Totzlers Fest für Singer-Songwriter

Unermüdlich propagiert Klaus Totzler Jugendkultur. Seit zehn Jahren auch als Kurator des famosen Blue-Bird-Festivals.

(c) APA/EPA/Steve Pope

Es scheint fast, als wäre seine Halsmuskulatur auf der Seite, wo er seine Umhängetasche für gewöhnlich platziert, stärker entwickelt. Das ist erstaunlich, denn eigentlich müsste er in seinem Beruf nichts schleppen. Klaus Totzler ist Musikjournalist beim ORF, auffällig geworden durch über 1000 Interviews mit Popmusikern jeder Couleur. Aber er ist vor allem auch ein Getriebener, einer, der von Künstlern, die er schätzt, nicht nur ein Autogramm mitnimmt. Totzler hat meist ein Dutzend Albumcovers mit, die der jeweilige Künstler dann mit seinem Namenszug zukritzeln muss.

Warum nicht auch ein Autograf genügt? Solch kleinmütige Fragen versteht Totzler nicht, der wohl der Inbegriff des Berufsjugendlichen ist. Meist angetan mit einem Kapuzensweater, präferiert der 62-Jährige mit dem dezent gefärbten Haupthaar so etwas wie das arithmetische Mittel zwischen Gammler- und Emo-Look. Mit anderen Worten, der Mann ist eingezwängt in mehrere, Jahrzehnte auseinanderliegende Jugendkulturen. Und das Erstaunliche daran? Es macht ihm gar nichts aus. Er ist sogar noch stolz darauf. Unverblümt sagt er: „Ich glaube, ich bin hängen geblieben. Die Sehnsucht nach neuem Terrain treibt mich um. Deshalb präferiere ich die Gesellschaft junger Leute, weil die ähnlich drauf sind.“

Sieht er sich selbst als Berufsjugendlichen? „Es macht mir nichts aus, so genannt zu werden, auch wenn oft ein süffisanter Unterton mitschwingt. Gute Popmusik ist größtenteils gleichbedeutend mit Jugendkultur. Da kommt eines zum anderen.“ Was Totzler vom Pop-Revivalisten und Konterrevolutionär unterscheidet: „Ich bin ständig auf der Suche nach neuen, nach anderen Gefühlen, als meine Jugendmusik in mir ausgelöst hat.“

Die Verführung zur Popmusik

Aufgewachsen als Sohn des Orchestermusikers und Komponisten Gustav Totzler war Musik immer ein Thema. Allein, dem Filius war die Klassik viel zu tot. „Mir war von Anfang an wichtig, dass Musik etwas über die Welt aussagt, in der ich lebe. Egal, ob wild, laut oder sanft – es musste dieser Bezug zur Gegenwart da sein.“ Es war Jänner 1967, als ihn das Radio zur Popmusik verführt. In der Hitparade war damals gerade „Penny Lane“ von den Beatles, „Sunny Afternoon“ von den Kinks und „Let's Spend The Night Together“ von den Rolling Stones. „Da war ich sofort dabei. Bald hab ich mir meine eigenen Charts geschrieben.“ In den nächsten Jahren hangelt er sich von Genre zu Genre. Er hörte Psychedelic Rock und Jazz, Glamrock und Experimentalmusik. Ab 1973 arbeitet er als Discjockey. In Lokalen mit ehrgeizigen Namen wie Sir Winston Club und St. Tropez, später sieben Jahre lang im Tiffany, dem „Proloäquivalent zum Atrium, wo die Studenten hingegangen sind“.

Den „ehrlichen“ Beruf, den hat er nie angestrebt. Stattdessen hat er sich bei Ö3 beworben, wurde aber eher uncharmant abgewiesen. Über eine Freundin kam er dann allerdings zur Fernsehjugendsendung „X-Large“. Und dort ließ er sich nicht mehr abschütteln. Dass er seine Leidenschaft zum Beruf machen konnte, hat ihn konserviert. Er lebt in einer Art Tir Na Nog, jenem mythischen Landstrich, in dem niemand älter wird. Die Menschen, mit denen er sich umgibt, sind oft mehr als die Hälfte jünger als er.

So auch das Team von Gleichgesinnten, mit dem er seit zehn Jahren das Blue-Bird-Festival organisiert, bei dem Randständiges zelebriert wird. Begonnen hat alles mit einer gemeinsamen Vorliebe für das zarte Liedgut des früh verstorbenen Nick Drake. „Fruit Tree“, ein Benefizabend für Kriegswaisen, lief 1995 derart gut, dass das Kollektiv beschloss, ein regelmäßiges Festival zu machen. Zugute kam ihm, dass die Menschen in den vergangenen Jahren wieder sehr viel mehr in Konzerte gehen. „Leider hängen neuerdings auch Uninteressierte bei Konzerten ab“, sagt Totzler, der sich deshalb aber nicht vom Kurs abbringen lässt. Auch nicht von defätistischen Sagern wie „Es gibt viel mehr gute Musik als Leute, die gute Musik interessiert.“ Totzlers Credo: „Wir wollen Musiker vorstellen, ohne belehrend zu wirken. Neugierde soll geweckt werden.“

ZUR PERSON

Klaus Totzler (62) ist Ressortleiter U-Musik in der Kulturabteilung des ORF. Zunächst als Tribut für den 1974 verstorbenen Folksänger Nick Drake plante er vor zehn Jahren mit Freunden einen Abend, aus dem dann das Blue-Bird-Festival wurde.

Das Festival: vom 20.11. bis 22.11. im Porgy& Bess (Riemergasse 11, 1010 Wien). Präsentiert werden heuer u.a. Granden wie Patrick Wolf, How to Dress Well, Dry the River, Schmied's Puls und John Bramwell, Mastermind von I Am Kloot.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)

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