Salzburger Lungau: Durch die Hölle Richtung Himmel

Noch stehen die Möglichkeiten für Skitouren in der Region im Schatten der benachbarten großen Skigebiete. Die Initiative Echt.Sein. will diese aus der Nische holen. Auf Erkundungstour in den Tauern und den Nockbergen.

Tour-Guide Klaus spurt vor: Die Jagdhütte auf halber Strecke ist prädestiniert für eine Rast, dann geht es durch die „Hölle“ gemächlich bis zum Einstieg in die Nordflanke der Felskarspitze.
Tour-Guide Klaus spurt vor: Die Jagdhütte auf halber Strecke ist prädestiniert für eine Rast, dann geht es durch die „Hölle“ gemächlich bis zum Einstieg in die Nordflanke der Felskarspitze.
Tour-Guide Klaus spurt vor: Die Jagdhütte auf halber Strecke ist prädestiniert für eine Rast, dann geht es durch die „Hölle“ gemächlich bis zum Einstieg in die Nordflanke der Felskarspitze. – Erich Ebenkofler

Wir pressen die Skier in den Schnee. Genau wie Klaus Gruber es gesagt hat. Er ist unser Skitouren-Guide, er ist für unsere Sicherheit verantwortlich und soll uns mit ein paar ausgewählten Touren den Lungau schmackhaft machen. Rechtes Bein vor, linkes Bein vor, die Atmung synchron dazu – ein, aus. Wir kämpfen uns den letzten Steilhang hoch, im Zickzackkurs, da Klaus uns schonen will. Die direkte Spur, die vertikal in den Hang hineinführt, „das waren ein paar wahnsinnige Einheimische, denen es nie schnell genug geht“, beruhigt er uns bei ihrem Anblick und schlägt vor, eine eigene, weniger steile Route vorzuspuren. Dennoch brennen die Oberschenkel, der Atem geht schwer, und Klaus gönnt uns keine Pause. Denn jeder Halt würde uns jetzt aus dem Rhythmus bringen und die körperliche Anstrengung noch bewusster machen. Zumal unser Ziel, die Felskarspitze (2506 Meter), ja auch bereits in Sichtweite ist. Und die wollen wir auf jeden Fall erreichen.

Am Tag zuvor sind wir nämlich am 2145 Meter hohen Teuerlnock, „gescheitert“. Dabei war diese Tour, die in St. Margarethen ihren Ausgangspunkt hat und einen Höhenunterschied von nicht einmal ganz 1000 Meter aufweist, als gemächlicher Einstieg gedacht. In den einschlägigen Führern wird sie als „leicht“ beschrieben, eine besondere Kondition sei nicht erforderlich. Die Route führt über einen Forstweg entlang des Leißnitzgrabens neben dem idyllisch dahinplätschernden Leißnitzbach zuerst auf die Meisnitzeralm.

Bereits auf dieser Lichtung bekamen wir einen kleinen Vorgeschmack, was uns weiter oben erwarten sollte und wovor uns Klaus schon im Tal gewarnt hatte: „Die Windstille hier unten täuscht“, sagte er. „Wir haben Südföhn, das heißt, da oben wird's heut ziemlich stürmisch.“ Auf dieser Höhe bot der Wald aber noch einigermaßen Schutz, zumal Klaus, der das Gelände wie seine Westentasche kennt, vorschlug, den direkten Anstieg zu verlassen, und den Windschatten des Waldes zu nutzen, solang es geht. Also bogen wir nach links ab, überquerten den Sackgraben und pirschten uns im Schutz des Waldes über mehrere abwechselnd steilere und flachere Passagen in Richtung Sackalm vor. Dort, auf im baumlosen Gelände, wurde es dann aber richtig ungemütlich: Der Wind drohte uns von der Hochebene zu blasen, und wir beeilten uns, die beiden Hütten, die sich auf 1900 Meter ins kahle Gelände ducken, zu erreichen.

Gipfelverzicht

Nachdem wir uns in ihrem Schutz mit einer Jause gestärkt und unsere eingefrorenen Gesichter mit heißem Tee aus der Thermoskanne wiederbelebt hatten, blickte der Guide fragend in die Runde. Der Teuerlnock war in Sichtweite: Lediglich etwas mehr 200 Höhenmeter und eine lang gezogene Hochebene trennten uns noch von ihm. Wenn da nur der Sturm nicht wäre. „Wollt ihr unbedingt den Gipfel?“, fragte er. Das Pfeifen des Windes im Ohr fiel die Beratung entsprechend kurz aus: Wir entschieden uns für die Abfahrt. Und die hielt, was uns Klaus versprochen hatte: In die freien Hänge, sanft und mit jungfräulichem Pulverschnee bedeckt, zeichneten wir mit den Skiern unsere Signatur, bis wir im dichteren Wald, wo es im Gelände kein Durchkommen mehr gab, wieder auf einen Forstweg einbogen, um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren. Doch mittlerweile haben wir auch schon den Grat der Felskarspitze erreicht. Nach einer kurzen Rast schnallen wir die Skier ab und machen uns die letzten 50 Meter bis zum Gipfel zu Fuß auf den Weg. Absolute Windstille, strahlender Sonnenschein und ein Rundumpanorama, das seinesgleichen sucht. Nordöstlich die schroffen Radstätter Tauern, nördlich der Nationalpark Hohe Tauern, südlich die sanfteren Nockberge, westlich der seine alpinen Nachbarn verzwergende Großglockner. Und auch die Doppelgipfel des Dachsteins sind erkennbar, in der Ferne, im Norden.

Himmlisch schöne Hölle

Ein ähnliches Oh-Erlebnis hatten wir – vom „Stützpunkt Wald“ im hintersten Zederhaustal kommend – bereits auf halber Strecke nach einem besonders steilen Teilstück gehabt, als wir auf ein Hochkar mit einer kleinen Jagdhütte gelangten, das westlich von den Kempenköpfen und östlich von den Steilwänden des Weißecks eingerahmt wird. Warum dieses Postkartenidyll, das anmutet, als befände man sich auf einer Alm mitten in den Dolomiten, von den Einheimischen „Hölle“ getauft wurde, erschloss sich uns nicht. Vielleicht ein besonderer Sinn für Humor? Oder doch das gänzliche Fehlen von ästhetischer Urteilskraft? Wie dem auch sei: Ein solcher Anblick wollte ausgiebig genossen werden, weshalb sich die Rast bei der Jagdhütte denn auch entsprechend hinzog.

Klaus hat einen selbst gebrannten Vogelbeerschnaps mitgenommen, der nun – nach dem obligatorischen Berg-Heil-Handschlag – die Runde macht. Dann sprudeln auch schon die Namen umliegender Gipfel aus ihm heraus, die für ähnliche Unternehmungen geradezu prädestiniert sind. Vornweg der Preber, eine Pflichttour, genauso wie der Große Königsstuhl oder die Große Kesselspitze. Zechnerkarspitze, Jägerspitze, Schwarzeck und Weisseck oder Mosermandl – die Liste der Skitourenvariationen jeglichen Schwierigkeitsgrads im Salzburger Lungau erscheint uns endlos.

Privat und mit Freunden macht Klaus gern das „große Menü“, wie er es nennt. Es beinhaltet neben dem Weißeck das Mosermandl, den Schöpfing und die Aignerhöhe mit ihren Anstiegen und Abfahrten, alles an einem Tag. Insgesamt 3500 Höhenmeter werden dabei überwunden. „Das ist aber nur etwas für erfahrene Tourengeher und nur bei sehr guter Schnee- und Lawinensituation und schönem Wetter zu empfehlen“, warnt er. Immerhin: 1200 Höhenmeter in etwa vier Stunden haben haben auch wir an diesem Tag hinter uns gebracht.

Trotz des herrlichen Wochenendwetters sind wir auf dem Gipfel fast allein – lediglich ein weiteres Pärchen gesellt sich etwas später zu unserer fünfköpfigen Gruppe. Die große Masse der Skibegeisterten tummelt sich in den umliegenden Skigebieten des Katschbergs, Ainecks, Grosseck-Speirecks, Fanningbergs oder der benachbarten Skiarena von Obertauern. Künftig möchte man den Besuchern der Region aber auch die andere Seite des Lungaus näherbringen. „Es gibt so viele schöne unberührte Plätze hier“, schwärmt Madeleine Pritz, Geschäftsführerin der Ferienregion Salzburger Lungau. Das Vehikel dazu soll die Initiative Echt.Sein. bilden. Deren Devise: Nachhaltigkeit, enger Kontakt mit der Natur, Entschleunigung vom Alltag und das bewusste Genießen der Stille abseits des Trubels der Pisten. Die bewusstseinsbildenden Maßnahmen in Form von Unterkunft und Kulinarium haben dabei neun Partnerbetriebe übernommen, darunter das idyllisch gelegene Häuserl im Wald in Mariapfarr oder der Eggerwirt in St. Michael. Für den Kontakt mit der Natur soll eine Vielzahl an „sanften“ Angeboten wie das Beobachten von Wildtieren, Pferdekutschenfahrten, Schneeschuhwanderungen, Langlaufen, Naturrodeln, Eisklettern oder eben Skitourengehen sorgen. 28 Ski- und drei Freeriding-Touren werden in einem Blattfolder detailliert beschrieben, der bei der Tourismusregion Salzburger Lungau erhältlich ist. Um die Jäger nicht zu verärgern und die Wildtiere nicht zu erschrecken, wurden allerdings auch sogenannte „Ruhezonen“ definiert, die auf der Website www.respektieredeinegrenzen.at ausgewiesen sind und von den Naturnutzern, in erster Linie aber den Tourengängern, möglichst gemieden werden sollten. Das schuldet man nicht zuletzt dem Prädikat „Biosphärenpark“, mit dem der Salzburger Lungau aufgrund seines ursprünglichen Lebensraums und der hohen Biodiversität von der Unesco ausgezeichnet worden ist. Mittlerweile ist es Zeit für die Abfahrt geworden. Klaus hat sich nach eingehender Prüfung der Schneeverhältnisse nun doch dafür entschieden, auf der Nordroute abzufahren, über die wir gekommen sind. Die Südroute, die er im Blick hatte, schien durch die Sonneneinstrahlung zu verharscht zu sein.

Doch auch hier müssen wir auf den großen Pulverschneegenuss für diesmal verzichten. Schuld daran sind ein Föhnsturm, der eine Woche zuvor über die Bergkämme hinweggefegt ist, und die danach wieder sinkenden Temperaturen, die auch die Schneedecke der schattigeren Hänge mit einer dünnen Harschschicht überzogen haben. Das macht es selbst für den geübten Tiefschneefahrer schwer, halbwegs elegante Schwünge in die Hänge zu zeichnen. Einige „Köpfler“ sind also programmiert – einzig Profi Klaus gelingt es, eine engere Tuchfühlung mit dem Schnee zu vermeiden. Wir nehmen es mit Humor: Zum Echt.Sein. gehört nun einmal auch ein authentischer Sturz im echten Schnee dazu. Und noch etwas macht uns gelassen: die Vorfreude auf die riesige Wellnessoase des Eggerwirts, die uns im Tal erwartet.

TOUREN, STÜTZPUNKTE, KULINARIUM

Führer: Einen guten Routenüberblick bietet der „Skitourenführer Salzburger Lungau“. Der als Folder konzipierte Guide listet auf einzelnen herausnehm- baren Blättern 28 Touren auf, die detailliert be- schrieben und mit einer Karte des Tourenverlaufs versehen sind. Die markantesten Orientierungs- punkte sind hervorgehoben. Erhältlich bei den TVBs und im Büro der Ferienregion Salzburger Lungau.

Unterkünfte: Das Vier-Sterne-Superior-Spa & Vitalresort Eggerwirt in St. Michael ist Teil der Initiative Echt.Sein. und bietet dezenten Luxus in alpinem Stil. Beeindruckend der 13.000 m2 große Spa- und Wellnessbereich. www.eggerwirt.at

Das idyllisch gelegene Drei-Sterne-Haus Häuserl im Wald in Mariapfarr setzt auf familiäre Atmosphäre und Naturnähe. Der Seniorchef ist Jäger und bietet Erkundungstouren auf den Spuren der Wildtiere an. www.haeuserlimwald.com

Essen & Trinken: Das mit drei Hauben ausgezeich- nete Restaurant Mesnerhaus Mauterndorf ist eines der Flaggschiffe auf der Via Culinaria im Salz- burger Lungau. Spitzenkoch Josef Steffner kreiert die raffinierten Gerichte, seine Frau, Maria, empfiehlt die passenden Weine dazu. www.mesnerhaus.at

Allgemeine Information: www.lungau.at

Compliance: Die Reise wurden von Salzburgerland Tourismus unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Salzburger Lungau: Durch die Hölle Richtung Himmel

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.