Der Schneider der Festspielstars: Maßkleidung für jedermann

Schneider Sven Jungclaus schneiderte für die Festspiele, nun eröffnet er ein Geschäft, in dem er Maßkleidung auch für Nicht-Künstler anfertigt.

Symbolbild Kostüme
Symbolbild Kostüme
Symbolbild Kostüme – (c) APA/FRANZ NEUMAYR (FRANZ NEUMAYR)

Kreativer Neuzugang im Salzburger Andräviertel: In der Wolf-Dietrich-Straße hat dieser Tage Sven Jungclaus seine Gewandmanufaktur aufgesperrt. Der Maßschneider, der bisher bei den Festspielstars Maß genommen hat und erster Herrengewandmeister des Sommerfestivals gewesen ist, hat sich selbstständig gemacht und arbeitet nun für jedermann: Anzüge, Mäntel, Jacken, Kostüme oder Kleider, Hauptsache nach Maß und in Handarbeit. Dass er für seinen Handwerksbetrieb ausgerechnet das Andräviertel als Standort gewählt hat, ist kein Zufall. Die Innenstadt rechts der Salzach hat sich in den vergangenen Jahren nach und nach als Zentrum der Salzburger Kreativszene etabliert.

Es ist ein für Salzburger Verhältnisse urbanes Viertel, in dem sich Architekten, Grafiker, Werbeagenturen, Verlage, Schmuckdesigner, Künstler und Handwerker angesiedelt haben und vielfach kleine Netzwerke bilden. Eine abwechslungsreiche Lokalszene und eine Geschäftsinfrastruktur, die auf Bewohner und nicht auf Touristen ausgerichtet ist, drücken dem Grätzel ihren Stempel auf. Das kreative Netzwerk hat auch Jungclaus gleich genützt. Für die Einladungskarten zur Eröffnung engagierte er den Grafiker zwei Straßen weiter, für die Gestaltung des Ladens eine Ausstatterin und Dekorateurin ums Eck.

Zur Schneiderei ist Jungclaus eher durch Zufall gekommen. „Ursprünglich wollte ich Tontechniker werden“, erzählt der gebürtige Deutsche, der zum Wahlsalzburger geworden ist. Doch nach der Ausbildung an der Fachoberschule für Elektrotechnik wusste er, dass Tontechnik eher doch nicht das Seine war. Einen Monat lang hat er damals nachgedacht, dann stand für ihn fest: „Ich will Schneider werden.“ Und, so erzählt er weiter: „Ich habe es nie bereut.“ Jungclaus absolvierte eine klassische Schneiderlehre in Düsseldorf. Doch das Nähen von Sakkos und Kostümen war ihm auf Dauer zu langweilig. Der junge Handwerker mit starkem Interesse an historischen Kostümen bewarb sich bei diversen Musicalproduktionen und tauchte ganz in die Welt des schönen Scheins und der glamourösen Kostüme ein. Hinter den Kulissen hat er das genäht, was die Stars auf der Bühne anhaben. Noch heute schwärmt er von den aufwendigen und schwierig zu gestaltenden Solokostümen für „Die Schöne und das Biest“.

Die Arbeit für die Bühne ließ ihn nicht mehr los. Er sammelte Erfahrung, unter anderem als Herrengewandmeister bei der Bayerischen Staatsoper, bei der Royal Shakespeare Company in England und bei der Deutschen Oper am Rhein, ehe er aus Zufall in Salzburg bei den Festspielen landete. Der Herrengewandmeister hatte sich verletzt, und man suchte dringend Ersatz in der Kostümabteilung. Vier Jahre lang war er erster Herrengewandmeister der Salzburger Festspiele, übersetzte ausgefallene Ideen und Entwürfe der Kostümbildner in Stoff.


Die Arbeit mit den Maßen der großen Stars aus Theater und Oper gehörte für Jungclaus zum Alltag. Und das Nähen, das liebt er. „Es hat etwas Meditatives. Die viele Handarbeit entspannt“, sagt Jungclaus, „ich kann meinen Gedanken nachhängen.“ Mit der Selbstständigkeit erfüllt er sich nun einen Lebenstraum. Das Nähen mit Nadel, Faden und Fingerhut will der Schneider in Kursen vermitteln. Und damit diejenigen, die sich etwas selbst schneidern, nicht auf Schnitte aus Burda und Co. angewiesen sind, sondern ihre Ideen selbst auf Papier bringen können, bietet Jungclaus nun auch eigene Schnittkurse für Hobbyschneider an. Auf seiner seit eineinhalb Jahren bestehenden Internetseite www.die-gewand-sammlung.de findet man Grundschnitte, Tipps zum Maßnehmen und Schnittanleitungen. Immerhin 200 bis 300 Zugriffe verzeichnet die Seite pro Tag. Als er noch sein Handwerk gelernt habe, seien Schnitte um einiges schwieriger zu bekommen gewesen als heute. Die alten Schneider hätten ihre Bücher gehortet, es gab kaum Werke, in denen man nachsehen konnte, erzählt Jungclaus. Das wollte er mit seiner Internetplattform ändern.

In seiner neuen Gewandmanufaktur im Andräviertel will Jungclaus sowohl für Damen als auch für Herren schneidern – Klassisches ebenso wie ganz Modernes. Hauptsache, es ist viel Handarbeit. Allerdings – den Kostümen will er weiterhin treu bleiben. Erst unlängst hat er für eine Produktion an der New Yorker Metropolitan Opera einen Anzug für Placido Domingo genäht. Wenn es um große Größen geht, ruft die Met beim Schneider in Salzburg an.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.gewandmanufaktur.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2013)

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