Small Talk: Sieben Regeln für das „kleine Gespräch“

Der Small Talk gilt noch immer als unterschätzte Kulturtechnik unserer Zivilisation, die doch alle zu beherrschen glauben. Dabei weiß eben nicht jeder, wie es geht.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Nur bei Unwissenden hat der Small Talk auch heute noch einen miserablen Ruf. Denn jeder tut es ständig, obwohl nicht jeder es beherrscht: mit einem wenig bekannten Gegenüber ein ungezwungenes Gespräch führen. Erst wenn selbiges stockt, sehr traurig oder sehr langweilig wird, spürt man, dass die Konversation an der Oberfläche eine diffizile Kulturtechnik ist. Es gibt kaum kulturhistorische Abhandlungen zum Thema, dafür umso mehr Ratgeber. Von diesen soll man die Finger lassen, raten Experten auf diesem Gebiet. Small Talk ist keine Wissenschaft, sondern ein verbaler Tanz, den man üben kann. Mehr als ein paar Kniffe braucht es dazu eigentlich nicht. Hier verraten einige Small-Talk-Experten, was man beim „kleinen Gespräch“ beachten und was vermeiden sollte:

1. Höre zu! Sei interessiert!

Zuhören ist die wichtigste Zutat für ein gelingendes Gespräch. Auch wenn die meisten Menschen ein „vorgestanztes Repertoire an unverfänglichen Themen haben“, wie Zeichner und Autor Tex Rubinowitz sagt. Ein guter Smalltalker hört begeistert zu und „spricht wenig selbst. Schon aus Egoismus. Das Selbstgesagte ist immer alt, das Fremde immer neu“, sagt Autor Helmut A. Gansterer. Womit das leichter fällt? „Mit Empathie und echtem Interesse“, sagt Dorothea Schuster, Direktorin des Wiener Hotels Melia.

2. Langweile nicht, erzähle

Lotte Tobisch, langjährige Opernballorganisatorin, hält sich bekanntermaßen an den Rat ihrer Großmutter: „Reden, reden, Unsinn reden, und dann so rasch wie möglich weg.“ Immerhin ein Weg, um zu vermeiden, was Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler enerviert: „Manche Leute schweigen einen an und erwarten, dass man sie unterhält.“ Um sich einzubringen, empfehlen sich kleine Geschichten mit überraschenden Pointen, die zwar keine Relevanz haben, aber jeden betreffen. Der jüngste Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz sagt: „Irgendein abwegiges Thema, etwas Seltsames, ein Detail, nichts Elaboriertes, etwas, was kaum jemand weiß, z.B. dass das Gelenk eines Cocktailschirmchens aus lauter chinesischen Zeitungspapierschnipseln besteht.“ Man darf sein Gegenüber übrigens durchaus charmant verstören, auch Widerspruch auslösen ist erlaubt. Vorausgesetzt, man kann mit der Reaktion umgehen.

3. Wetter ja, aber richtig

Gern kommt das Gespräch ja auf Oscar Wilde. Weil er den gepflegten Chit-Chat in seinen Büchern so schön protokolliert hat, aber auch, weil er selbst zu Lebzeiten zum Gegenstand von Small Talk wurde. Doch Wilde hat nicht immer recht. „Gespräche über das Wetter sind das letzte Refugium der Einfallslosen“ – dem widersprechen heute viele. Autor und Journalist Helmut A. Gansterer sieht das Wetter gar als „Glücksthema für alle Gelegenheiten“. Es betrifft alle, und solange einem mehr als das Gejammere „zu heiß/zu kalt/zu feucht“ einfällt, ist es ein ergiebiges Einstiegsthema, das zu Konversationen führen kann. Das wissen auch Friseure und Taxifahrer. Nur der deutsche Journalist und Autor Alexander von Schönburg bleibt Wilde treu. Anders als Fußball, Helmut Schmidt und Hunde nahm er das Wetter gar nicht erst in seinen Mini-Kanon der Small-Talk-Themen auf. Und: „Steuern“, sagt er, „sind das Wetter der Besserverdiener.“ Reden sollte man lieber über Steuermoral.

4. Schäm dich nicht

Wer sich bemüht, hat verloren. Das heißt: Fettnäpfchen, in die man tappt, sollten einem nicht unangenehm sein, Unterwürfigkeit ist tunlichst zu vermeiden. Small Talk funktioniert nur, wenn man ihn leicht und unverkrampft anlegt. Alexander von Schönburg vergleicht es mit Vogelgezwitscher oder Katzenschnurren oder Impromptus von Schubert, und er sagt: „Die angenehmsten Leute sind jene, die mit sich im Reinen sind. Leute, die sich Mühe geben, gehen jedem auf die Nerven.“ Nur mit Überheblichkeit sollte man Selbstbewusstsein nicht verwechseln. Vor allem gegenüber Personal immer höflich bleiben.

5. Essen ist tabu

Für Essen gilt: Man genießt und schweigt. Ein harter Ratschlag für alle Gourmets, die vom letzten Besuch im Spitzenrestaurant erzählen wollen. Wenn man es doch tut, dann ohne Ernst und Akribie und –> siehe Punkt 2, nur, wenn man eine gute Geschichte parat hat.

6. Gesundheit ist auch tabu

Echte Tabus gibt es heute kaum mehr. Man kann über eigentlich alles reden, solange es kurzweilig bleibt. Schönburg rät allerdings, sich nicht nach dem Sternzeichen zu erkundigen, Frauen mit der Unhöflichkeit „Wann kommt den Ihr Baby“ zu überfallen oder mit der Frage einzusteigen: „Haben Sie Kokain?“

Nur beim Sex gehen die Meinungen auseinander. In England spricht man einfach not darüber, für Tex Rubinowitz ist nur sexueller Notstand tabu. Helmut A. Gansterer findet Sex-Witze als Auftakt eines Gesprächs „die Hölle“: „Weil sie Mitleid mit dem Erzählenden wecken.“ Was wirklich tabu sein sollte (aber leider zu selten ist), sind Krankheiten. „Sie sind die eigentliche Small-Talk-Seuche“, sagt Gansterer. „Als Psychosomatiker werde ich daran krank“. Nur konsequent also, dass man nicht über Geschlechtskrankheiten reden sollte. Rubinowitz: „Das ist wie Politik, Katastrophen, Geld: Alles Themen, die die Betriebstemperatur eines Raumes automatisch um fünf Grad senken. Zudem sollte man Small Talk nicht mit Psychotherapie verwechseln.“

7. Frag nicht nach den Kindern

Ein ungeschriebenes Gesetz (im deutschen Sprachraum) besagt, man befrage sein Gegenüber nie nach privaten Verhältnissen. „Es kann höchst kränkend sein, wenn man sich nach Kindern erkundigt, und das Gegenüber wollte welche, konnte aber keine bekommen“, sagt Helga Rabl-Stadler. „Man fragt auch nicht, ob jemand verheiratet ist.“ Man schimpft auch nicht über die eigenen Verwandten. Apropos Familie: Für Schönburg ist sie der einzige Ort, an dem Small Talk nicht weiterhilft: „In der Familie kennt jeder deinen Bullshit, da kann man niemanden blenden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2015)

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