Portisch: "Europa ist für sie nur eine Melkkuh"

Vor wenigen Tagen hat Hugo Portisch seine Autobiografie vorgelegt. Im Gespräch mit der "Presse am Sonntag" spricht er über Flüchtlingsströme, Parteienproporz und seine Sorge um das vereinte Europa.

Warum wurde Hugo Portisch Journalist? „Notgedrungen. Ich musste mein Studium selbst verdienen.“
Warum wurde Hugo Portisch Journalist? „Notgedrungen. Ich musste mein Studium selbst verdienen.“
Warum wurde Hugo Portisch Journalist? „Notgedrungen. Ich musste mein Studium selbst verdienen.“ – Die Presse

Wir ergründen in dieser Nationalfeiertags-Ausgabe der „Presse am Sonntag“, ob es ein neues Österreich gibt. Haben die Österreicher ein anderes Bewusstsein als früher?

Hugo Portisch: Ja, ich glaube schon. Die Österreicher sind weltoffener geworden – bei aller Meckerei gegenüber der EU. Sie sind moderner, internationaler geworden. Die EU und das Dasein innerhalb einer solidarischen Völkergemeinschaft hat ihren Blick auf die Welt und auf sich selbst verändert.

 

Sie spüren eine positive Veränderung?

Ja. Nehmen wir die Fremdenfeindlichkeit, die in der EU wild um sich schlägt und zu Exzessen führt. In Österreich ist sie zwar auch in einem gewissen Sinne da, aber es überwiegt das Verständnis für die Flüchtlinge. Solche Erscheinungen wie die Pegida sehe ich hier nicht.

 

Bei uns überholt die FPÖ bald die ÖVP.

Das ist leider wahr und liegt auch am Populismus, mit dem die FPÖ für sich Stimmen fängt. Auch sie nützt die Abneigung gegen Flüchtlinge, aber es ist keine echte Feindlichkeit da, finde ich – im Unterschied zu Deutschland.

 

Warum ist die Abneigung gegen Fremde in Österreich weniger ausgeprägt?

Ich weiß es nicht. Aber ich halte die FPÖ für einen Bremser, weil sie sich von Marine Le Pen in Frankreich und völlig von der NPD in Deutschland unterscheidet. Heinz-Christian Strache sagt nicht, dass er aus der EU austreten will, dass die EU verdammenswert ist. Er nützt alles, was populistisch ist, für sich aus, aber er geht nicht ins Extrem. So eine Partei fängt unter Umständen den Extremismus ein bisschen auf.

 

Innenpolitische Beobachter könnten Parallelen zur Situation in den späten 1990ern oder Anfang der 1970er-Jahre herstellen: Die große Koalition läuft sich tot und eine Gruppierung weit rechts der Mitte läuft sich für die Regierungsfähigkeit warm. Lässt sich das mit der Situation heute vergleichen?

Nein. Die große Koalition damals war in eine totale Sackgasse geraten. Sie dachte: Wir werden immer herrschen und müssen schauen, dass die anderen nicht mehr kriegen als wir. Der Auswuchs dieser Haltung war der totale Proporz. Sogar eine Klofrau in einer öffentlichen Toilette in Wien musste ein Parteibuch haben.

 

Manche sagen, das sei noch immer so.

Wenn das so wäre, hätten die Roten bei der Bürgermeisterwahl in Wien viel mehr Leute mobilisieren können. Das haben sie damals gekonnt. Alle Leute, die Wohnungen oder ihre Posten von der SPÖ bekommen haben, hatte die Partei im Griff. Man konnte den Gemeindebau geschlossen zur Wahlurne führen. Diese Demokratie war eine Parteidiktatur auf allen Gebieten, aufgeteilt in Rot und Schwarz.

 

Es gab zweimal eine Große Koalition mit steigender Unzufriedenheit und Reformstau. Bruno Kreisky hat das von links weggewischt, Wolfgang Schüssel von rechts. Heute gibt es auch Reformstau – kommt wieder ein Kreisky oder ein Schüssel?

Ich denke, dass das politische Personal in nächster Zeit ausgetauscht werden wird, sonst wird die Koalition scheitern und die FPÖ einen weiteren Siegeszug antreten. Ich glaube nicht mehr, dass die Regierungsparteien selbst die notwendigen Reformen durchführen, weil sie vor ihrer Klientel zurückschrecken.

 

Das war immer so: Widerstand der Landeshauptleute, Angst vor den Gewerkschaften.

Heute haben Politiker, die das Werkel steuern müssten, Angst vor ihrer Klientel, obwohl die nicht mehr so auf den Tisch hauen kann. Früher war es so: Wenn die Parteien oder die Regierenden nicht weitergekommen sind, haben sie das den Sozialpartnern überlassen – die waren stark genug, das selbst in die Hand zu nehmen.

 

Sind die Sozialpartner heute schwächer?

Ja, das System ist prinzipiell schwächer geworden.

 

Eine andere Parallele findet sich in Ihrer aktualisierten Doku „Österreich II“: Auch 1956 standen tausende Flüchtlinge vor der Tür.

Ich bin selbst erstaunt, wie diese Doku beginnt. Das erste Bild sind die Flüchtlinge, die an der Grenze auf der Straße übernachten. 1956 kamen 180.000 aus Ungarn. Die Österreicher waren sofort zur Stelle, mit Sonderzügen, Kleidung, Schuhen, Nahrung. Die Wiener stellten in großzügigster Weise ihre Wohnungen zur Verfügung – heute machen das nur wenige. Man hat die Flüchtlinge als Helden gefeiert: Sie haben gegen den Kommunismus gekämpft. Das war ein Jahr nach dem Staatsvertrag – und bis dahin war die Sowjetunion von uns als Bedrohung empfunden worden. Wir wussten ja nicht, ob die Sowjets bei uns einen Putsch planen wie in Prag oder Budapest, ob sie das Land teilen oder Österreich schlucken, wie sie Ostdeutschland geschluckt haben.

 

Damals hat Amerika viele Flüchtlinge aufgenommen. Warum ist das heute anders?

Die Amerikaner hatten ein schlechtes Gewissen. Sie hatten über Radio Free Europe, das in den Ostblocksprachen gesendet hat, zum Widerstand gegen den Kommunismus aufgerufen. Die ungarischen, später auch die polnischen und tschechischen Aufständischen haben geglaubt, der Westen stehe hinter ihnen. Aber dann ist ihnen niemand zu Hilfe gekommen. Deshalb hatten die Amerikaner ein schlechtes Gewissen und haben völlig unbürokratisch Visa ausgestellt – du musstest nur deinen Fingerabdruck abgeben. Auch Kanada, Australien, Deutschland, Schweden und die Schweiz haben Flüchtlinge aufgenommen. Die Ungarn hatten für die Freiheit gekämpft und wurden von den Sowjets bestraft – die westliche Welt hat sich daher solidarisch gefühlt. Das vermisse ich heute.

 

Sollte Amerika für die heutige Migrationswelle die Verantwortung übernehmen?

Die Flüchtlinge, die aus Syrien kommen, sind Opfer von drei amerikanischen Kriegen – einer gegen Afghanistan, zwei gegen den Irak. Der Islamische Staat, der jetzt dort wütet und Leute abschlachtet, ist natürlich ein Auswuchs der US-Politik im Irak, die nicht imstande war, dort eine Regierung zu hinterlassen, die wirklich das ganze Volk repräsentiert hat. Und wo bleibt die amerikanische Hilfe jetzt? Das ist ein Akt der Unsolidarität.

 

Auch in der EU mangelt es an Solidarität.

Ja, die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn sind auch nicht solidarisch. Sie sind in eine Solidargemeinschaft gegangen, um abzukassieren – nach dem Motto: Ihr seid uns das schuldig, wir waren hinter dem Eisernen Vorhang, während es euch gut gegangen ist – ihr müsst uns aufbauen. Europa ist für sie nur eine Melkkuh. Das ist die größte Gefahr für unser Europa: Die aufkommende Lust einiger EU-Mitgliedsländer, nationale Interessen vor die europäischen zu stellen.

 

Bei der Präsentation Ihrer Autobiografie haben Sie ein militärisches Eingreifen der EU in Syrien gefordert. Warum?

Das ist eine Erkenntnis aus diesen Kriegen im Nahen Osten: Wenn Europa schon eine durchdachte und von der Mehrheit der Mitglieder getragene Sicherheitspolitik gehabt hätte, hätte man auch militärisch eingreifen können. England, Frankreich, Deutschland haben eine Berufsarmee, aber die Soldaten sitzen zu Hause und müssen Daumen drehen. Ein rechtzeitiges Eingreifen hätte uns viel erspart.

 

Haben die Politiker der EU Angst, sich die Finger zu verbrennen?

Wahrscheinlich. Und sie haben Angst, dass das zu Hause unpopulär ist. Es gibt ein Manko an Information, an Austausch von Ideen, wichtige und richtige Themen werden nicht mit dem eigenen Volk diskutiert. Man sieht das in Deutschland im Zusammenhang mit Pegida: Die Probleme wurden nicht rechtzeitig offen beim Namen genannt. Das öffnet Tür und Tor für Populismus und Verhetzung.

 

In Ihrer Autobiografie erzählen Sie Ihr Leben, viel von der Arbeit als Journalist. Würden Sie diesen Beruf noch einmal wählen?

Wahrscheinlich schon. Ich bin zwar notgedrungen Journalist geworden, habe aber sofort Blut geleckt. Ich musste mein Studium selbst verdienen und bin zur „Wiener Tageszeitung“ gegangen. Hans Dichand und ich waren dort die Redaktionseleven und mussten fast täglich eine ganze Spalte mit Glossen füllen. Das war eine sehr gute Schule.

 

Ihr neues Buch zeigt einmal mehr, dass Sie sich auch mit 88 Jahren noch an alles erinnern können. Vergessen Sie nie etwas?

Nicht dass ich wüsste. Ich glaube, dass sich Menschen selbst auf Trab halten können. Man darf im Kopf nicht bequem werden. Der Kopf muss mitziehen mit den Ereignissen, dem Umfeld, der Welt – wenn man sein eigenes Gehirn im Dauerlauf hat, dann kann man vielleicht die so gefürchteten Alterserscheinungen vermeiden.

Herr Portisch, darf man Sie auch fragen...


1. . . ob Sie an Gott glauben?

Vielleicht gibt es ihn, vielleicht aber auch nicht. Ich bin ein absoluter Agnostiker. Sobald man selbstständig denken kann, ist es ja fast ein Gebot, Agnostiker zu sein.

2. . . wie man es schafft, 66 Jahre glücklich verheiratet zu sein?

Indem man ein ungemein tolerantes Verhältnis aufbaut. Toleranz ist etwas, das nicht nur im öffentlichen Leben geboten, sondern auch ganz wichtig für die Familie ist. Und wenn man die Eigenschaften des anderen nicht nur toleriert, sondern sie auch zu lieben lernt, dann kann eigentlich gar nichts mehr schiefgehen.

3. . . ob Sie mit Ihrem iPhone auch in sozialen Medien wie Twitter oder Facebook aktiv sind?

Nein, das gibt mir gar nichts. Auch wenn es ein Phänomen ist, mit dem wir wohl leben müssen. Aber ich halte soziale Medien für eine ständige Gefahr für die Persönlichkeit. Die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen können dort willkürlich verletzt werden. Und ich halte es nicht für gesellschaftsfördernd.

Steckbrief

1927
wurde Hugo Portisch in Bratislava, in der damaligen Tschechoslowakei, geboren. Er ging dort zur Schule. In Wien studierte er Zeitungswissenschaft, arbeitete u. a. beim „Kurier“, wo er 1958 Chefredakteur wurde.

1964
initiierte Portisch – noch beim „Kurier“ – das Rundfunk-Volksbegehren. 1967 ging er zum ORF, war Chefkommentator und Korrespondent.

1991
wurde er als Kandidat für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen, lehnte aber ab.

2015
zeigt ORF III die völlig neu überarbeitete dritte Staffel von Portischs Geschichts-Doku „Österreich II“ (bis 2. Jänner immer samstags, 20.15 Uhr). Jüngst erschien auch Hugo Portischs Autobiografie „Aufregend war es immer“ im Ecowin-Verlag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2015)

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