Herrn Habelers einzigartiges Mundwerk für Malerei

Früher kaufte er Weihnachtskarten von Mundmalern, seit seinem Unfall ist Josef Habeler selbst einer. Die Arbeit mit dem Pinsel wurde seine Rettung.

Herrn Habelers einzigartiges Mundwerk
Herrn Habelers einzigartiges Mundwerk
Habeler – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Auf den ersten Blick ist es ein Brief in fein gezogener Lateinschrift, vorbildlich, fast so schön wie von einer Volksschullehrerin. Kein flotter Computerausdruck, kein geschwindes Mail, kein digitales Gezwitscher – ein klassischer Brief in vorbildlicher Handschrift. Denkt man.

Doch die Zeilen, verfasst von Josef Habeler, haben mit einer Hand gar nichts zu tun. Der Burgenländer ist vom Hals abwärts gelähmt. Den Brief hat er mit seinem Mund zu Papier gebracht. Habeler hat im Laufe der Jahre gelernt, mittels Kopfbewegungen zu schreiben. Vor allem aber hat er gelernt, zu malen. „Das Malen ist zu meiner Lebensaufgabe geworden“, sagt der 67-Jährige aus Wiesen.

Einen Teil des Wohnzimmers hat Josef Habeler mithilfe seiner Familie zu seinem Atelier gemacht. Sein Sohn hat ihm eine multifunktionale Arbeitsumgebung gestaltet. Eine auf Schienen verschiebbare Farbpalette, eine leicht angewinkelte Malfläche, eine bis ins kleinste Detail konstruierte Pinselablage sind nur ein Teil der an Habelers Handicap genau angepassten Ausrüstung.

An den Malwerkzeugen selbst sind Mundstücke aus Kautschuk angebracht. Auf einem schwenkbaren Metallarm, ähnlich jenem einer Schreibtischlampe, liegen mehrere Pinsel nebeneinander für den Künstler bereit. Höhe, Abstand, Pinsellänge – alles ist millimetergenau aufeinander abgestimmt. Neben verschiedenen Borstenlängen, unterschiedlichen Formen und Größen der Haarbüschel gibt es Stiele mit einem vorne eingezwängten, maiskorngroßen Schwämmchen oder einem Minibruchstück eines Radiergummis. Es wurde an alles gedacht. Josef Habeler taucht den Pinsel ins Wasser, dann in silbergraue Farbe, tupft den Pinselkopf vorsichtig auf einem auf dem Tisch liegenden Tuch ab und setzt verblüffend genau zum Strich an.

Sturz beim Mistelschneiden. „Ich war handwerklich immer sehr geschickt“, erzählt Habeler, der einst als Baggerfahrer arbeitete. Bis er im Jahr 2000 beim Mistelzweigschneiden im Garten kurz vor Weihnachten aus knapp drei Metern Höhe zu Boden stürzte und sich das Rückgrat brach. Seither sitzt er im Rollstuhl. „Zunächst hab' ich mir gedacht, wie lange werde ich das durchhalten: vielleicht ein paar Tage, eine Woche, ein oder zwei Monate – aber an Jahre konnte ich nicht denken.“ So rasch wie möglich wollte er im Rehabilitationszentrum Weißer Hof in Klosterneuburg wieder zu arbeiten beginnen, sich beschäftigen, sich ablenken. Er fragte bei verschiedenen Werkstätten am Weißen Hof an, erkundigte sich bei Tischlerei und Schlosserei, ob er nicht irgendeine Arbeit verrichten könne. Die Antwort war immer ein „leider nein“: „Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich im Rollstuhl sitzen und in die Luft schauen würde.“ Doch am nächsten Tag entdeckte Habeler einen Raum mit dem Schild „Maltherapie“. Die Tür war offen, er fuhr hinein, sah Patienten, die sich am Zeichentisch versuchten. „Das wäre eine schöne Beschäftigung“, seufzte er, im Glauben, es gebe für ihn keine Möglichkeit, den Pinsel zu halten. „Warum denn nicht?“, meinte die Therapieleiterin. „Haben Sie noch nie von Mundmalern gehört?“ Habeler ging ein Licht auf: Seine Frau und er hatten jahrelang Weihnachtsbillets von mund- und fußmalenden Künstlern gekauft. Dass er nun selbst diese einzigartige Technik erlernen sollte, erschien ihm jedoch unglaublich.

Wenn man Josef Habeler heute, zwölf Jahre später, beim Malen zusieht, scheint es nichts Selbstverständlicheres zu geben, als mit den Lippen Motive haargenau aufs Malpapier zu bringen. Exakt zieht er seine Pinselstriche und malt mit äußerster Akribie Flächen aus. Zu Beginn der Maltherapie am Weißen Hof tastete er sich mit dem Betupfen von Seidentüchern an das Mundmalen heran.

Nach drei Monaten wagte er sich ans Papier. Sein erstes Bild war eine Sonnenblume. Seither werkt er „fast jeden Tag“ mit Pinsel und Papier, auch die Ölmalerei hat er in sein Repertoire aufgenommen. Bis heute zählt die Natur zu seinen Lieblingsmotiven. Eine spezielle, an seinen Rollstuhl angepasste Tischkonstruktion seines Sohnes ermöglicht es Habeler, auch außer Haus zu malen.

50 Bilder verkauft. Das Naturtalent mit dem Pinsel ist heute Mitglied der „Vereinigung der Mund- und Fußmalenden Künstler“ (VDMFK), einer Organisation von schwerstbehinderten Künstlern, die sich im Jahr 1956 gründete. Der Verein zählt heute mehr als 700 mund- und fußmalende Personen in 71 Ländern. Knapp 50 Bilder hat Josef Habeler mithilfe des VDMFK verkauft. Leben könnte er von der Malerei freilich nicht. „Es ist ein Hobby geblieben.“ Ein Hobby, aber auch eine Passion, die Habeler im Rahmen von Malvorführungen einem jungen Publikum in Kindergärten und in Schulen demonstriert.

„Man darf nicht locker lassen und muss viel Geduld haben“, beschreibt der Burgenländer die wichtigsten Voraussetzungen für die Mundmalerei. Ein Bild der Burg Forchtenstein, unweit seines Heimatorts Wiesen, sticht beim Durchblättern seiner Werke besonders ins Auge. Darauf überstrahlen die Herbstfarben des Waldes den bedeckten Himmel über der Festung. Ganz feine Pinselstriche, die Liebe zum Detail prägen die zu Papier gebrachten Burgmauern, die Fenster, die bunten Bäume. „Wenn ich ein schönes Motiv finde, bewegt mich das, bringt mich vorwärts. Die Malerei hat mir geholfen, mein Schicksal hinter mir zu lassen.“

Alter Meister

Josef Habeler aus Wiesen wird am 25. Dezember 68 Jahre alt. Der Burgenländer ist seit einem schweren Unfall im Jahr 2000 querschnittgelähmt.

Mit der Mundmalerei begann der dreifache Großvater während eines Therapieaufenthalts in Klosterneuburg.

Naturlandschaften, in Form von Aquarellen oder Ölbildern, zählen heute zu seinen Lieblingsmotiven.

Webseite: www.vdmfk.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)

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