Till Firit: Rasanter Trip ins Vogelreich

Wie es Federvieh geht, wenn irdische Hallodris sich zum Besuch anmelden, weiß Till Firit spätestens seit seiner Auseinandersetzung mit Aristophanes.

Beschwingt. Der Leipziger Firit konnte bereits beim Wiener Publikum punkten.
Beschwingt. Der Leipziger Firit konnte bereits beim Wiener Publikum punkten.
Beschwingt. Der Leipziger Firit konnte bereits beim Wiener Publikum punkten. – (c) Christine Ebenthal

Wenn man das Stück zum ersten Mal durchliest, kapiert man es nicht“, meint Till Firit, auf die Komplexität von „Die Vögel“ des Aristophanes angesprochen. „Soll ich Ihnen erzählen, worum es geht?“, fragt er schelmisch. Ja, bitte. „Zwei Hallodris sind aus Athen geflohen, der eine vor seinen Gläubigern. Die beiden haben Probleme mit der politischen Situation, mit der Zuwanderung. Im Reich der Vögel, so hoffen sie, lässt es sich leicht und luftig leben. Sie denken, sie müssen nicht arbeiten, kriegen zu essen. Doch es stellt sich heraus, die Vögel wollen die Menschen nicht haben, weil die braten ja die Vögel und essen sie. Mit einem Trick schaffen es die beiden sich Liebkind bei den Vögeln zu machen.“ Sie behaupten, dass die eigentlichen Götter die Vögel seien, die von den Göttern ihrer Stellung enthoben wurden. Pisthetairos, gespielt von Günter Franzmeier, und Till Firit als Euelpides machen den Vögeln weis, dass sie mit ihrer Hilfe ihre Macht zurückgewinnen können. „Die Vögel sollen eine befestigte Stadt bauen. Wenn die Menschen den Göttern ihre Brandopfer darbringen, sollen die Vögel den Opferduft abfangen und die Götter aushungern. Wenn die Götter unter Druck sind, müssen sie die Insignien ihrer Herrschaft abgeben und den Vögeln Zoll zahlen . . .“

Aktuelle Polit-Satire. Aristophanes (444 bis 380 v. Chr., das Geburtsjahr ist nicht ganz sicher) schrieb mit den „Vögeln“ eine Polit-Satire, die Politik kannte er als führendes Mitglied der Athener Stadtregierung gut. Er gilt als ein wichtiger Vertreter des griechischen Theaters – und persiflierte auch gern Werke seiner Kollegen wie Euripides oder machte sich lustig über den Philosophen Sokrates und die Sophisten. Von Aristophanes sind elf Stücke vollständig erhalten, darunter „Lysistrata“, 2011 mit Mercedes Echerer bei den Perchtoldsdorfer Sommerspielen zu sehen. Am Burgtheater waren „Die Vögel“ zuletzt in den 1980er-Jahren in einer opulenten Aufführung (Bühne, Kostüme: Luciano Damiani) zu erleben.

Fünf Akte fasst das Original, die Volkstheater-Version in der Regie von Thomas Schulte-Michels, der zuletzt „Die letzten Tage der Menschheit“ am Haus herausbrachte, wird höchstens eineinhalb Stunden dauern, erzählt Firit. Der gebürtige Straßburger Schulte-Michels ist bekannt für seine rasanten Inszenierungen. In Gogols „Revisor“ jagte er das Ensemble über eine Treppe. „Ja, es ist schon strapaziös gewesen. Wir sind da rauf und runter gefetzt. Aber das irrsinnige Tempo hat seinen eigenen Reiz und Witz.“ Schulte-Michels hat das Stück auch aktualisiert. Firit: „Die Vögel werden durch die Tricks der zwei Menschen, die sich einschleimen und immer diktatorischer werden, radikalisiert. Die Vögel kannibalisieren sich gegenseitig, und am Schluss sind sie eine aufgehetzte, aufgebrachte Gesellschaft.“ Ob Firit nach dem Intendanten-Wechsel von Michael Schottenberg zu Anna Badora ab 2015 am Volkstheater bleiben wird, weiß er noch nicht: „Ich bin ja seit fünf Jahren nicht mehr im Ensemble, sondern nur mehr Gast.“ Der gebürtige Leipziger, Jahrgang 1977, der in Stuttgart aufgewachsen ist, hat viel am Volkstheater gespielt, seit 2007 fast ein Dutzend Rollen, darunter in Shakespeares „Macbeth“, in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ oder in Brechts „Puntila und sein Knecht Matti“. Besonderen Erfolg hatte Firit in Komödien wie „Außer Kontrolle“ von Ray Cooney, „Purple Rose of Kairo“, Woody Allens bezaubernder Tragi­komödie über Sein und Schein der Kinowelt, oder in „Mein Freund Harvey“ von Mary Chase (bekannt durch den Film mit James Stewart). Über sich selbst mag Firit nicht so viel verraten, als Kind war er im Internat, er absolvierte ein humanistisches Gymnasium.

Lebensmittelpunkt Wien.
Nach der Schauspielausbildung in Stuttgart war er drei Jahre lang am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert. In Wien fühlt er sich heimisch: „Es ist mein Lebensmittelpunkt“, sagt er. Seine Freundin spielt im Theater in der Josefstadt. Mit einem Freund hat Firit in Edlach bei Reichenau ein Sommerhaus gemietet, bei den Festspielen Reichenau würde er gerne einmal auftreten: „Ich schau mir fast alles an.“ Vielleicht werde er aber künftig auch wieder mehr drehen, meint er. Zuletzt war er etwa in „Schnell ermittelt“ oder „Wir sind Kaiser“ zu sehen. Außerdem spielt Firit in der witzig lautmalerischen Band „Digitale Immigranten“ Schlagzeug und Percussion, die „Immigranten“ werden im September und im November auch wieder im Volkstheater auftreten. Firits liebstes Hobby ist freilich der Hörbuchverlag Mono, den er 2008 mit seinem Bruder Ben und Freunden gegründet hat. Was ist der Reiz von Hörbüchern? Hat die Blüte der Branche damit zu tun, dass junge Leute weniger lesen? Firit: „Der Vorteil eines Hörbuchs ist, dass man es unterwegs im Auto oder in der Bahn hören kann. Exaltierte Lesungen sind schwieriger aufzunehmen, aber Krimis sind sehr beliebt. Es ist Geschmackssache, manche Leute wollen lieber Langfassungen, manche Kurzfassungen von Romanen.“ Das Verlagsprogramm ist bewusst vielseitig gehalten: Katharina Stemberger und Stefan Sterzinger lesen Grimms Märchen, Peter Vilnai hat zum heurigen Weltkriegsgedenken Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ aufgenommen, es gibt mehrere Horváth-Hörbücher, darunter „Der ewige Spießer“, „Jugend ohne Gott“, Dostojewskis „Der Spieler“ oder Joseph Roths „Hiob“. Oft ist Firit nicht nur Produzent, sondern auch Sprecher. Zu den heurigen Mono-Neuerscheinungen gehört auch „Schöne Aussicht Nummer 16“ von Michael Dangl, ein Text über zwei Individualisten, die sich auf einer Parkbank kennenlernen, den Dangl mit Ulrike Beimpold liest. „Ein Traum wäre einmal ein Buch von Peter Handke aufzunehmen oder eine Handke-Edition“, seufzt Firit: „Aber das ist kompliziert.“

Tipp

„Die Vögel“ von Aristophanes. Thomas Schulte-Michels inszeniert das Stück im Volkstheater mit Till Firit, Günter Franzmeier, Annette Isabella Holzmann, Patrick O. Beck, Erwin Ebenbauer und anderen. Die Premiere ist am 14. September. Von 10 bis 14 Uhr gibt es am Tag der Premiere auch einen Tag der offenen Tür zum 125. Geburtstag des Hauses, das eine Spendenaktion für seine Renovierung gestartet hat. Siehe auch www.volkstheater.at

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