Frischluftzufuhr für den Kunstbetrieb

Mit dem Format „Festival“ arbeitet auch die Kunstszene gern – besonders in der warmen Jahreszeit, fernab der Zentren.

1160 Wien. Das urbane Grätzelfestival „Soho in ­Ottakring“ besteht seit mittlerweile 20 Jahren.
1160 Wien. Das urbane Grätzelfestival „Soho in ­Ottakring“ besteht seit mittlerweile 20 Jahren.
1160 Wien. Das urbane Grätzelfestival „Soho in ­Ottakring“ besteht seit mittlerweile 20 Jahren. – Mehmet Emir

Wenn die Temperaturen klettern, wächst der Drang, Gewohntes, zumindest vorübergehend, gegen Neues einzutauschen und dafür auch einmal den Standort zu wechseln, sei es in Form eines Ausflugs oder vielleicht sogar einer kleinen Reise. So in etwa lässt sich das Bewegungsmuster des Kulturtourismus beschreiben. Das Wissen um diese Dynamik ist zugleich eine der Antriebskräfte für Initiativen und Festivals abseits ausgetretener Pfade. Zwar stammt der Festivalbegriff ursprünglich aus der Ecke der darstellenden Künste und Musik, doch ist in den letzten Jahrzehnten auch die Kunstszene gern auf den Zug aufgesprungen.

So sind im Schatten von Großereignissen wie Ars Electronica oder Festival der Regionen punktuelle Kunstfestivals mit hohem Anspruch aufgekommen: Im Salzkammergut etwa erneuern sich gerade die Perspektiven Attersee mit den Elementen Sommerausstellung in der Atterseehalle – diesmal mit Catrin Bolt –, Modedesign-Atelier und einer Bespielung leer stehender Schaufenster. In Bad Gastein geht Ende Juli das international angelegte Festival Sommer.Frische.Kunst in einem alten Kraftwerk über die Bühne. Und in Wien macht das als eine Graswurzelbewegung gewachsene Kunstfestival „Soho in Ottakring“ mit seinem Mix aus Kunstevents und Diskurs seit 20 Jahren vor, wie ein zeitgemäßes Grätzelfestival funktionieren kann.

Klagenfurt.  Kunstlehrpfad von Ines Doujak zum Thema Landraub im öffentlichen Raum.
Klagenfurt.  Kunstlehrpfad von Ines Doujak zum Thema Landraub im öffentlichen Raum.
Klagenfurt. Kunstlehrpfad von Ines Doujak zum Thema Landraub im öffentlichen Raum. – Ines Doujak
Es geht dabei nicht nur um Standorte, sondern auch um Standpunkte, nicht nur um ein Vis-à-vis von Publikum und Initiatoren, sondern auch um die Verschiebung und Aufweichung von Grenzen. „Ich wollte von Anfang an ,hinaus‘, um neue Szenen anzusprechen und Schwellenängste zu nehmen“, sagt Lena Freimüller. Die Klagenfurter Galeristin und Kulturaktivistin ist Initiatorin des dreitägigen Kärntner Kunstfestivals „Ins Freie“, das 2016 im kleinen Maßstab begonnen hat. Der Erfolg hat dem Projekt, das mit Hinblick auf seine Situierung im Alpen-Adria-Raum mehrsprachig auftritt, Recht gegeben. Aufhänger der diesjährigen vierten Ausgabe ist nun die Gleichzeitigkeit von Urbanität und Unmittelbarkeit von Natur. Koveranstalter und Austragungsorte sind regionale Institutionen wie die Lendhauer, ein Kulturverein für nachhaltige Stadtentwicklung, oder das Jauntaler Museum am Bach/MAB mit seinem Schwerpunkt Ausstellungen zu gesellschaftlichen Phänomenen.

Eine Schlüsselrolle spielt der öffentliche Raum: So wird Ines Doujak im Botanischen Garten und im Naherholungsgebiet Kreuzbergl einen kritischen Naturlehrpfad zum Thema Landraub und Ausbeutung von natürlichen Ressourcen installieren. Im Klagenfurter Stadtgraben wiederum stößt man auf „Uncut“ – eine „mit der Welt grenzenlos vernetzte Skulptur“ von Gabriele Sturm in Form einer mehrjährigen Wildblumenwiese. Diese Open-Air-Skulptur ist denn auch Anlass für ein Roundtable-Gespräch zum Umgang und zur Pflege von Kunst im öffentlichen Raum. „Es geht uns bei Ins Freie auch um ein Update des Kunstbegriffs“, sagt Freimüller. „Die Kunst soll Anlass geben für Auseinandersetzungen, sie soll zum Beziehungsanlass werden. Das Schauen, Hören und gemeinsame Reden sind dabei wichtige Aspekte.“ Gerade am Land sieht Freimüller diesbezüglich einen großen Aufholbedarf: „Ins Freie – das heißt nicht nur den öffentlichen Raum nützen, sondern auch ins Freie denken.“

Feldbach. „Kunst an der Grenze“ heißt dieser umfunktionierte ­Industriebau aus den 1920ern.
Feldbach. „Kunst an der Grenze“ heißt dieser umfunktionierte ­Industriebau aus den 1920ern.
Feldbach. „Kunst an der Grenze“ heißt dieser umfunktionierte ­Industriebau aus den 1920ern. – Wolfgang G. Külper

Künstlereck. Auf eine Künstlerinitiative geht „Hochsommer“ zurück. In der Nähe des Dreiländerecks gelegen, findet es in der zweiten Augustwoche an zehn teils privaten, teils öffentlichen Ausstellungsorten in der Südoststeiermark und im Südburgenland statt, einer Region mit einer überdurchschnittlichen Dichte an Kunstschaffenden und meist zugezogenen Sammlern. „Der Schwerpunkt liegt darauf, gute österreichische Kunst zu präsentieren“, sagt Koordinator Wolfgang G. Külper.

Federführend für die Veranstaltungen zeichnen die Betreiber der jeweiligen Häuser selbst. So holt etwa LandArtEisenberg zusammen mit der Galerie Exposition Rudolf Polanszky nach Jennersdorf, der mit Objekten und Aktionen voll poetischer Leichtigkeit den Skulpturenbegriff erneuert hat. Die wilde Malerei von Peter Pon­gratz zeigt das Gerberhaus Fehring, Hannes Mlenek der Raum Kunst an der Grenze. Mit „RIEEZ – Regionale Initiative zur Entwicklung empathischen Zubehörs“ startet das Künstlerduo hoelb/hoelb in der Kunsthalle Feldbach eine groß angelegte Vermittlungsoffensive zu den Themen gemeinsames Miteinander, Inklusion, Teilhabe. Im KS Room auf Schloss Kornberg treffen Manfred Erjautz und Michael Kienzer schließlich zur Dialogausstellung aufeinander. 

Tipp

Ins Freie | Na Prosto | All’Aperto. Kulturwochenende in Kärnten. 16.–18. Mai, www.flux23.net, www.lendhafen.at

Hochsommer. 9.–15. August, www.hochsommer.at

Perspektiven Attersee. 13. Juli–10. August, www.perspektiven-attersee.at

("Die Presse-Kulturmagazin", 12.04.2019)

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