Einladung zur Stadterkundung: Wie sicher ist mehr Sicherheit?

Elke Rauth und Christoph Laimer laden zum Urbanize-Festival und erklären, wie Sicherheitsmaßnahmen einer Stadt gefährlich werden können.

(C) Urbanize festival

Treffpunkt ist der Karlsplatz, und das passt. Nicht nur, weil die Festivalzentrale des Urbanize-Festivals heuer hier, im mobilen Stadtlabor-Container der TU Wien, stationiert ist, sondern auch, weil das Thema heuer Sicherheit ist. Wer heute über den Platz mit seinen Cafés, Blumen und Gemüsebeeten flaniert, fühlt sich hier wahrscheinlich sicherer als vor ein paar Jahren, als hier noch die Drogenszene ihre Geschäfte abgewickelt hat.

eDass es damals wirklich gefährlicher war als heute, glaubt Christoph Laimer nicht. „Ich habe versucht zu recherchieren, ob hier jemals jemandem etwas passiert ist. Aber ich habe nichts gefunden. Dass man angebettelt wird, war auch damals so ziemlich das Ärgste, das einem passieren konnte.“ Die Umgestaltung des Orts zum „Kunstplatz Karlsplatz“ hat dessen Image aufpoliert, die Drogenszene ist freilich immer noch in der Stadt. Nur eben anderswo.

Mit dem Thema Sicherheit haben Christoph Laimer und Elke Rauth ein Aufregerthema als Motto gewählt, das sie beschäftigt, seit Laimer vor fast 15Jahren begonnen hat, die Stadtforschungszeitschrift „Dérive“ herauszugeben. Die Fragen, die sie sich nun stellen, klingen provokant: „Wie viel Sicherheit verträgt die Stadt?“ Und: „Was stellt Sicherheit her?“ „Die These“, sagt Festivalleiterin Elke Rauth, „die wir in den Raum stellen, ist, dass Sicherheit eher aus sozialen Zusammenhängen entsteht als durch ständiges Hochschrauben von Überwachung und Kontrolle.“

 

Überraschend erfolgreich

Gestützt wird die These der beiden etwa durch die Forschung der deutschen Soziologin Renate Ruhne, die sich mit der Frage des Sicherheitsgefühls beschäftigt hat. Sich sicher zu fühlen bedeute nicht nur, vor Gefahr geschützt zu sein, sondern auch das Gefühl, ohne Sorgen leben zu können, Gewissheit zu haben, dass man in einer Gesellschaft seinen Platz findet und sich auf das Funktionieren des Alltags verlassen kann. Kameras an jeder Ecke sorgen demnach nicht unbedingt für mehr Sicherheit – und auch nicht für mehr des sogenannten Sicherheitsgefühls: „Wenn man überall Kameras sieht, glaubt man irgendwann, dass es einen Grund haben muss, warum sie da sind.“

Es ist das fünfte Mal, dass Laimer und Rauth zum „internationalen Festival für urbane Erkundungen“ laden. Entstanden ist es zum Zehn-Jahres-Jubiläum der Zeitschrift; aufgrund überraschend großen Erfolgs findet es seither jährlich statt. „Durch den Festivalcharakter erreichen wir deutlich mehr – und andere – Leute, als wenn wir die einzelnen Veranstaltungen über das Jahr verteilen würden“, so Laimer.

Möglichst viele unterschiedliche Menschen – Wissenschaftler, Planer, Künstler, interessierte Bürger – will Laimer auch mit seiner Zeitschrift ansprechen. Genau genommen wurde sie deshalb gegründet. Zuvor hatte der Politikwissenschaftler etwa über Asylpolitik geschrieben – „für ein Publikum, das eh gleich viel oder mehr wusste als ich“. Mit dem Verein für Stadtforschung versteht man sich nun als „Brückenbauer zwischen den Disziplinen“, so Rauth.

Angeboten werden an den zehn Festivaltagen etwa Filme wie „Low Definition Control“ von Michael Palm, der sich mit Überwachung auseinandersetzt, oder die Doku „Mietrebellen“. In den Vorträgen geht es etwa um Wohn- und Nachbarschaftsprojekte, unter dem Titel „Stadtpraxis“ kann man etwa eine „Real Crimes“-Tour machen oder sich mit Bettlern an einen Tisch setzen und sie zur Bettelmafia befragen. Stadtexpeditionen führen zu Tauschbörsen, einem offenen Techniklabor für Frauen oder zu einem privaten Schulprojekt, bei dem junge Asylwerber unterrichtet werden. Auch Rauth und Laimer selbst sind übrigens nachbarschaftlich aktiv – in einer Foodcoop, einer Kooperative, die Lebensmittel regional einkauft.

Just die Sicherheitsmaßnahmen, glauben die beiden, könnten dem vielfältigen städtischen Leben gefährlich werden. „Stadt bedeutet, dass unterschiedliche Lebensstile stattfinden“, sagt Rauth. Wenn man Sicherheitsmaßnahmen, die definieren, was „normal“ ist, immer weiter hinaufschraube, „schafft man das urbane Leben ab. Dann schafft man homogene Räume, die extrem langweilig sind – und keine Stadt.“

AUF EINEN BLICK

„Safe City“ist der Titel des 5. Urbanize-Festivals, das von Christoph Laimer und Elke Rauth (Dérive – Verein für Stadtforschung) kuratiert wird. Vorträge, Workshops, Filme und Stadterkundungen gehen der Frage nach, was Sicherheit bedeutet und wie sie erzeugt werden kann. Eröffnet wird das Festival am Freitag um 19 Uhr mit dem „Wiener Beschwerdechor“ und „The Urbanizer“. Am 12. Oktober lädt man zur Open Stage, bei der eigene Projekte präsentiert werden können (Anmeldung bis 10. 10.). 3. bis 12. Oktober, Programm: www.urbanize.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2014)

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