Pinzgau auf Schiene

Entlang der Salzach befördert eine mehr als 120 Jahre alte Schmalspurbahn Passagiere nicht nur zu Urlaubsattraktionen. Die Pinzgaubahn rattert stündlich am Zeller See, an den Hohen Tauern und an Krimml vorbei.

Diesel-Nostalgiezug
Diesel-Nostalgiezug
Diesel-Nostalgiezug – Pinzgauer Lokalbahn

Wieder einmal Stau rund um Zell am See. Darüber kann Thomas Oberkalmsteiner nur schmunzeln. Vor ihm ist alles frei. Denn er ist nicht auf der stark befahrenen Bundesstraße 168 unterwegs, sondern auf den Schienen der Pinzgauer Lokalbahn. Im Stundentakt surrt die Schmalspurbahn auf eingleisiger Strecke zwischen den Ferienorten Zell am See und Krimml im Nationalpark Hohe Tauern hin und her. „Pendler, Schüler und Urlauber nutzen sie. Für Letztere haben wir während der Sommermonate aber nicht nur unsere modernen Wendezüge und Dieseltriebwagen, sondern auch unsere nostalgischen Schätze auf der Schiene“, sagt Oberkalmsteiner, stellvertretender Dienststellenleiter. Wer für die Pinzgauer Lokalbahn arbeitet, hat nicht nur einen Job. Der gelernte Maschinenschlosser machte nach und nach auch den Führerschein für Elektro-, Diesel- und Dampflok. „Mütterlicherseits liegt der Eisenbahnvirus seit fünf Generationen im Blut. Und seit über zwanzig Jahren habe ich zu Hause eine Gartenbahn, die inzwischen auf 50 Meter angewachsen ist“, erzählt er.

Krimmler Wasserfälle als Ziel

Nachdem Kaiser Franz Joseph I. die Genehmigung erteilt hatte, ließ 1898 eine private Gesellschaft die Strecke im Pinzgau errichten. Nach nur einjähriger Bauzeit wurde sie eingeweiht. Zwei Personenzüge waren im Einsatz. Einer von ihnen übernahm auch den Gütertransport für Holz und landwirtschaftliche Produkte. Nach kurzer Zeit zeigten sich erste Schäden an der wohl etwas zu zügig gebauten Trasse. Die Bahn fuhr ein Defizit ein und wurde verstaatlicht. Die meisten Touristen nutzten sie schon damals, um zu den Krimmler Wasserfällen zu gelangen. Denn bereits Anfang des 19. Jahrhunderts empfahl der Landarzt Wolfgang Oberlechner seinen Patienten einen Aufenthalt in der Region gegen Asthma.

Hochwasser der nahen Salzach machte der 53 Kilometer langen Strecke mit bosnischer Spurweite (760 Millimeter) immer wieder zu schaffen. „Das Aus drohte 2005, als Überschwemmungen zwei Drittel der Trasse zwischen Mittersill und Krimml zerstörten. Das Engagement diverser Entscheidungsträger und Eisenbahnfreunde sicherte der Bahn das Überleben“, berichtet Oberkalmsteiner: „Seit 2008 gehört die Pinzgauer Lokalbahn dem Land Salzburg und dem Energie- und Infrastrukturunternehmen Salzburg AG.“ 40 Stopps gibt es. Gehalten wird nur auf Verlangen. Doch an den einzelnen Haltestellenhäuschen und Bahnhöfen muss niemand winken oder eine Fahne schwenken. Sie sind mit Lichtsignalanlagen ausgestattet. Wenige Minuten vor der fahrplanmäßigen Einfahrt des Zuges drückt der Fahrgast auf einen Knopf. Ein rotes Ampel-Blinklicht signalisiert dem Triebfahrzeugführer, dass er halten muss.

Um 1900 gebaute Wagen

Auf dem Nachbargleis trötet es. Ein azurblaues Dampfross schiebt sechs dunkelgrüne Waggons mit offener Aussichtsplattform und den leuchtend roten Buffetwagen namens Pinzga Schenke in den Bahnhof Zell am See. Die um 1900 gebauten Wagen sind mit Holz- oder gepolsterten Bänken eingerichtet. Betriebsleiter Walter Stramitzer und Heizer Florian Knapp wirken ein wenig skeptisch, ob die Aquarius C die 53 Kilometer bis Krimml problemlos meistern wird. Deshalb steuert der Chef heute persönlich: „Nun haben wir schon zwei Dampfrösser in unserem Bestand, und dann fallen beide gleichzeitig aus. Unsere Mh3 wurde 1906 bei der Firma Kraus in Linz gebaut und wartet auf ihre Hauptuntersuchung.“

Auseinandergebaut steht die langfristig vom Eisenbahnclub 760 angemietete Lok 73-019 im Depot Tischlerhäusl. Ein Ersatzteil konnte nicht rechtzeitig geliefert werden. Dieses schwarze Dampfross erblickte 1913 in Budapest das Licht der Schienenwelt. Kurzerhand schickte der Club 760, der Verein der Freunde der Murtalbahn, seinen Neuzugang, die 80 Jahre alte Aquarius C, die einst in Berlin gefertigt wurde, als Ersatz. Normalerweise rattert sie bei der Taurachbahn im Lungau zwischen Mauterndorf und Sankt Andrä.

Gleich nach der Ausfahrt aus Zell zuckelt der Nostalgiezug für ein paar Minuten am fischreichen See entlang. Der Hausberg, die Schmittenhöhe, schält sich aus einer Nebelwand. Durch saftig grüne Wiesen mit verstreuten Heustadeln schnauft die Lok mit maximal 30 Kilometern pro Stunde. Weiter geht es längs der wasserreichen Salzach, die der Bahn schon so häufig zum Verhängnis wurde. „Bei der Pinzgauer Lokalbahn arbeitet niemand unentgeltlich“, so Stramitzer: „Nur unsere Pinzga Schenke betreibt der Club 399, die Freunde der Pinzgaubahn, ehrenamtlich. Dieser Verein engagiert sich dafür, dass es bei uns weiterhin dampft.“ Und auch heute stehen Würstel aus dem Dampfkessel auf der Speisekarte.

Nationalpark Hohe Tauern

Auf zirka halber Strecke in Mittersill befindet sich das Nationalparkzentrum Hohe Tauern. Das Naturschutzgebiet wurde 1981 gegründet und erstreckt sich über Kärnten, Salzburg und Tirol. An zehn interaktiven Stationen kann der Besucher der Nationalparkwelten die Atmosphäre im Kleinen nacherleben. Die Aquarius C rattert weiter. Kurz vor der Endstation Krimml muss sie noch einmal richtig schnaufen. „Sie kommt mit der grobkörnigen polnischen Kohle nicht ganz so gut klar“, meint Knapp.

Ein Bus bringt die Passagiere in fünf Minuten zu den mächtigen Fällen. Gebildet werden sie durch dem Gletscherbach Krimmler Ache. 380 Meter stürzen die Wassermassen über drei Kaskaden in die Tiefe. Schneeweiße Fontänen, auf die die Sonne einen Regenbogen malt, ergießen sich ins Salzachtal. Zu viele Aussichtskanzeln reihen sich entlang des langsam steiler werdenden Wasserfallwegs – so reicht die Zeit nicht bis zum obersten Fall. Denn tief unten im Tal pfeift die Aquarius C zur Abfahrt. Und ein Dampfross lässt man nicht warten.

DAMPF UND DREITAUSENDER

Pinzgauer Lokalbahn: Zwischen Zell am See und Krimml, stündliche Abfahrten täglich zwischen 6 u. 19 Uhr, Dauer knapp 1,5 Stunden. Busanschluss in Krimml zu den Wasserfällen.

Nostalgiedampffahrten: an einzelnen Tagen bis 26. September, Dauer knapp drei Stunden; Reservierung erforderlich: Tel. 06562 40600, www.pinzgauerlokalbahn.at

Nationalparkzentrum Hohe Tauern: in Mittersill. Zehn Erlebnisstationen vermitteln Wissen über die hochalpine Welt. www.nationalpark-zentrum.at

Nationalpark Hohe Tauern: Auf und zwischen den Dreitausendern der Hohen Tauern lassen sich viele Touren machen, auch mit Rangern. https://hohetauern.at

Krimmler Wasserfälle: Fallhöhe 380 m: von Mitte April bis Ende Oktober geöffnet, gebührenpflichtig, www.wasserfaelle-krimml.at

Wasserwelten Krimml: Erlebniszentrum, www.wasserwelten-krimml.at

Unterkunft: Hotel Bräurup, Mittersill,

jahrhundertealtes Haus, eigene Braue- rei. Biergarten. Regionale Küche. Zehn Minuten zum Bahnhof. www.braurup.at

Hotel Steinerwirt 1493, Zell am See, Traditionshaus in der Fußgängerzone. Regionale Küche. www.steinerwirt.com

Infos: Zell am See-Kaprun Tourismus, www.zellamsee-kaprun.com

Ferienregion Nationalpark Hohe Tauern, www.nationalpark.at

Compliance: Die Reise wurde von Salzburgerland Tourismus unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2019)

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