Texas: Von der Provinzstadt zur Pilgerstätte

Waco erlebt durch eine populäre Renovierungsshow einen verrückten Hype. Menschen auf der Suche nach der heilen Welt.

Themenbild:  Farmhouse-Bohemian-Chic
Themenbild:  Farmhouse-Bohemian-Chic
Themenbild: Farmhouse-Bohemian-Chic – Imago

Davon träumen Destinations-Manager: Staubige mittelgroße Stadt mit leichtem Imageproblem verwandelt sich innerhalb von nur fünf Jahren zur Pilgerstätte von Design-Fans, Hausfrauen und Trend-Scouts. Im 235.000 Einwohner zählenden texanischen Waco, auf halbem Weg zwischen Dallas und Austin gelegen, ist dieser Traum wahr geworden – und zu verdanken hat die College-Stadt das Chip und Joanna Gaines. Einem netten, designaffinen Ehepaar mit inzwischen fünf Kindern, die bis 2013 ein ähnlich aufregendes Leben geführt haben wie die Stadt, in der sie groß geworden sind.

Ein Ort, der – wenn überhaupt mit irgendetwas – mit der sogenannten Waco-Belagerung assoziiert wurde. Bei dieser 51 Tage dauernden Blockade einer Siedlung der Branch-Davidian-Sekte nahe Waco durch die Bundesbehörden waren im Jahr 1993 Anführer David Koresh und 82 Mitglieder zu Tode gekommen.

Joanna und Chip Gaines
Joanna und Chip Gaines
Joanna und Chip Gaines – Getty Images

Alte Speicher revitalisiert

Doch das ist im Zeitalter nach „Fixer Upper" kein Thema mehr: Seit die Renovierungsshow 2013 auf dem US-Netzwerk HGTV gestartet ist, ist Waco zur Hauptstadt des Farmhouse-Bohemian-Chics, des Antique-Shoppings und der US-Version von „Hygge" avanciert. Und das Ehepaar Gaines zu den Superstars des Kabelsenders, dessen Name für „Home & Garden TV" steht. Inzwischen haben sie auch in Deutschland und Österreich ihre Fangemeinde, wo „Fixer Upper – Umbauen, Einrichten, Einziehen" auf dem zu ProSiebenSat1 gehörenden Sender Sixx läuft.

Und sie könnten in Waco wahrscheinlich morgen auch erfolgreich eine Kirche gründen, denn mittlerweile ergießen sich täglich regelrechte Pilgerströme hierher ins südliche Texas, mit denen vor fünf Jahren noch kaum einer gerechnet hätte. „Manchmal fragt man sich wirklich, wo all diese Menschen hinwollen, die hier an einem normalen Dienstagnachmittag über die Hauptstraße ziehen", staunt Annie Low, Kellnerin des Kaffeehauses Dichotomy – das aussieht, als hätte Joanna höchstpersönlich es designt. Die Antwort ist einfach: zu den Silos. Denn die Silos sind so etwas wie das Chip & Joanna-Hauptquartier – eine einstige Brache mit zwei seit den 1990er-Jahren leer stehenden Speichern für Baumwollsamen, die das Paar 2015 aufgekauft hat.

Massen im Magnolia Market

Inzwischen haben die Gaineses die Silos in eine Merchandising-Maschinerie verwandelt, die manchen Disney-Manager vor Neid erblassen lassen würde. Hier drängeln sich – eben auch werktags – Menschenmassen in den „Magnolia Market" und stehen in langen Reihen an, um Tassen, Spiegel, T-Shirts und Kerzen zu erstehen. Oder sitzen im Schatten vor den Silos und trinken den typischen „Sweet Tea" des Südens, spielen das dazu passende „Cornhole" auf dem künstlichen Rasen und schwärmen davon, was für wunderbare Menschen die Gaineses doch sind. Und das höchstwahrscheinlich, ohne einen der beiden je getroffen zu haben – denn in Waco sind sie verständlicherweise kaum noch öffentlich anzutreffen. „Früher habe ich Joanna öfter in dem Café gesehen, in dem ich gearbeitet habe, aber das ist lange vorbei", berichtet Jordan Colyer.

Sie ist hier aufgewachsen, vor acht Jahren fortgezogen, im vergangenen Jahr zurückgekehrt – und hat ihre Stadt kaum wiedererkannt. „Waco war ein ziemlich langweiliger Ort, und man hatte nicht gerade viele Möglichkeiten", erinnert sich die Barista. Zwar habe es durch das Baylor-College immer eine gewisse Anzahl jüngerer Menschen gegeben, „aber grundsätzlich waren wir eine ländliche Stadt mit viel Historie und Antiquitätenläden". Die heute – „Fixer Upper" sei Dank – mit den ersten Anzeichen von Overtourism zu kämpfen hat. „Die Immobilienpreise in der Downtown-Gegend gehen im Moment enorm nach oben", berichtet sie, und die Konsequenzen sind auch für sie persönlich spürbar: „Ich wohne in einem Loft hier um die Ecke, das Gebäude ist gerade an einen Investor verkauft worden", erzählt sie. „Und mein Mietvertrag läuft im August ab. Da muss ich dann ausziehen, weil man uns bereits gesagt hat, dass die Lofts nur verkauft, aber nicht mehr vermietet werden", so erlebt sie die Schattenseiten des neuen Ruhms am eigenen Leib.

Bustouren und Airbnb-Hype

Andere dagegen haben von dem Run enorm profitiert, dazu gehört beispielsweise David Ridley. Wie die „New York Times" in einer kürzlich erschienenen Geschichte mit dem Titel „Waco, Reborn" – „Waco, wiedergeboren" – berichtete, hat der Texaner in nur zwei Jahren 37.000 Menschen mit seinen „Waco Tours" durch den Ort geführt – 95 Prozent davon waren ausschließlich gekommen, um auf den Spuren der Gaineses zu wandeln. Was sich auch an der offiziellen Besucherstatistik ablesen lässt: Waren 2015 noch gut 564.000 Gäste in Waco gezählt worden, so waren es 2018 gute 2,64 Millionen – und das obwohl die Show seit dem Vorjahr pausiert. Wer im Hilton Waco auf ein Getränk einkehrt, findet in der Lobby nachmittags ein betriebsames Kommen und Gehen von Touristen in kurzen Hosen und mit bequemem Schuhwerk, das nicht in vielen Fünfsternehäusern in texanischen Mittelstädten im Nirgendwo zu finden ist.

Farmer Style und Mid-Century

Wobei der echte Fan natürlich nicht in einem Hotel absteigt, sondern beispielsweise in einem Airbnb, das von Joanna selbst designt wurde – davon gibt es inzwischen etliche: Denn wer das Glück hatte, einst von Immobilienmakler und Handwerker Chip und Designerin Joanna sein Eigenheim zu kaufen und renovieren zu lassen, kann im derzeitigen Boom verdienen. Und das nicht schlecht: Das „Mid Century Modern seen on Season 2" wird um wohlfeile 340 Dollar (gut 300 Euro) die Nacht vermietet, für das „German Schmear House, seen on ,Fixer Upper‘" werden 327 Dollar pro Nacht fällig, und das „All American Farmhouse" aus Staffel fünf kostet immer noch 221 Dollar pro Nacht, obwohl es im knapp 30 Kilometer entfernten McGregor liegt. Denn die neue Währung in Sachen Lage ist für die Unterkünfte in Waco inzwischen „Magnolia Market" – wie das Gelände rund um die Silos jetzt heißt. „Direkt am Magnolia Market", „zehn Minuten zu den Silos" oder „drei Blocks von Magnolia" steht unter fast jedem Unterkunftsangebot, auch wenn es nichts mit den Gaineses zu tun hat.

Merchandising-Maschinerie

Die beiden haben allerdings selbst den Bedarf an Unterkünften rund um ihren Hype erkannt und schon in Staffel drei werbewirksam ein eigenes Bed & Breakfast renoviert, das jetzt mit zwei weiteren Gästehäusern auf der Magnolia.com-Seite Unterkünfte anbietet – zu Preisen zwischen 495 und 995 Dollar pro Nacht. Und auch abgesehen vom Immobiliengeschäft im weitesten Sinne ist das Ehepaar geschäftstüchtig: So gibt es unter dem Markennamen Magnolia inzwischen nicht nur jede Menge Home-Decor, Hausverkäufe und Renovierungen, sondern mit Magnolia Table auch ein Restaurant samt dazu passendem Kochbuch, ein „Magnolia-Magazin", Designbücher von Joanna und einen Erfolgsratgeber von Chip Gaines.

An der Silos Baking Company – wohl, weil der Name Magnolia Bakery einem New Yorker Franchise-Unternehmen gehört – stehen Menschen unter Sonnendächern in langen Schlangen vor der Tür, um einen Cupcake von Joanna in dem von ihr im TV designten Café zu kaufen. Auch in den großen Ketten sind ihre Produkte inzwischen zu finden: So hat die Supermarktkette Target – nach Walmart der zweitgrößte Einzelhändler der USA – inzwischen eine „Hearth & Hand"-Kollektion mit Magnolia aufgelegt und verkauft in den fast 2000 Filialen Geschirrtücher, Porzellanschilder und Bettwäsche im Magnolia-Stil.

Die Intensität des Hypes ist beachtlich, vor allem vor dem Hintergrund, dass HGTV in den USA rund um die Uhr ausschließlich Makler- und Renovierungsshows zeigt. Und es im Portfolio des Senders jede Menge telegener Protagonisten gibt – von der barbie-schönen Interior-Designerin an der Küste Kaliforniens bis zu den „Property Brothers" – einem kanadischen Zwillingspaar, das im ganzen Land ähnlich wie Chip und Joanna als Makler-/Handwerker-Designer-Duo arbeitet und trotzdem weit entfernt von einem ähnlichen Hype ist. Das Geheimnis dürfte eine Reihe von Faktoren ausmachen, die mit der wirklich sympathischen Art und Weise der beiden Texaner, die viel über sich selbst lachen können, beginnt.

Lokales Phänomen

Außerdem trifft der Farmhouse-Stil, in dem begeistert recycelt und von Hand gearbeitet wird sowie Erdtöne, Holz und Papier statt Plastik eine Rolle spielen, den Nerv der Zeit. Auch ist keine andere Show so regional begrenzt wie „Fixer Upper", was daran liegt, dass die Gaineses sich aus Rücksicht auf ihre kleinen Kinder bisher geweigert haben, auswärtige Projekte anzunehmen – wovon der Standort Waco naturgemäß profitiert. Und auch das durchaus glaubwürdige Familienidyll der anfangs fünf, jetzt sechsköpfigen Familie, die auf einer – im schönsten Bohemian-Stil renovierten – Farm mit etlichen Tieren am Rande von Waco lebt, hat zu dem Image der heilen, weiß getünchten Welt auf dem Land beigetragen. Die jetzt so viele Besucher im – immer noch ein wenig staubigen – Waco eben einmal im Leben selbst betreten wollen.

Waco-Style

Anreise: Direkte Flüge von Österreich nach Dallas/Fort Worth gibt es nicht, dafür zahlreiche Umsteigeverbindungen zu Preisen ab 568 Euro. Die Autofahrt nach Waco dauert knappe zwei Stunden.

Unterkünfte: Auf Airbnb.com finden sich einige der Häuser, die in der Show renoviert wurden; auf https://magnolia.com/stay können Häuser der Gaineses direkt gebucht werden.

Touren auf den Spuren der Show bietet https://www.waco-tours.com an.

Tipp: Es lohnt, sich in Texas umzusehen: tolle Sandstrände am Golf von Mexiko, mächtige Täler am Rio Grande, Big Bend National Park, Kultur in Austin, Dallas, Houston, Marfa − Traveltexas.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)

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