Walaa Hussein: Kickende Grenzgängerin

Die arabische Israelin Walaa Hussein spielt in der palästinensischen Nationalmannschaft und in der israelischen Liga. Für die 24-Jährige ist es das Normalste der Welt.

Walaa Hussein Kickende Grenzgaengerin
Walaa Hussein Kickende Grenzgaengerin
Symbolbild – (c) EPA (Ufficio Stampa)

Ein Stein zum Beispiel. Für Walaa Hussein ist ein Stein einfach ein Stein, nicht mehr und nicht weniger. Oder ein Ball ein Ball. Und ein Mensch ein Mensch. Die 24-Jährige beharrt darauf. Allein das macht schon deutlich, dass es vielleicht nicht immer so ist. Dass ein Ball auch immer ein bisschen mehr ist als ein Ball und ein Mensch mehr als ein Mensch. Überall auf der Welt, aber wohl besonders dort, wo Walaa lebt. Sie wurde 1989 als muslimische Araberin in der israelischen Küstenstadt Akko geboren. Heute lebt die junge Profifußballerin im Westjordanland und spielt in der palästinensischen Nationalmannschaft – und in der israelischen Liga. „Ich bin Palästinenserin und Israelin. Aber zuallererst bin ich ein Mensch“, sagt sie, als wäre es das Normalste auf der Welt. Genau dieser Satz hat die deutsche Journalistin Noemi Schneider dazu veranlasst, ein Buch über die junge Frau zu schreiben. In „Kick it, Walaa! Das Mädchen, das über Grenzen geht“ (Knaur Verlag) porträtiert Schneider nicht nur die junge Ausnahmesportlerin, sondern auch die Art und Weise, wie sie und ihr Umfeld mit dem Nahostkonflikt leben – und welche Überraschungen sie dabei erlebten.


Fußball statt Rollenbilder. Walaa hat, wenn man so will, einen Startvorteil, den wohl nicht jedes arabisch-israelische Mädchen hat: einen Vater, der sie nicht nur bedingungslos liebt, sondern auch ihr fußballerisches Talent von Anfang an über alles stellte – auch über gesellschaftliche Rollenbilder. „Er hat einmal zu mir gesagt, er ist ihr hoffnungslos verfallen. Er liebt alle seine fünf Kinder, aber Walaa ist für ihn wie die Luft zum atmen. Wenn es ihr gut geht, geht es ihm auch gut“, sagt Schneider. Begonnen hat diese innige Beziehung schon bei Walaas Geburt, bei der ihr Vater, der Zimmermann Rassan Hussein, dabei war. Es war damals nicht nur die einzige Geburt der fünf Kinder, die er miterlebte, sondern auch höchst ungewöhnlich für einen arabischen Mann.

Während die Mutter ihre erste Tochter lieber mit Puppen gesehen hätte, las ihr der Vater jeden Wunsch von den Augen ab: Und das war eben ein Fußball. Der ältere Bruder war da wesentlich weniger tolerant – von ihren sportlichen Ambitionen wollte er nichts wissen. Lediglich ein einziges ihrer Spiel hat er besucht.


Leben mit dem Widerspruch. Walaa wusste von Anfang an, was sie wollte – frei sein und Fußball spielen. „Es hängt mit ihrer Familie zusammen, dass sie so stark geworden ist. Walaa ist in einem vorurteilsfreien Raum aufgewachsen, mit einer tiefen Menschlichkeit und ohne Feindbilder“, sagt Schneider. Das – und ihr Freiheitsdrang – führten wohl dazu, dass sie sich vom Nahostkonflikt und von dem ständigen Positionbeziehen weder beeinträchtigen noch aufhalten lassen wollte. „Ich bin als Araberin in Israel auf die Welt gekommen, was soll ich tun, ich bin eben so und habe niemals eine Entscheidung getroffen, die wurde getroffen“, sagt die junge Frau, die sich gerne vor einem Spiel die Haare blond färbt. Die Entscheidung, in der palästinensischen Nationalmannschaft und in der israelischen Liga zu spielen, begründet sie sportlich. Die Komplikationen, die sich dadurch ergeben – stundenlange Odysseen durch das Land oder lange Aufenthalte an den Check Points – nimmt sie in Kauf. „Für sie ist es kein Widerspruch, diesen Grundkonflikt, das Arabische und das Israelische zu vereinen. Es ist ihre Ausgangslage“, sagt Schneider, die sie monatelang begleitet hat. Dass sie dafür ausgerechnet Fußball gewählt hat, liegt wohl nicht nur an ihrem sportlichen Talent. Immerhin ist ein Fußballrasen eigentlich ein neutraler Ort. Eigentlich, aber natürlich ist Sport auch immer etwas, womit sich ein Land repräsentiert – auch oder gerade eines, das von manch anderen Ländern nicht anerkannt wird. Als Grenzgängerin im wahrsten Sinne des Wortes hat sie das öfter am eigenen Leib gespürt – etwa wenn sich eine ägyptische Spielerin in Dubai weigerte, mit ihr zu sprechen, weil sie Israelin ist oder ein israelischer Grenzsoldat sie schikanierte, weil sie Araberin ist.

Walaa hat den für sie einzig richtigen Weg gewählt, indem sie darüber nicht lange nachdenkt, sondern einfach lebt. „Sie hat durch ihre Selbstverständlichkeit etwas sehr Entwaffnendes, für sie ist dieser Widerspruch normal“, sagt Schneider. Während andere etwa bei der Grenzkontrolle nervös werden und lieber die arabische Musik im Autoradio abdrehen, lässt Walaa sie laufen und plaudert mit den Soldaten auf Hebräisch – oder spielt an guten Tagen mit ihnen Fußball.

Politisch will sie dabei so wenig wie möglich sein – auf die Frage, ob Sport zur Völkerverständigung beitragen kann, antwortet sie mit einem klaren Nein. Vielleicht ist sie es aber gerade deshalb umso mehr. Denn all diese Widersprüche und Problematiken hinzunehmen und in den Alltag zu integrieren, ist auch eine Art, damit umzugehen. „Ich lass mir mein Leben wegen dem Konflikt nicht zu einem Konflikt machen“, sagt sie und kämpft einstweilen mit einem neuen Konflikt. Im Herbst nämlich hat sie ihr Psychotherapie-Studium abgeschlossen. Auch wenn der Vater nach wie vor hinter ihr steht, die Mutter, die Nachbarn, die arabische Gesellschaft an sich erwarten von ihr, dass sie heiratet. „Und eine verheiratete Frau kann zwar arbeiten gehen, aber nicht Fußball spielen, das wird dort nicht akzeptiert“, sagt Schneider. Walaa hingegen akzeptiert solche Vorschriften nicht.

Das BUch

„Kick it, Walaa! Das Mädchen, das über Grenzen geht.“
Noemi Schneider
Knaur Verlag,
282 Seiten

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2013)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Walaa Hussein: Kickende Grenzgängerin

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.