Polen: Seewasser füllt Moränen auf

In der Masurischen Seenplatte treffen Wassersportler und Schwammerlsucher, Vogelbeobachter und Ruinensammler aufeinander. Hansestädte und Ostseestrände sind unweit.

Kann man durchschwimmen: einen von Tausenden Gewässern der Seenplatte.
Kann man durchschwimmen: einen von Tausenden Gewässern der Seenplatte.
Kann man durchschwimmen: einen von Tausenden Gewässern der Seenplatte. – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Eigentlich ist das Gebiet ja ein Teil des einstigen Ostpreußen, das als Ermland-Masuren bekannt war. Der preußische Adel wusste, wo es schön war, und baute sich gewaltige Herrenhäuser in seine noch gewaltigeren Ländereien. Dort scheint die Zeit still zu stehen, viele der früheren Prunkbauten sind heute morbide Ruinen und von der Natur zurückerobert. Rundum wird oft immer noch mit Pferdepflug und Sense das Land bestellt, mit Störchen auf dem Dach und Gänsen im Löschteich. Kornblumen wiegen sich in Mohnfeldern, in weichen Hügellandschaften inmitten dunkler Erlenwälder voller Heidelbeeren, die an den Straßen kübelweise angeboten werden. Ein ländliches Idyll.

„Die genauen Grenzen der Masuren sind Geschmackssache“, sagt Pjotr, der am Krutynia-Flüsschen Kanus vermietet. „Jedenfalls irgendwo im Sechseck Elk (Lyck), Pisz (Johannisburg), Mragowo (Sensburg), Ketrzyn (Rastenburg), Wegorzewo (Angerburg) und Mikolajki (Nikolaiken)“. Den Namen Masuren selbst gibt es seit dem 18. Jahrhundert, als sich Tausende evangelische Zuwanderer aus dem südlich gelegenen Masowien in Ostpreußen ansiedelten. Masowier heißt eigentlich Mensch, und davon gibt es mehr, als man meinen möchte, in Weilern mit sumpfig grünen Wiesen zwischen den torfigen Nadelwäldern Nordpolens, wo sich Elche und Luchse, Wisente und Schwarzstörche recht ungestört gute Nacht sagen können, wenn die Mücken nicht stören.

Eiszeitrelikte

Masuren gilt als grüne Lunge Europas, mit endlos Kiefern, Heiden und rund 3500 Seen – diese bilden 15 Prozent der Fläche Polens, sind oft durch Flüsse und jahrhundertealte Kanalsysteme miteinander verbunden und Überbleibsel der jüngsten Eiszeiten. Diese haben auch die Moränenlandschaft des Baltischen Höhenrückens hinterlassen, die mit der Dylewska Gora (Kerndorfer Höhe) auf knapp über 300 Meter ansteigt.

Noch 1910 gab mehr als die Hälfte der rund 450.000 Einwohner Deutsch als Muttersprache an, was spätestens mit Ende des Zweiten Weltkriegs Geschichte war. Der Südteil der Masuren ging an Polen, der Nordteil an Russland. Auch die Ortsnamen wurden polonisiert, wobei großteils wieder auf die alten preußischen Namen zurückgegriffen wurde. Nicht nur die Preußen sind jedenfalls wieder da, gehen einkaufen zu Lidl in Lötzen (Gizycko), der masurischen „Sommerhauptstadt“, und buchen Segeljachten und Hausboote längst auch online. „Eine Woche ist das Minimum, da kommt ihr fast überall hin“, sagt Wojciech, Kassier an einer der halb schwimmenden Stacja Benzynowas (Tankstellen).

Motorbootführerschein braucht hier keiner, auch für Zehn-Meter-Kähne genügt eine kurze Demo-Fahrt, wem das reicht. Und dann kann's losgehen, nicht selten bei Wind und Wellen und vielen Knoten, die so manche Landratten überfordern. Viele sind mit Motor(haus)boot, noch mehr mit Segelboot und nur ein paar mit Wasserskiern unterwegs, gemeinsam mit Kormoranen und Silberreihern, in Schilfkanälen oder entlang der Linienschifffahrtsroute durch die wässrigen Weiten. Allein das Mauerseerevier ist 25 Kilometer lang, mit 30 Inseln, die meisten davon Naturschutzgebiete. Da kommt man sich nur an Sommerwochenenden bisweilen in die Quere.

Naturtunnel

Keine Städte, keine Industrie, nur ein paar Landstraßen durch Haferfelder, oft in tunnelartigen Alleen, wo sich auch knallgrüne Polski-Fiats kaum abheben. Eines der letzten der nicht allzu schwer zugänglichen großen Naturparadiese Europas ist kein Geheimtipp mehr, auch wenn die ersten versprengten Touristen bereits vor 140 Jahren gesichtet wurden. Rad und Hausboot, Kajak und Segel sind seit Jahren gut im Geschäft, und im Winter entdecken immer mehr Eissegler und Snowkiter die oft monatelang zugefrorenen Seen. Nur ein kleiner Teil der Masuren steht seit 1977 unter Schutz – der masurische Landschaftspark (Mazurski Park Krajobrazowy) am Spirdingsee, mit 114 km2 oft als masurisches Meer bezeichnet. Überall sonst fürchtet man bei zu vielen Regulierungen um den Tourismus, für etliche der früheren Fischersleute und Bauernfamilien längst die Haupteinnahmequelle.

Krauteintopf

Nicht wenige stehen an den Straßen, verkaufen Eierschwammerln und Beeren. Andere produzieren Bigos – Eintopf aus Sauerkraut und Wurst – oder Pirogi, gefüllte Teigtaschen. Ein paar verdienen sich etwas mit Shantys, Seemannsliedern, die zu jedem Folk-Festival und masurischem Heimatabend dazugehören wie Piwo (Bier), Chleb (Brot) und Kielbasa (Wurst). Die haben an größeren Anlegestellen in der Sommerhochsaison schon Tradition. Viele Orte haben auch tragische Geschichten: Stynort (Steinort) etwa, der verfallene Sitz der Familie von Lehndorff, einer der einflussreichsten ostpreußischen Adelsfamilien. Die meisten Familienmitglieder wurden nach dem misslungenen Attentat auf Hitler auf der Wolfsschanze, einem der Führerhauptquartiere der Deutschen Wehrmacht in der Nähe von Rastenburg, hingerichtet. Das Gelände dort ist mittlerweile ein makabres Ausflugzentrum, mit Schießhallen und fakultativen Panzerfahrten entlang verwachsener Ruinen.

Wer die Seenwelt von höher oben sehen will, muss sein Boot an der Bunkeranlage Mauerwald am Masurischen Kanal festmachen, mit 30 moosverwachsenen Stahlbetonbunkern mitten im schlammigen Dickicht. Im Souvenirshop unter einem neuen Aussichtsturm gibt es Reichsflugscheiben und Kindergasmasken im Abverkauf. Bis zur Ostsee wäre es gar nicht weit, 200 km – vorbei an Ordensritterburgen wie Malbork (Marienburg), Gdansk (Danzig) und anderen Hansestädten bis zu den Dünenlandschaften rund um Leba. Die polnische Riviera lockt über Hunderte Kilometer bis Kolberg und Swinemunde an der deutschen Grenze, mit Kaiserbädern und Strandkörben. In Nordpolen ist man immer richtig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2018)

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