Austriaguides: Von Ötzi bis zur "Spitzmaus Mummy"

Staatlich geprüfte Fremdenführer lassen sich auf viele Themen ein, müssen viele Kilometer machen und sind immer im Recherchemodus: Im Gespräch mit den Austriaguides.

Schön anzusehen, doch was steckt dahinter? Austriaguides wissen mehr.
Schön anzusehen, doch was steckt dahinter? Austriaguides wissen mehr.
Schön anzusehen, doch was steckt dahinter? Austriaguides wissen mehr. – Unsplash (Soroush Karimi)

„Unser Beruf ist eigentlich undarstellbar“, meint Gerti Schmidt, Obfrau der Fachgruppe der Freizeit- und Sportbetriebe Wien – angesichts seiner Vielfalt. Und zudem mit falschen Vorstellungen behaftet – jedenfalls bei manchen: Fremdenführen ist nicht bloß herumgehen oder mit dem Bus fahren und erzählen, was einem gerade einfällt. Fremdenführer seien auch keine „mobilen Regenschirmhalter oder Bespaßer“, lacht Schmidt.

Im Ernst: Vielmehr sei es ein riesiger Berg an Wissen, den die Austriaguides, wie die staatlich geprüften, gewerblichen Fremdenführer seit einigen Jahren heißen, in ihrer strengen, langen Ausbildung ansammeln müssen: Nicht bloß Geschichte und Kunst, sondern auch Ökonomie, Landwirtschaft, Geologie, Musik, Kulinarik und Brauchtum sowie Rechtliches und Organisatorisches gilt es sich in 600 Unterrichtseinheiten anzueignen. Eineinhalb bis zwei Jahre dauert die Ausbildung im Durchschnitt.

„Ein riesiges Themenfeld muss bewältigt und durch laufende Weiterbildungen vertieft werden. Man besucht viele Ausstellungen und bestimmte Orte, liest viel“, schildert Astrid Legner, Sprecherin der Austriaguides und stellvertretende Obfrau in der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der WKO. „Denn der Gast möchte eben nicht nur etwas über Kunst und Kultur, Kirchen und Burgen erfahren. Er hat zunehmend Fragen über den Lebensalltag oder über Wirtschaftliches“, so Legner.

Der Bezug vom Gast zum Land

Die Austriaguides sind für die ganze Tourismusbranche wichtig: „Wir sind oft die einzige Bezugsperson vom Gast zum Land. Wir haben einen entscheidenden Einfluss darauf, was der Gast von einer Destination mitnimmt“, betont Schmidt. Und das muss fundiert erworben sein. Umgekehrt braucht es bestimmte Fähigkeiten und eine offene Persönlichkeit, um mit Gruppen unterwegs zu sein. Es hilft nichts, eine wandelnde Enzyklopädie zu sein, wenn die Freude am Kulturvermitteln, der praktische Sinn für Organisation und psychologisches Gespür fehlen. „Ab dem Moment, in dem der Gast in den Bus einsteigt, sind wir verantwortlich“, erläutert Legner, „und ist er der Wichtigste. Wobei man eine gewisse Sensibilität für eine größere Gruppe braucht, damit sich niemand vernachlässigt fühlt.“

Das ist dann die unbekanntere, manchmal schwierigere Seite des Berufs. Da müsse man „situationselastisch“ sein, meint Legner, wenn es zum Beispiel ums reibungslose Vorankommen geht: Man muss die Baustellen kennen, um sie zu umgehen, und Interessantes zu erzählen haben, wenn man in sie hineingerät. Nicht ganz ohne ist das Zusammenhalten einer großen Gruppe unterwegs. Und natürlich braucht es Krisenmanagement und Erste Hilfe in einem Unglücksfall – von der Anzeige nach einem Taschendiebstahl im Getümmel bis zum Sicherstellen der Versorgung bei plötzlicher Krankheit und Unfall.

Wissen in über 40 Sprachen

Nicht nur Touristen aus aller Welt zählen zur Klientel der Austriaguides, sondern auch Einheimische nutzen die Führungen, um mehr über ihren Lebensraum zu erfahren. Das soll dementsprechend spannend, detailreich und dramaturgisch gut aufbereitet sein. Immer weiter differenzieren sich die Themen der geprüften Guides aus, sodass es mittlerweile Führungen gibt, die kleinste Wissensnischen ausleuchten.

Viele Austriaguides haben sich in Spezialgebiete vorgearbeitet. Sind's für die einen die Habsburger, sind's für die anderen die Zeugnisse eines „jüdischen Wien“ oder die zeitgenössischen Stadtentwicklungen, die etwa die Seestadt Aspern oder den Hauptbahnhof einschließen. Zwischen Ötzi und „Spitzmaus Mummy in a Coffin“ (aktuell im Kunsthistorischen Museum) ist so ziemlich alles drin.

Vermittlungstechnisch ist Österreich gut abgedeckt, wobei Wien so viele Mitglieder wie die anderen Bundesländer zusammen hat. Dort wiederum gehen manche Themen in Richtung outdoor, weil mancher Austriaguide ebenso ein geprüfter Wanderführer ist, auch sie selbst, sagt Legner, die vor allem von Kärnten aus agiert.

Führungen in 42 Sprachen können die Austriaguides in Österreich anbieten (die meisten in Wien), wobei eines auffällt: „Sie bilden nicht ganz die Bevölkerung ab“, so Schmidt, denn Guides mit Türkisch-, Rumänisch- und Serbokroatischkenntnissen gebe es nicht sehr viele.

Wenn sich nun in der Adventzeit das Getümmel in Wien oder den anderen vorweihnachtlichen Boom-Destinationen in Österreich weiter verstärkt, sind sie besonders gefordert. „Das Stichwort ist Overtourism. Doch wir können die Besucherströme lenken“, erklärt Legner. Wobei der Trend leicht vom allzu Bekannten weggeht, hin zur Entdeckung sogenannter Geheimtipps. Das betrifft genauso Orte in den Bundesländern wie weniger bekannte Grätzel in Wien. „Das Schöne an unserem Beruf ist, dass wir alle das Gleiche zu vermitteln haben. Und trotzdem ist das Erlebnis bei jedem anders“, meint Legner, „eben Österreich persönlich.“

GUIDE FINDEN

Auf der Plattform www.findaguide.at

kann man Austriaguides speziell nach Land, Sprache und Thema suchen. Die Guides, die sich in der Datenbank finden, sind mit dem Unternehmerverzeichnis der WKO verknüpft. So ist sichergestellt, dass es sich um Guides mit staatlicher Prüfung und aufrechtem Gewerbe handelt. Aktiv sind österreichweit an die 1475 Fremdenführer. Die Ausbildung wird übers Wifi oder BFI angeboten. Über 40 Sprachen und eine Fülle von Themen werden angeboten.

www.austriaguides.at, www.wko.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2018)

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