemengen nicht verlassen konnte, half man einander. Ebenso beim Hausbau – wie bei den Nagases vor 18 Jahren. Damals musste das riesige Strohdach neu gedeckt werden, 500 Mann, darunter viele Freiwillige aus ganz Japan, eilten zu Hilfe – das ist „yui", der Geist von Shirakawa-gō, der im Haus in Fotos festgehalten ist.

Seidenraupen werden hier seit vierzig Jahren nicht mehr gezüchtet. Von den über hundert gassho-zukuri in Ogi-machi sind noch 59 bewohnt, der Rest steht leer oder wird anderweitig genutzt. Auch Restaurants und Unterkünfte beherbergen die Häuser heute, leider fallen einige Shops etwas zu deutlich ins Auge und fügen sich nicht recht in das Bild eines Welterbes.

Brunnen, Teiche und Bäche liegen am Weg durch das Dorf und sorgen für die Bewässerung von Feldern und Gärten. Und wollte man schon immer einmal einem Karpfen tief in die kleinen Augen und ins rüsselförmig ausgestülpte Maul schauen, hier geht das ganz gut. Das Wasser ist glasklar, die Kois darin hoffen immer auf einen Happen von Passanten.

Feuerstelle. Über den Sho führt eine Hängebrücke zum Freilichtmuseum, 26 gassho-zukuri fanden dort eine Bleibe. Mittendrin ein Haus, das für Familien bereitstand, denen das eigene durch Unheil wie Feuer genommen wurde. In sehr stattlichen Häusern, den „Nakano Yoshimori", und dem vielleicht ältesten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, dem „Yamashita Haruro", taucht man in das damalige Leben ein. Schlicht wie edel sind Böden und Wände aus Holz gefertigt. An den offenen, in den Boden eingelassenen Feuerstellen, „irori", wurde gekocht, da kam man zusammen, wärmte sich, gab es Licht, wenn der Winter Shirakawa-gō unter Schnee begrub, die Kälte durch die Holzwände kroch und kein Weg hinaus in die Welt führte. Heute kommt alle Welt hierher zu Besuch.

Infos

Anschauen: Das Freilichtmuseum Gassho-zukuri Minkaen liegt in der Region Tōkai-Hokuriku auf der größten japanischen Insel – Honshū. www.shirakawa-go.gr.jp, www.shirakawa-go.org

Hinkommen: von Kanazawa mit dem Highway Express Bus. Tickets gibt’s im Hokutetsu Office an Kanazawa-Stationen oder online, Reservierungen gelten bis zu einem Monat vor Reiseantritt. Fahrtdauer Kanazawa bis Shirakawa-gō: 75 Minuten. Komfortabler Bus, guter Service,
www.hokutetsu.co.jp

Kosten/Mitbringen: essbare Souvenirs wie Reis- und Buchweizennudeln, Konfekt von Grünem Tee, fermentierten Knoblauch oder sauer eingelegte Steckrüben.

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