Neufundland: Eiskalt und unberechenbar

Nach Neufundland an der Ostküste Kanadas reisen Menschen, um sich Eisberge anzuschauen. Profitiert der Tourismus vom Klimawandel?

Besucher. Gletscher kalben und Eisberge machen sich auf den Weg.
Besucher. Gletscher kalben und Eisberge machen sich auf den Weg.
Besucher. Gletscher kalben und Eisberge machen sich auf den Weg. – (c) Courtesy Newfoundland and Labrador Tourism

Wie ein grob behauenes Stück Marmor ragt der Eisberg drei Stockwerke hoch aus dem Meerwasser, das unter ihm das Türkisblau eines Gletschersees angenommen hat. Es ist ein monumentaler, unförmiger Brocken aus leuchtendem Weiß, der leicht schwankend auf der Wasseroberfläche treibt. Ed Kean ist mit seinem kleinen Boot ganz nah herangefahren. „Der wird bald kippen“, sagt er, „da läuft schon seit Tagen das Wasser herunter.“ Er dreht bei, umkreist den Riesen und deutet auf einen kleinen Wasserfall auf der abschüssigen Seite. Kean ist einer, der Eisberge erntet. Er liefert das Wasser aus ihnen an Bierbrauereien und Destillerien. Eisbergwasser ist das reinste Wasser, das es natürlich gibt. Über Zehntausende von Jahren ist es in den Gletscher eingeschlossen gewesen, befreit von jeglichen Schadstoffen und mineralischer Last.

Eisberge sammeln. Dieser Eisberg tropft nicht, er zerläuft unter der Sonne. Er ist für Kean ohnehin zu groß. Ein kleinerer treibt weiter westlich in der Bucht von Open Hall, einem Dorf an der Ostküste Neufundlands. Dort liegt Keans Schiff, oder besser die beiden Schiffe: Ein altes Containerschiff, das einer Rostlaube gleicht, an Bord eine Reihe von Fässern, und ein kleinerer Schlepper. Entdeckt Kean einen kleineren Eisberg, befestigt er ein Seil an ihm, bindet ihn am Containerschiff fest und baggert ihn ab.

Früher hat er drauf geschossen, um kleinere Teil abzusprengen und sie in seine Drinks zu werfen, aber das macht er nicht mehr. Es war eher ein Spaß als ein effizientes System. „Dieses Jahr gab es so viele Eisberge wie noch nie“, sagt Kean. Zwischen Mitte Mai und Ende Juni ernten er und seine Crew. Jedes Jahr sucht er neue Leute. Drei sind an Bord, sie haben ihre besseren Jahre schon lang hinter sich gelassen, falls sie je welche hatten. Sie sind keine geborenen Seemänner, eher solche, die Schiffbruch erlitten haben. Er hat sie eingesammelt, wie er jetzt die Eisberge sammelt. Manchmal baggern sie etwas zu viel von einem Eisberg ab, dann verliert er das Gleichgewicht, rollt und kippt, die Leine reißt und er kracht gegen das betonverstärkte Heck des Schiffs. Gerade erst ist das passiert. Deshalb ist Kean mit seinem Beiboot rausgefahren, um diesen großen Eisberg zu inspizieren. Wer weiß, vielleicht bricht er in zwei oder drei Teile auseinander, dann könnte Kean einen wegschleppen. Wenn es der richtige ist. Unter dem Boot sieht man, wie sich der Eisberg unter der Wasseroberfläche in die Breite ausdehnt. Was wir da sehen, steht wie auf einem Präsentierteller – nur sehen wir den Teller nicht. „Wenn so einer kippt, reißt der untere Teil das Boot mit sich“, sagt Kean.

Manche Gletscher erreichen schließlich Neufundland.
Manche Gletscher erreichen schließlich Neufundland.
Manche Gletscher erreichen schließlich Neufundland. – (c) Hans van Klinken

Jedes Jahr kalben 40.000 mittlere und größere Eisberge von den Gletschern Grönlands, ein bis drei Prozent davon schaffen es die Küste hinunter bis nach Neufundland. Man ist es gewöhnt, dass alles was schwimmt, stromlinienförmig ist, aber Eisberge sind der treibende Einspruch zu dieser Annahme. Vielleicht faszinieren sie deshalb so sehr. Vielleicht erinnern sie die Touristen aber auch an einen Ort, den man sich nicht vorstellen kann: die Gletscher Grönlands, so unwirtlich, so extrem. Vielleicht ist es auch die Erhabenheit, mit der sie ganz langsam durch das Wasser treiben, so langsam, dass man es kaum bemerkt. Was es auch immer ist, mittlerweile sind diese Eisriesen die Hauptattraktion Neufundlands. Es gibt Eisbergbier, Eisbergwodka, Eisbergtouren, Eisberghotels.

Inselbotschafter. Den Eisbergwodka, der aus Keans Brocken destilliert wird, kann man im Fogo Island Inn genießen und dabei draußen vor der Küste die Eisberge die Küste hinunter driften sehen. Das Fogo Island Inn ist ein kleines, luxuriöses Hotel auf einer vorgelagerten Insel namens Fogo. Und ein besonders nachhaltiges: Es ist in lokaler Schwarzfichte gebaut, die Möbel wurden von internationalen Designern entworfen und regionalen Handwerkern gefertigt. Bemerkenswerte Architektur trohnt hier über der Küste.

Die Unternehmerin Zeta Cobb, die dort aufwuchs, hat eine Stiftung gegründet, die dieses  Hotel betreibt. Sie wollte den Menschen zu Hause etwas zurückgeben, in diesen Zeiten, wo die Fischerei kaum noch Einkommen verspricht. Daher arbeiten die Fischer in Teilzeit als Empfangsleute, als Guides für Eisbergtouren und als Inselbotschafter. Es gibt ein kleines Kino, eine Galerie und Bibliothek, aber keine Fernseher in den Zimmern, nur diese riesigen Fenster, die hinausgehen auf den Ozean, wo von Mai bis Juli Hunderte Eisberge vorbeitreiben. Mehr braucht der Natururlauber nicht. Wer im Fogo Island Inn wohnt, bekommt einen Inselbotschafter zur Seite gestellt. Jemanden wie Roy Dwyer: geboren, aufgewachsen und gereift auf Fogo. Er hat einen dichten weißen Bart und seine Baseballkappe so tief ins Gesicht gezogen, dass man seine Augen kaum sehen kann. Bevor er in Pension ging, arbeitete er als Mathematiklehrer. Und natürlich als Fischer, wie jeder hier.

Dwyer fährt im Zickzack über Fogo und erzählt die Geschichten der Dörfer und Familien. Die bunten Holzhäuser stehen kreuz und quer verstreut, gemeinsam ist ihnen nur, dass sie zum Wasser hin ausgerichtet sind. Sie haben sich der Natur angepasst, manche mit der Umgebung fast verschmolzen. Sie sind auf Felsen und Anhöhen gebaut, stehen auf Stelzen oder Sockeln um die Unebenheit des steinigen Grundes auszugleichen. Die Straße umkurvt die Häuser wie einen Hindernisparcours, dazwischen verlaufen kleine, ausgetretene Pfade, die von alltäglichen Abkürzungen erzählen.

Grollen, Schäumen, Brechen. In Tilting wandert Dwyer zu einer roten Hütte, hier trocknet der Fisch. Es ist windig, fast weht es ihm die Kappe weg. Während er noch vor der Hüttentür steht, hört er ein lautes Knacken im Hintergrund, wie beim Einstellen eines alten Radiogeräts, gefolgt von einem tiefen Grollen. Draußen auf dem Wasser beginnt das Wasser zu schäumen, ein Eisberg zerbricht. Dwyer aber bleibt ganz unberührt. „Wir kennen das Eis“, sagt er, „wir sind damit aufgewachsen. Hier ist noch nie jemand wegen der Eisberge umgekommen.“ Und doch sei es ein seltsames Jahr. Vergangene Woche war es das erste Mal, dass die neue Fähre ihre letzten Überfahrten wieder streichen musste: Zuviel arktisches Packeis versperrte den Weg hinüber aufs Festland. „Aber jetzt haben wir diese Eisbergflut. Ist vielleich doch der Klimawandel.“

Gäste. Das nachhaltige Fogo Island
Gäste. Das nachhaltige Fogo Island
Gäste. Das nachhaltige Fogo Island Inn: aus lokaler Schwarzfichte, mit lässigem Design. – (c) Fogo Island Inn.

Auf einem Luftbild ist Neufundland jenes versprengte Stück Land, das im Nordwesten von Neufundland absteht. Gabrielle McGrath ist schon viele Dutzend Mal über die Insel hinweggeflogen. Seit elf Jahren patrouilliert sie die Küste entlang, sie ist Commander der Ice Patrol, einer Untereinheit der Küstenwache, die zwischen Februar und August die Eisberge zählt und ortet, die den Schiffen auf ihren Routen über den Atlantik gefährlich werden könnten. Die Ice Patrol wurde gegründet, nachdem die Titanic 1912 vor der neufundländischen Küste untergegangen war. McGrath und ihre Kollegen legen Sicherheitszonen fest, außerhalb derer keine Gefahr durch Eisberge besteht. „Dieses Jahr ist wirklich eine Ausnahmeerscheinung“, sagt McGrath. „Nicht, weil es besonders viele Eisberge sind, sondern weil sie besonders spät und plötzlich auftauchten.“

Ein durchschnittliches Jahr bringt 400 Eisberge. Die vergangenen vier Jahre waren es jeweils über 600. Im Jahr 2014 waren es besonders viele: 1546 Trümmer. Allerdings waren es ein Jahr zuvor nur 13 gewesen. „Wenn man sich unsere Statistik seit 1900 anschaut“, sagt McGrath, scrollt durch ihr Smartphone und deutet auf eine Grafik, die ein Auf und Ab zeigt, „sieht man, dass es keinen Trend und keine Tendenz gibt.“ Allerdings ist der Klimawandel nicht nur geprägt durch einen Anstieg von Temperaturen oder Meeresspiegel, sondern auch durch die Zunahme von extremen Ereignissen. Und das vergangene Jahr war in anderer Hinsicht extrem. 

Südlich von 48 Grad nördlich. Normalerweise kann die Iceberg Patrol im März ungefähr vorhersagen, ob es eine Saison mit eher vielen oder eher wenigen Eisbergen werden wird. Im März noch hatten 37 Eisberge 48 Grad nördlicher Breite, die nördliche Grenze der atlantischen Schiffsrouten, überquert. Es sah eigentlich nach einem ruhigen, ereignislosen Jahr aus. Aber dann fegten zwei große Stürme über Kanada hinweg: Der erste brach das Meereis auf. Eisberge und Packeis trieben nun gemeinsam und ohne große Hindernisse Richtung Süden. Der zweite änderte die Windrichtung und drückte die Eisberge in Richtung Küste, von wo aus die Menschen sie sehen konnten.

„Innerhalb von einer Woche war die Zahl der Eisberge von 37 auf 455 angestiegen. Es waren so viele, wir sind mit dem Zählen kaum nachgekommen. So etwas habe ich noch nie gesehen“, erzählt McGrath. Es hat dazu geführt, dass sich das erste Mal seit Bestehen der Ice Patrol ein Eisberg außerhalb ihrer Sicherheitszone befand. Eine gefährliche Entwicklung, allerdings vor allem für Fracht-, Forschungs- und Kreuzfahrtschiffe.

Die Iceberg Patrol überwacht alle Eisberge, die größer sind als 15 Meter. Weder Ed Kean noch eine der touristischen Eisbergtouren wagt sich in die Nähe solch riesenhafter Brocken. Die Eisberge, die es in Küstennähe schaffen, sind im Verhältnis eher klein: Eiswürfel sozusagen. Ob diese es bis in Sichtweite schaffen, hängt davon ab, wie warm es ist, wie groß die Eisberge sind, die von den Gletschern kalben, wie stabil das Meereis ist, wie sehr die Wellen sie bearbeiten, wie stark ausgeprägt die Ozeanströmungen sind und ob der Wind sie an die Küste treibt. Mit dem Klimawandel direkt scheint es fürs Erste wenig zu tun zu haben.

Infos

Anreise: Flug mit Air Canada nach St. Johnʼs, weiter nach Gander und Abholung vom Fogo Island Inn Transfer Service

Exkursion: in St. Johnʼs mit der Shipwreck Society zu Wracks

Sight: Trinity, historisches Fischerdorf, weitgehend erhalten geblieben mit Holzhäusern. Ende 17. Jahrhundert besiedelt. www.townoftrinity.com

Wanderziel: Zwischen Fogo und St. Johnʼs liegt der Terra Nova Nationalpark, www.pc.gc.ca/

Quartier: Fogo Island Inn ist ein sehr nachhaltiges Hotel, wird von einer Stiftung betrieben, Erlöse fließen in Projekte auf Fogo, Locals sind Inselbotschafter. Zimmer ab 1100 Euro/Nacht.

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