Stille über den Nocken, nur das Murmeltier pfeift

Der Nockberge-Trail, 75 Kilometer durch den größten Biosphärenpark Österreichs: im Sommer eine Wanderroute in fünf Etappen, im Winter eine viertägige Skitour.

Nockalm Steier Alpenkette.
Nockalm Steier Alpenkette.
Nockalm Steier Alpenkette. – (c) imago/blickwinkel (C. Kaiser)

Würden die Kärntner Nockberge woanders stehen, wären sie vielleicht weltbekannt – gut, dass das noch nicht so ist. Der Unesco-Biosphärenpark Nockberge im Norden Kärntens sorgt dafür, dass diese prächtige Landschaft behutsam erschlossen wird, ohne die in Jahrhunderten entstandene Vielfalt zu beeinträchtigen. Der 75 Kilometer lange Nockberge-Trail durchquert ausgehend vom Katschberg die Bergregionen der Innerkrems, der Turracher Höhe, des Falkert bis zum Ziel Bad Kleinkirchheim. Im Winter absolvieren Skitourengeher diese (online buchbare) Strecke in vier Tagen.

Jetzt gibt es auch die Sommervariante: In fünf Tageswanderungen mit Aussicht vom ersten Gipfel an, Almen, so weit das Auge reicht. Es geht vorbei an stillen Seen und Kuhglockengebimmel, hin und wieder ertönen die Warnpfiffe der Murmeltiere. Charakteristisch sind die weiten, idyllischen Hochalmen zwischen duftenden Lärchen- und Zirbenwäldern – das Ergebnis jahrhundertelanger harter Bergbauernarbeit.

Oberhalb von Innerkrems.
Oberhalb von Innerkrems.
Oberhalb von Innerkrems. – (c) imago/Westend61 (Epiximages)

Gepäck reist nach

Auf den Etappen sieht der Wanderer mehr Tiere als Menschen, er erfährt Entschleunigung und wohltuende Einsamkeit, bewegt sich abseits großer Tourismuszentren. Der Mittelgebirgscharakter kommt von den sanften, runden Formen der Gipfel, wie „Nocken“, sanft und weich, ohne Grate und steile Flanken.

„Der Nockberge-Trail, ursprünglich als reiner Skitouren-Trail im Winter geplant, wurde um eine Sommervariante auf bestehenden Wanderwegen erweitert. Er wird von den alpinen Vereinen betreut“, sagt Dietmar Rossmann, Geschäftsführer der Tourismusregion Nockberge, über das regionsübergreifende Projekt. „Wir haben gesehen, dass der Bedarf im Sommer gegeben ist, und erwarten uns damit auch größere Wertschätzung.“

Für entspanntes Wandern in den Nockbergen sorgt auch ein flexibles „Book your trail“-Konzept. Man startet wann, wo und für wie lang man möchte. Die Etappen mit insgesamt 20 Partnerbetrieben sind mit den Annehmlichkeiten von Hotels und Hütten oder Pensionen verbunden. Die Alpe-Adria-Küche lädt leere Energiespeicher schnell wieder auf. „Unbeschwert“ im wahrsten Wortsinn macht die Mehrtageswanderung der Gepäcktransport: Man trägt nur das im Rucksack, was man für den jeweiligen Tag braucht. Der Reisekoffer mit frischen Sachen wartet zuverlässig in der nächsten Unterkunft. Noch ein Plus: Im Fall der Fälle steht die „Trail Angels Service Hotline“ von acht bis 20 Uhr täglich zur Seite, sollte es Probleme geben. Das Trail-Angel-Team aus Obervellach bewährt sich seit Jahren als Reiseveranstalter und Weitwanderspezialist bei der Betreuung des großen „Alpe-Adria-Trails“. Rossmann nennt den Nockberge-Trail dessen „kleinen Bruder“, gut geeignet, Erfahrungen für eine noch längere Tour zu sammeln. Die Gehzeiten dauern pro Tag bis zu sieben Stunden. „Für die Touren ist eine gewisse Grundkondition erforderlich“, sagt Rossmann, „sie eignen sich für ambitionierte Wanderer.“ Ein Einstieg, der Lust macht auf mehr, denn der Alltag bleibt Schritt für Schritt zurück.

Erste Nacht in der Hütte

Das Auto ist geparkt, der Rucksack geschultert, die Hektik ade. Die angenehm kurze erste Etappe vom Katschberg zur romantischen Neuen Bonner Hütte lässt viel Zeit zum Eingewöhnen und zum Eintauchen in die Kulisse der Nockberge. Mit drei Stunden Gehzeit ideal, um auf der Sonnenterrasse der urigen Alpenvereinshütte die Beine hochzulegen und die kulinarischen Genüsse zu erleben, die das Pächterpaar Andreas und Ruozne König auf 1712 Metern zaubern. Diese Etappe ist ohne Unterkunftsauswahl. Für die Übernachtung hier braucht es Hüttenschlafsack, Hüttenschuhe und Handtuch.

Speik für müde Beine

Die zweite Etappe führt von der Neuen Bonner Hütte über vier „Nocken“ und entlang mehrerer hübscher, kleiner Gebirgsseen in skandinavisch anmutender Landschaft nach Innerkrems. Bevor es hinunter ins Tal geht, sollte man auf der „Blutigen Alm“ auf 2006 Metern rasten. Denn dort geht es um das „Gold der Nockberge“: Speik – eine kleine, unscheinbare Pflanze, ziemlich einzigartig in den Nockbergen beheimatet. Den intensiven, herb-würzigen Duft mag man oder mag man nicht. Den Themenweg Speiktrail sollte man dennoch nicht auslassen, auch wenn die Beine schon schwer sind. Sagt man dem Zirbenholz eine positive Wirkung für Herz und Kreislauf nach, wirken spezielle Speik-Fußbäder und -massagen belebend. Im erfrischenden Wasserwandl entspannen die Füße in frischem Quellwasser. Dann ist frühes Schlafengehen ratsam. Die beiden nächsten Etappen fordern Kondition. Ihren Namen verdankt die „Blutige Alm“ übrigens heftigen Kämpfen um 600 nach Christus zwischen den Slawen und den Bajuwaren. Just auf dieser Alm wurde die Schlacht geschlagen.

Von der Innerkrems geht es am dritten Tag durch die Donnerschlucht und über den himmlisch schönen Talboden der Rosaninalm auf den Großen Königstuhl. Mit 2336 Metern bildet der Gipfel den höchsten Punkt des gesamten Trails und ist zudem ein echter Grenzgänger, denn hier treffen die drei Länder Kärnten, Salzburg und Steiermark aufeinander. Grenzenlose Weitblicke weit über die Nockberge hinaus gibt es auf dieser Höhenwanderung einige.

Abkürzen erlaubt

Wie für den ganzen Trail lohnt sich ein genauer Blick auf die Karte, um manche Strecken abkürzen zu können, falls das Wetter nicht mehr mitspielt – oder die Kondition. Wem es bis zum Etappenziel auf der Turracher Höhe zu lang ist – denn es gibt keine Einkehrmöglichkeit – der entscheidet sich auf dem Schneegrubensattel für einen Abstieg zur Prießhütte (1720 Meter) an der Nockalmstraße, stärkt sich dort in Ruhe und bestellt per Handy das Nockmobil, ein flexibles Anrufsammeltaxi für Gäste und Einwohner als Ergänzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Mit dem Bus geht es zuerst zum nächsten Nockmobil-Haltepunkt und von dort hinauf auf die Turrach.

Im Herzen des Biosphärenparks Nockberge verläuft die vierte Etappe: Vom Turracher See wandert man über den Rinsennock, zur Prießhütte und Kleinen Scharte bis zum Falkertsee. Zunächst genießt der Wanderer wieder viel Natur, Panorama und Einsamkeit – im mittleren Abschnitt, der kurz über die Nockalmstraße führt, hingegen Menschen, Autos und Motorräder. Das ist nach mehreren stillen Tagen in den Nockbergen mittlerweile ungewohnt. Nach der Abzweigung zur Flachen Scharte hinauf zum Klomnock jedoch kehrt langsam wieder die Stille zurück. Hier beginnt die wunderbare Höhenwanderung nach Osten Richtung Falkert: Man hält sich am aussichtsreichen Kamm. Noch ein kurzes Stück braucht es hinunter zum Falkertsee, wo an seinem Nordufer schon das Hotel und ein kühles Getränk warten (hier gibt es ebenfalls nur eine Unterkunftsmöglichkeit).

Die letzte Etappe erweist sich dann als Kinderspiel: Vom Falkertsee wandert man auf den letzten Gipfel, den Falkert (2308 Meter), und über den langen Grasrücken der Totelitzen nach Süden. Von den einsamen Almweiden geht noch einmal ein letzter Blick zurück zu den Nocken. Spätestens hier macht sich ein bisschen Stolz breit, die Strecke bewältigt zu haben, durch ein außergewöhnliches Stück Österreich.

QUER DURCH DIE NOCKBERGE: GRASIGE KUPPEN UND KÜHE AUF SOMMERFRISCHE

Die Etappen des Nockalmtrails:

1. Tag (mittel): 8 km, 3 Stunden, 591 m Aufstieg/519 m Abstieg

2. Tag (schwer): 16,6 km, 6 Stunden,
824 m /992 m

3. Tag (schwer): 21,3 km, 7:15 Stunden, 1056 m/822 m

4. Tag (schwer): 18,1 km, 7 Stunden,

1189 m/1082 m

5. Tag (mittel): 11,1 km, 4:30 Stunden, 441 m/ 1241 m.

Infos: www.nockberge.atwww.nockberge-trail.atwww.biosphaerenparknockberge.at

Trail Info- & Buchung: www.bookyourtrail.com, T.: +43/4782/93093.

Per Mausklick Beginn, Anzahl der Etappen und Unterkunftskategorien auswählen (Basic/Classic/Comfort) – los geht's. Nach der Buchung gibt es detailliertes Karten- und Infomaterial. Die Tour ist sehr gut ausgeschildert. Es gibt einen Rücktransfer zurück zum Einstiegspunkt.

Empfehlenswerte App: Kärnten Maps. Dort sind die Etappen inkl. interaktiver Karten und Beschreibung bereits hinterlegt.

Begleitung: Geführte Tour durch Bergwanderführer wird ebenfalls angeboten.

Nockberge-Trail-Run: Auch im Laufschritt lassen sich die Nockberge erkunden: z. B. bei einem dreitägigen Cross-Trail, buchbar mit den vorher genannten Services.

Karte: Kompass „Biosphärenpark Kärntner Nockberge, Liesertal“ Nr. 66.

Unterwegs: Mit dem Nockmobil unkompliziert und günstig im Wandergebiet, z. B. bei Wetter- oder Konditionsproblemen. Buchung online, per App,
T.: +43/12350044424, www.nockmobil.at

Sommerbus Nockberge, Montag bis Samstag, bis 7. 9., www.kaernten-bus.at

Wanderbuch: „Nockalmstraße – Die schönsten Wanderungen und Bergtouren“, mit Beschreibung und Karten, Rother Verlag, www.rother.de

Nockalmstraße: Mautpflichtige Aussichtsstraße von Innerkrems in einem Seitental des Liesertals zur Turracher Bundesstraße nördlich von Ebene Reichenau – in 52 Kehren (Reidn) vorbei an Nocken und alten bäuerlichen Einrichtungen wie dem Karlbad. Höchster Punkt: 2042 m, Länge: 34 km. Geöffnet: Mai bis Oktober. 18–8 Uhr Motorradfahrverbot. www.nockalmstrasse.at

15. September: Nockalmstraßenfest entlang der Nockalmstraße (50 Prozent Ermäßigung auf Durchfahrt).

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde unterstützt von der Tourismusregion Nockberge GmbH.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2019)

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