Markus Gabriel: Der Junior mit der großen These

Markus Gabriel ist der jüngste deutsche Philosophieprofessor und er sagt: "Die Welt gibt es nicht." Nicht nur deshalb avanciert der Begründer des neuen Realismus gerade zum Darling der Philosophie. Ein Gespräch.

Markus Gabriel Junior grossen
Markus Gabriel Junior grossen
Markus Gabriel Junior grossen – (c) Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)

Das wievielte Interview er in diesem Sommer gibt? Das weiß Markus Gabriel beim besten Willen nicht mehr. „Es müssen deutlich über 30 sein.“ So schnell kann das gehen. Da schreibt man ein Buch, taucht in der einen oder anderen Talkshow auf, wird von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ als Kolumnist engagiert und davor hymnisch und ausgiebig vorgestellt – und schon will jeder ein Interview mit dem neuen Star am Populärphilosophiehimmel.

Die „Presse am Sonntag“ macht da keine Ausnahme – und will in erster Linie wissen, wie das funktioniert, so rasch zum Darling der Medien zu werden? Oder etwas frecher formuliert: so schnell zum Nachfolger von Richard David Precht zu avancieren. Obwohl der 33-jährige Markus Gabriel das weniger gern hört. Den um einige Jahre älteren Kollegen Precht nennt er zwar nicht beim Namen, dennoch kommt heraus, was er von Philosophen hält, die zwar schnell eine Meinung zu allem haben oder zum x-ten Mal zusammenfassen, „was tote weiße Männer einst geglaubt haben“, aber keine eigene Theorie im Rücken haben. „Es braucht eine Stimme, die aus der theoretischen Philosophie kommt, die sich ins Gespräch einbringt“, sagt Gabriel. Auffallend, dass es in der Philosophie immer junge, attraktive Männer sind, die zu Wort und Ruhm kommen. Ja, den Mangel an Philosophinnen bedauert er – aber er weiß sehr wohl, dass seine rasch steigende Popularität auch damit zu tun hat, dass er weiß, wie er sich und seine Theorien hübsch und verständlich zu präsentieren hat.


Wie oft gibt es den Vesuv?
Hübsch verpackt ist vor wenigen Wochen sein erstes populärwissenschaftliches Buch erschienen und klettert gerade zielstrebig auf die obersten Plätze der Sachbuchbestsellerlisten. Das Werk ist bemerkenswert, denn Gabriel behauptet darin nicht weniger, als dass es die Welt nicht gibt. „Es gibt unseren Planeten, Toilettenspülungen, Haarausfall, Elementarteilchen“ – kurzum: „Es gibt alles, bis auf eines: die Welt.“ Und das kommt so: Weil die Welt als Beschreibung des Ganzen dient und nicht aus sich selbst hinaustreten kann oder sich von anderen Gegenständen abheben kann, existiert sie nicht. Die große These hat auch lokale Anwendungen, etwa den Begriff Natur: Es gibt Bäume, Tiere, Blumen – aber die Natur an sich hebt sich nicht von anderen Gegenständen ab und existiert daher eigentlich nicht.

Gabriel geht noch weiter, er gibt seiner Theorie einen Namen. Mit einem italienischen Philosophiekollegen habe er an einem Junitag im Jahr 2011 das Zeitalter des neuen Realismus ausgerufen, schreibt er auf den ersten Seiten seines Buches. Wie man sich den neuen Realismus vorzustellen hat, beschreibt er mit einem einfachen Beispiel: Man stelle sich den Vesuv vor, eine Dame namens Astrid, die den Vesuv von Sorrent aus sieht, und die Leser und den Autor, die den Vesuv von Neapel aus betrachten.

In der Metaphysik gibt es in diesem Szenario einen Gegenstand, den Vesuv (und es geht ihn nichts an, wer sich für ihn interessiert). Im Konstruktivismus gibt es drei Gegenstände: den Vesuv für Astrid, den Vesuv für die Leser und den Vesuv für den Autor. Dem neuen Realismus zufolge aber gibt es vier Gegenstände: den Vesuv, den Vesuv für Astrid, den Vesuv für die Leser und den Vesuv für den Autor. Im neuen Realismus wird also angenommen, dass Gedanken über Tatsachen mit demselben Recht existieren, wie die Tatsachen selbst.


Kann man nichts wissen? Gabriel hat sich in seinen Studien- und Habil-Jahren intensiv mit dem Skeptizismus befasst – und der brachte ihn auch auf seine Theorie des neuen Realismus: „Ich war lange der Überzeugung, dass es prinzipielle Erkenntnisgrenzen gibt. Der Skeptizismus sagt ja, dass man nichts wirklich wissen kann. Inzwischen glaube ich aber, wenn man lange genug darüber nachdenkt, ob man wirklich nichts wissen kann, dann erkennt man, was man wirklich weiß.“ In diesem Sinne sei der neue Realismus gewissermaßen „auch das Resultat des Infragestellens des dauernden Infragestellens“.

Um sich am Allerweltsbegriff „die Welt“ abzuarbeiten und die Konsequenzen seines neuen Realismus zu veranschaulichen, bedient sich Gabriel (Lieblingsphilosoph: Friedrich Schelling) einiger Rilke-Gedichte, David-Lynch-Filme oder der „Muppet-Show“ – überhaupt sehr häufig der Kunst und Medien, gerne auch Serien, die er leidenschaftlich gerne sieht (Lieblingsserie: „Arrested Development“ und „Curb your Enthusiasm“). Sein neuer Realismus lässt sich also auch mit den „Sopranos“ erklären: „Die Serie zeigt uns, wie ein Staat aussehen würde, in dem der Kapitalismus Mafiastrukturen hat.“ Während der Metaphysiker oder der Konstruktivist immer noch eine These dahinter vermuten, sagt der neue Realist nur: Ja, so würde das aussehen – weder gut noch schlecht. „Er nimmt die Serienwelt als Beschreibung einer möglichen Welt hin“, sagt Gabriel.

Womit wir ein kleines Problem haben: Jetzt hat der Philosoph das Allerweltswörtchen „Welt“ selbst gebraucht. Für irgendetwas muss sie also doch gut sein, diese Welt, die nicht existiert.

Steckbrief

6. April 1980
wird Markus Gabriel in Remagen, Deutschland, geboren.
Studium u.a. der Philosophie und Klassischen Philologie in Hagen, Bonn und Heidelberg. Promotion 2005 über die Spätphilosophie Schellings. 2008 Habilitation über Skeptizismus und Idealismus in der Antike.

Seit 2009
lehrt er an der Universität Bonn und war damit der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands. Er nennt die Frage „Was soll das überhaupt“ als Triebfeder für sein Interesse an Philosophie.

Im Juni erschien sein Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ (Ullstein)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2013)

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