Tel Aviv: Weiße Stadt auf dem Frühlingshügel

In Weimar wurde vor 100 Jahren das Bauhaus geboren. Seine Blüte fand die avantgardistische Architektur jedoch in Tel Aviv – ein Lokalaugenschein.

Bauhaus. 4000 Objekte zählt
Bauhaus. 4000 Objekte zählt
Bauhaus. 4000 Objekte zählt die Weiße Stadt, viele in schlechtem Zustand. – (c) Go Israel/Dana Friedlander

Am Anfang war eine Vision: Eine großzügige Gartenstadt mit breiten Alleen und weiträumigen Grünanlagen erträumten jüdische Siedler, als sie 1909 die erste hebräische Stadt nördlich des alten Hafens von Jaffa aus dem Dünensand stampften. Sie hatten das enge Leben hinter den dicken Altstadtmauern von Jaffa und Jerusalem satt. Ein Dutzend Familien legte den Grundstein für Tel Aviv. Aus einem wagemutigen Experiment wurde schnell eine pulsierende Großstadt – Israels Wirtschaftszentrum, Kulturmetropole und Lebestadt. Tel Aviv nannten die ersten Bewohner ihre Stadt nach Theodor Herzls utopischem Roman „Altneuland". So wurde der deutsche Titel frei ins Hebräische übersetzt. Wörtlich bedeutet Tel Aviv „Frühlingshügel".

Eine Stadt mit Raum und Licht zum Wohnen für jedermann sollte Tel Aviv werden. Erst 25 Jahre später nahm die Vision der Gründer langsam Gestalt an. Bis dahin war sie nicht viel mehr als eine unkoordinierte Siedlung mit verstreuten Bauten in einem wilden Eklektizismus aus orientalischen und westlichen Stilelementen. 1925 konnte der erste Bürgermeister, Meir Dizengoff, den schottischen Stadtplaner Patrick Geddes für den Entwurf eines Straßennetzes und eines Bebauungsplans gewinnen. In den 1930er-Jahren wuchs die junge Stadt schlagartig, als Tausende europäische Juden vor dem Nazi-­Terror nach Palästina flohen. Tel Aviv wurde zu einem sicheren Zufluchtsort vor Rassenwahn, Verfolgung und den Vernichtungs­lagern.

Kanten. Daniel Libeskinds futuristisches Kongresszentrum für die Uni.
Kanten. Daniel Libeskinds futuristisches Kongresszentrum für die Uni.
Kanten. Daniel Libeskinds futuristisches Kongresszentrum für die Uni. – (c) Dana Friedlander

Moderne, mediterran. Unter den Flüchtlingen aus Europa waren auch einige Architekten aus Berlin und Dessau. Sie waren durch und durch vom neuen Wohnverständnis der Bauhaus-Schule geprägt, die am 12. April 1919 in Weimar gegründet worden war, 1925 nach Dessau und 1932 nach Berlin umzog. In Nazi-Deutschland hatte die Avantgarde der Architekten ihre Arbeit verloren. Tel Aviv, das dringend Wohnraum für immer mehr Menschen benötigte, entwickelte sich schnell zum Labor der Bauhaus-Schüler.

Hier konnten sie frei mit ihrem Ethos vom sozialen Wohnen experimentieren, ganz nach dem Selbstverständnis des Bauhaus-Gründers Walter Gropius: „Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens", hatte der Vater der modernen Architektur feierlich in seinem Gründungsmanifest aus dem Jahr 1919 formuliert. Ein Meilenstein nicht nur in der Baukunst der Moderne.

Wellengang. Reges Strand-
Wellengang. Reges Strand-
Wellengang. Reges Strand- leben prägt den Lifestyle von Tel Aviv. – (c) REUTERS (NIR ELIAS)

In Tel Aviv galt es, das progressive Architekturverständnis den städtebaulichen und klimatischen Bedingungen der neu gewonnenen mediterranen Heimat anzupassen. So vereinen viele Gebäude Dessauer Funktionalität mit orientalischer Wohntradition.

Voll mit Ideen im Kopf war etwa der junge Bauhaus-Architekt Ludwig Kurzmann, als er 1931 in Tel Aviv eintraf. Nachdem im selben Jahr die Nationalsozialisten die Mehrheit im Dessauer Stadtrat übernommen hatten, war die Schließung der avantgardistischen Künstlerschmiede programmiert. In Berlin hatte der im damals österreichisch-ungarischen Galizien geborene Kurzmann noch das Büro des einflussreichen Architekten Hannes Meyer geführt – zusammen mit Gropius Leiter der Bauhaus-Schule in Dessau. In der Reichshauptstadt, das dämmerte Ludwig Kurzmann schon früh, würde es für eine jungen, vom sozialistischen Bauen überzeugten Architekten bald keine Zukunft mehr geben, für einen jüdischen schon gar nicht.

In Palästina aber, wo Kurzmann bereits in den 1920ern ein paar Jahre als Pionier in einem Kibbuz gelebt hatte, schien man Leute wie ihn zu brauchen. Er zog kurzerhand nach Tel Aviv und gab sich den hebräischen Namen Arieh Sharon. Heute gilt er als Vordenker der Weißen Stadt. Sharons scharf geschnittene Hod-Arbeiter-Residenz in der Frishman Street gibt noch heute einen guten Eindruck von der ambitionierten Ideologie des Bauhauses: Einfachheit, Funktionalität, Universalismus, radikale Schnörkellosigkeit.

Partyzone. Tel Aviv rüstet sich gerade für die Austragung des Song Contests.
Partyzone. Tel Aviv rüstet sich gerade für die Austragung des Song Contests.
Partyzone. Tel Aviv rüstet sich gerade für die Austragung des Song Contests. – (c) APA/AFP/JACK GUEZ

Einst die Vision einer Gartenstadt. Mehr als 4000  Gebäude der Klassischen Moderne sind bis heute in Tel Aviv noch erhalten. In manchen Straßen reiht sich ein Bauhaus-Gebäude an das nächste. Mit dem Bauboom der 1930er-Jahre musste Geddes’ weiträumige Stadtplanung allerdings größtenteils aufgegeben werden.

An die einstige Vision einer großzügigen Gartenstadt mit weiten Boulevards und einem hohen Grünanteil erinnert heute fast nur noch die belebte Rothschild-Promenade. Hier scharen sich Tel Avivs Start-up-Yuppies mit ihren übergroßen Sonnenbrillen und Cappuccino-Pappbechern in den Händen um die winzigen Straßenkiosks. Gruppen von Jugendlichen, internationale Touristen und junge Eltern mit Kinderwägen flanieren im Schatten der Flammenbäume. Die schlichte Independence Hall, Rothschild Nr. 16, wo David Ben Gurion am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit Israels verkündete, ist heute eine Gedenkstätte.

In wildem Wechsel findet sich überall in Tel Aviv die funktionelle Kantigkeit der Fassaden mit den geschwungenen Linien der Balkonreihen. Walter Gropius hätte sicher seine Freude daran. Erst seit die Unesco 2003 das weltweit größte Bauhaus-Ensemble auf die Weltkulturerbe-Liste setzte, bemüht sich die Stadt langsam um den Erhalt ihrer historischen Architektur. Einige wurden zum 100-jährigen Jubiläum der Bauhaus-Gründung aufgehübscht. In diesem Jahr soll auch das White City Center in der Idelson Street eröffnen.

Panorama. Die Stadt wächst in die Höhe. Die Moderne wird überbaut.
Panorama. Die Stadt wächst in die Höhe. Die Moderne wird überbaut.
Panorama. Die Stadt wächst in die Höhe. Die Moderne wird überbaut. – (c) REUTERS (AMIR COHEN)

Denkmalschutz hinkt hinterher. Ein Highlight unter den original erhaltenen Bauten ist auch das Cinema Esther. Gemeinsam mit den benachbarten Gebäuden setzt seine konkave, strahlend weiße Hauptfassade den kreisrunden Brunnen auf dem gerade restaurierten Dizengoff-Platz erst richtig in Szene. Das Dekor des zum Hotel umgebauten ehemaligen Kinos erinnert an eine große, längst verblasste Leinwand-Ära. Es birgt eines der schönsten Treppenhäuser der Tel Aviver Moderne. Nur ein paar Gehminuten weiter widmet das Bauhaus-Center seine Bibliothek, seine Ausstellungen und speziellen Stadttouren ganz dem Erbe der Architekten aus Weimar, Dessau und Berlin. Rund um die Dizengoff Street sind viele der einst revolutionären und heute teils denkmalgeschützten Fassaden längst vergilbt. Die Weiße Stadt ist in die Jahre gekommen.

Postmoderne Skyline. Die schlichte Eleganz der bröckelnden Wohnhäuser wird längst vom postmodernen Chic der jüngsten Glastürme überragt. Tel Aviv bleibt ein Spielplatz für Architekten, und bei den jüngsten Projekten mischten auch weltweit bekannte Stars mit. Daniel Libeskind entwarf für die Bar-Ilan-Universität in der Vorstadt Ramat Gan ein futuristisches Kongresszentrum. Sein von schrägen Fensterreihen zerschlitztes Wohl Center erinnert an das Jüdische Museum in Berlin. Mit einem 42-stöckigen Wohnturm hat sich auch Pritzker-Preisträger Richard Meier am Rothschild-Boulevard verewigt. Der 2014 fertiggestellte Bau ist nur einer von einer Reihe neuer Hochhäuser im Zentrum Tel Avivs. Den alten Bauhäuschen ist mancherorts nur noch ein Schattendasein zwischen Spiegelfassaden und Bankentürmen vergönnt. Was wohl der alte Gropius über die neue Skyline der Weißen Stadt am Mittelmeer sagen würde?

Infos

ESSEN UND TRINKEN

Hummus HaCarmel: Typischer Hummus-Laden in ehemaliger Synagoge mitten im Tel Aviver Carmel-Markt, HaCarmel 11.

Bucke: entspanntes Café in der Nähe des Habima-Theaters, ­beliebter Treffpunkt junger Tel
Aviver aus dem Viertel. Vom Cappuccino bis zum Abendessen. Ahad Haam Street 91.

HOTELS

Hotel Cinema: An diesem alten Bauhaus-Gebäude erinnert alles an seine Vergangenheit als
Kino aus den 1930er-Jahren, Zamenhof Street 1.

Hotel Montefiore: Boutique-­Hotel, mitten im Zentrum. Anspruchsvoll eingerichtete Zimmer, exzellentes Restaurant. Montefiore Street 36, www.hotelmontefiore.co.il

INFORMATION

Staatliches Israelisches Verkehrsbüro (Berlin), www.goisrael.de, www.visit-tel-aviv.com

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