Bad Gastein: Der Schnee ist perfekt

Das marode Zentrum Bad Gasteins mit seinem morbiden Reiz entwickelte sich jüngstens zu einer Art Anti-Ischgl für coole Avantgardisten.

Lauschig. Vollmond-Dinner, versilbert vom Erdtrabanten, vergoldet von Fackeln.
Lauschig. Vollmond-Dinner, versilbert vom Erdtrabanten, vergoldet von Fackeln.
Lauschig. Vollmond-Dinner, versilbert vom Erdtrabanten, vergoldet von Fackeln. – (c) Gasteinertal Tourismus GmbH/Marktl Photography

Im lang vergangenen 20. Jahrhundert war ein renommiertes Touristenstädtchen, nennen wir es Monte-Carlo der Alpen, nicht mehr in ganz perfekter Verfassung. Es trug sich daher mit dem Gedanken, fünf oder sechs seiner schönsten Gebäude zu verkaufen. Die „Politiker“, wie man die damaligen Herrscher nannte, hatten eine glänzende Idee: Sie wollten alle zusammen einem „Investor“ verkaufen. Man muss wissen, in jener Ära klebten Politiker und Investoren aneinander wie liebestolle Nacktschnecken. Sie trugen die gleichen Gewänder, sie aßen in denselben Restaurants, und ihre Frauen ließen sich die Lippen bei den gleichen Ärzten aufspritzen. Nach intensiver Suche fanden die Politiker endlich einen Investor. Er war einen der anmutigsten und bezauberndsten seiner Spezies. Dieser Investor, hieß es, werde ein echter Jackpot für das Monte-Carlo der Alpen sein.

Morbider Reiz, junge Unternehmer. Doch als die Jahre ins Lande gingen, geschah nichts, und später geschah noch immer nichts. Der Investor investierte nicht. Die nach Investition schreienden Gebäude verfielen, ihre Fassaden bröckelten, ihre Wände sammelten Wasserschäden. Politiker und Investor begannen zu zanken. Die Politiker beschuldigten den Investor, der Investor klagte das Städtchen.

Sturmerprobt.  Panoramakugel an der Bergstation Kreuzkogel.
Sturmerprobt.  Panoramakugel an der Bergstation Kreuzkogel.
Sturmerprobt. Panoramakugel an der Bergstation Kreuzkogel. – (c) the electics

Am Ende starb der Investor. Nun hatte dieser Investor einen Sohn, der war auch Investor. Der Sohn tat es aber dem Vater gleich. Er sprach am Ende kein Wort mehr mit den Politikern. Da kam ein schrulliger alter Mann über die Berge und erzählte dem Monte-Carlo der Alpen das Unmögliche: „Seht hin, euer anmutiger, bezaubernder Investor war gar keiner! Er war ein Spekulant!“ Alle stoben kopfschüttelnd auseinander: Nie konnte uns das passieren – ein Investor, der ein Spekulant war. Uns, dachten sie, dem Monte-Carlo der Alpen – na sowas!

Der Kur- und Wintersportort Bad Gastein mit 4000 Einwohnern, auf durchschnittlich 1002 Höhenmetern, litt lang an diesem Na-so-was-Effekt. Bei den Gebäuden, die eine andere Generation Verantwortlicher fahrlässig verkauft hatte, handelt es sich um das Immobilien-Silber Bad Gasteins: das mondäne Hotel Straubinger, das schönbrunnhafte Badeschloss, das hübsche k.u.k. Postamt, das Kongresszentrum und das Haus Austria. Die Pongauer lieferten über Jahre hinweg Negativschlagzeilen – jüngst gab es endlich Entwarnung und Schadensbegrenzung. Das Land Salzburg, in dem sich schlussendlich verantwortungsvolle Politiker fanden, kaufte nach einem Verhandlungsmarathon die Gebäude für kolportierte sechs Millionen Euro zurück, wobei die Kosten für akute Renovierungsarbeiten weitere zwei Millionen betragen sollen.

Nun hat das marode Zentrum aber inzwischen diesen morbiden Reiz, aus dem sich ein positiver Nebeneffekt entwickelte. Es kamen Leute nach Gastein, die sonst nie hier gelandet wären. Junge Unternehmer wie der Hotelier Olaf Krohne, der das Designhotel „Das Regina“ pachtete, nützten die ungelöste Ortsstruktur. Immer mehr Lokale wurden Locations, die direkt aus Berlins cooler Avantgarde zu kommen schienen. Gastein wandelte sich zu einem veritablen Anti-Ischgl.

Sündig. Größte Bausünde in Bad Gastein ist das Parkhaus.
Sündig. Größte Bausünde in Bad Gastein ist das Parkhaus.
Sündig. Größte Bausünde in Bad Gastein ist das Parkhaus. – (c) Gasteinertal Tourismus GmbH/Marktl Photography

Einst war das grandiose Grand Hôtel de l’Europe durch den Verkauf als Apartments und Eigentumswohnungen zerstückelt worden, einige Stockwerke sollen in miserablem Zustand sein. Egal, die Betreiber der Ginbar „Ginger & Gin“ sammeln Apartments und vermieten sie über Internetplattformen. Nicht die schlechteste Geschäftsidee. Über die Schlucht kann man heute per Flying Fox übersetzen, einer 270 Meter langen Panorama-Seilrutsche von der Villa Solitude über den Talboden des Wasserfalls zum Quellpark. Bei der Fahrt mit bis zu 50 km/h kommt auch das alte Kraftwerk in Sicht, heute ein cooles Café.

Julian Scharfetter, 22, kann man zur Generation der jungen Wilden zählen, die sich nicht beklagen, sondern ohne unnötige Ängste innovative Wege gehen. Er ist Mitbegründer des sogenannten Food:Moakt, der jeden Donnerstag am Platz vor der Alpentherme in Bad Hofgastein stattfindet. Hier werden regionale Produkte verkostet und verkauft – „sechs Produzenten, vier Gerichte, eine Bar“.

Bestimmt half beim Aufstieg Gasteins zum Dorado der Alternativkultur auch mit, dass Musiker Friedrich Liechtenstein sein Elektronikalbum „Bad Gastein“ nannte. In seinem morbiden Video „Badeschloss“ steht er unter anderem auf einem Balkon des Badeschlosses, in den Lyrics ironisiert er Gasteins Lage so: „Du hast vergessen, die Fenster zuzumachen. Du bist böse.“

Wen das Radon anzog. Von der Anlage her sieht Bad Gastein ja wirklich ein bisschen wie Monte-Carlo aus – das wunderschöne Belle-Époque-Ensemble ist an Steilhängen entstanden, nicht am Meer, doch an einem 341  Meter langen Wasserfall. Ab dem 15. Jahrhundert entwickelte sich in dem Ort, der damals oft noch „Wildbach“ hieß, ein Kurbetrieb, 1526 beschrieb Paracelsus die heilende Wirkung der Quellen, die später als radonhaltig analysiert wurden, da sie eine niedrig dosierte Radioaktivität dieses Edelgases ausstrahlen. Aus 44 Quellen strömt das schwach mineralisierte, bis zu 47 Grad warme Thermalwasser, das vor der Anwendung auf Badetemperatur abgekühlt wird. Fünf Millionen Liter täglich sprudeln davon an die Oberfläche. Wissenschaftlich war die Heilwirkung umstritten, doch darauf kam es nicht an, Gastein hatte seine ausgezeichnete Luft, die Thermen florierten, und vor allem, es hatte  – und hat – seinen Zauber.

Ausgesetzt. Hängebrücke am Stubnerkogel auf 2300 Metern Höhe.
Ausgesetzt. Hängebrücke am Stubnerkogel auf 2300 Metern Höhe.
Ausgesetzt. Hängebrücke am Stubnerkogel auf 2300 Metern Höhe. – (c) flickr/Ondrei Pospisil (CC BY-SA 2.0).

Berühmtheiten fehlten dem „Weltkurort“ nie. Grillparzer war da, Bismarck, Johann Strauß Sohn ebenfalls, Schubert schrieb hier seine Lieder „Die Allmacht“ und „Das Heimweh“ und sogar eine „Gasteiner Symphonie“, laut Erinnerungstafel „durch ein Missgeschick verschollen“. Und in einem ihrer vier Gastein-Gedichte, entstanden bei einem ihrer sechs Kuraufenthalte zwischen 1885 und 1893, schreibt Kaiserin Elisabeth in gewohnter Holprigkeit, doch sehr anrührend: „So bring ich dir ein Herz, zu Tode verwundet/Vernarben mag’s, doch ob es je gesundet?“ Als Dank für ihre Treue – oder für die Gedichte? – benannten die Gasteiner die „Hauptquelle“ in „Elisabethquelle“ um.

Im 20. Jahrhundert ließen sich die Prominenten gern vor dem Wasserfall fotografieren, wovon heute Fotoplakate im Zentrum zeugen. Hans Moser ist zu sehen, Thomas Mann sowieso, Reza Pahlavi, der Schah von Persien, Somerset Maugham, Franz Karl Ginzkey, aber auch ein „arabischer Scheich auf dem Weg zur Zahnärztin Dr.  Wagenbichler 1960“. Bis in die 1950er-Jahre wurde die klassische Sommerfrische betrieben, nach der Ski-WM 1958 reüssierte Gastein auch als Wintersport-Destination.

Perfekter Schnee. Das Fazit von Friedrich Liechtenstein in seinem „Badeschloss“-Song lautet, sehr gasteinisch oder gasteinhaft: „Wir sind nicht auf dieser Welt, um perfekt zu sein. Der Schnee ist perfekt, der Mond, wir nicht.“ Bad Gastein ist ein unvergleichlicher Ort, und der Schnee auf den Bergen ist in der Tat perfekt. Von Sportgastein ist es nur eine Gondelfahrt bis fast zum Kreuzkogel (2686 Meter), dem höchsten Gipfel im Verbund Ski amadé, der weit über das 40 Kilometer lange Gasteinertal hinausreicht, insgesamt 760 Pistenkilometer in fünf Regionen, 260 Hütten und Restaurants. Den Blick auf die weißen Berggipfel – oder Wolkenbänke – muss man sich erarbeiten, obwohl in der igelähnlichen Panoramakugel an der Bergstation ein Frühstück wartet. Mit Skischuhen sind es geschätzte 2000 Schritte bis zum eisernen Gipfelkreuz auf 2686 Metern. Wir befinden uns auf dem höchsten Punkt von Ski amadé, aber einem ohne direkte Liftzufahrt. Die Gasteiner waren schon in der Jungsteinzeit aktiv, nicht weit von hier fand man 1910 die „Axt vom Radhausberg“, die eine Alpenüberquerung schon in spätneolithischer Zeit belegt.

Transformiert. Aus dem alten Kraftwerk wurde ein cooles Café.
Transformiert. Aus dem alten Kraftwerk wurde ein cooles Café.
Transformiert. Aus dem alten Kraftwerk wurde ein cooles Café. – (c) Gasteinertal Tourismus GmbH/Marktl Photography

Eine Besonderheit des 21. Jahrhunderts ist der höchste Bauernmarkt der Alpen. Er geht gerade in seine dritte Saison, findet dieses Jahr zwischen 10. und 17. März statt, in und vor Hütten auf teilweise über 2000 Metern, und regional schlägt dabei global. Eine Kooperation aus Landwirtschaft und Hüttenbewirtung – denn dort, wo im Winter die Pisten sind, grasen im Sommer nicht nur Kühe (Käse), sondern dort wachsen Kräuter (getrocknet für Tees und Salze), Beeren (Marmelade) und Zirbenbäume (Schnaps aus den Zapfen), dazu sind die Bienen sehr aktiv (Honig). Die Stände vor den Hütten – bei einigen muss man nicht einmal die Ski abschnallen – verkaufen und lassen verkosten. Für den Transport der Ware ins Tal gibt es kleine Jute-Rucksäcke.

Aktionen für einen Erlebnisskitag werden unter dem Slogan „Ski amadé – made my day“ – hoffentlich liest ihn kein Brite oder Amerikaner, man könnte im Boden versinken – beworben. Das Angebot ist aber großartig, da wird zum Beispiel in Kleingruppen Skiyoga betrieben. Keine Angst vor Verrenkungen, man schnallt für die Yogasitzungen an besonderen Orten die Ski ab. Die Amadéianer bieten aber auch Frühstück in der Gondel, eine „Gourmet-Safari“ oder Eisklettern. Tische sind überall vorreserviert, alles klappt. Das alles mit professionellem Ski-Guiding, Leute, die für alle Details sorgen. Keine schlechte Idee! Auch wenn Kaiserin Elisabeth natürlich lieber in ihrem Gasteiner Salon geblieben wäre, um ein Gedicht zu schreiben.

Tipp

Aktivitäten vor Ort. Es muss nicht immer klassisch Skifahren sein: Gipfelfrühstück, Freeriden, Flying Fox oder Skiyoga. Gastein zeigt sich kreativ, offen für moderne Kunst und zeitgenössische Musik. „Art On Snow” und „Snow Jazz“ sind die bekanntesten Veranstaltungen. www.gastein.com

Skifahren in der Ski amadé. Fünf Regionen bilden Österreichs größten Skiver- bund Ski amadé: Salz- burger Sportwelt, Schladming-Dachstein, Gastein, Hochkönig und Großarltal. Ein Skipass für 760 Kilometer Abfahrten, 270 Lifte und 356 Pisten. Viele urige Hütten mit regionaler Küche.
www.skiamade.com

Einkehren. Die „Bellevue Alm“ in Bad Gastein ist eine der ältesten Skihütten Europas. Originell die Auffahrt zur Hütte mit einem nostalgischen 1er-Sessellift. Retour mit dem Schlitten über die flutlichterhellte Rodelstrecke.
www.bellevue­-­alm.at

Schmaranzbräu, Öster- reichs erste und einzige Bioweißbier-Brauerei, www.schmaranz.at

Après-Ski mit einer Gin-Verkostung im coolen Restaurant Ginger & Gin. www.gingerandgin.at

Übernachten. Impuls Hotel Tirol**** in Bad Hofgastein, www.hotel-tirol.at

Compliance: Die Reise wurde von Ski amadé und Gastein unterstützt.

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