Was die Alten erzählen

Die Altenpflegerin Sonja Schiff schildert ihre bewegendsten Begegnungen mit sehr alten Menschen kurz vor ihrem Lebensende – und sagt, sie hat den »coolsten Job der Welt«.

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Es ist 27 Jahre her, doch Sonja Schiff kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem ihr Beruf zur Berufung wurde. Sie war zu Besuch bei ihrer 100-jährigen Klientin Flora Niess* und pflegte deren wunde Beine, als ihr die dünne, zerbrechliche Greisin zuraunte: „Es wird nicht mehr lange dauern, Sonja. In den nächsten Tagen werde ich wohl sterben.“ Die junge Hauskrankenpflegerin war damals kaum 25 Jahre alt, relativ neu im Beruf und reagierte unbeholfen auf die Worte ihrer Patientin, sagte etwas wie „Aber geh, es ist doch noch nicht so weit“. Da spürte sie einen harten Schlag auf ihrem Brustbein, der sie von ihrem Fußschemel warf. Die 100-Jährige hatte mit erstaunlicher Kraft ihre Beine nach vorne gestoßen und gezischt: „Ich sage Ihnen, dass ich sterben werde, und Sie geben mir so eine widerwärtige Antwort.“

Sonja Schiff begriff in diesem Moment, was es heißt, einen Menschen wahrhaftig bis zum Schluss zu begleiten. In dem man zuhört, ehrlich ist, also auch über eigene Ängste spricht, und einfach präsent ist. „Das war meine Initiation. Diese Frau hat mein Leben verändert, sie ist bis heute meine große Lehrmeisterin“, sagt Schiff. Dass die Dame dann nicht so bald, sondern erst zwei Jahre nach diesem Gespräch verstorben war, tut nichts zur Sache. Für die junge Krankenpflegerin war es ein Segen, weil ihr so noch mehr Zeit mit ihrer Patientin vergönnt war, in der sie viel mit ihr über das Leben und Sterben geredet hat.

Dabei hatten sich die beiden zunächst nicht besonders gemocht, aber mit ihrer mutig-reschen Art hat sich Schiff, die Schulabbrecherin und Ausreißerin (wie sie im Buch erzählt) dann doch das Herz der sturen alten Dame erobert. Ein bisschen habe da vielleicht auch geholfen, „dass ich böse, alte Frauen mit einem starken Willen einfach mag“.

Geschichten wie diese erzählt Schiff in ihrem Buch „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“. Kein Zweifel, der Verlag und die Schreib-Quereinsteigerin wollen damit einen Erzähltrend fortsetzen, den die australische Palliativkrankenschwester Bronnie Ware vor drei Jahren mit ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ ausgelöst hat. Schiff liegt das Thema allerdings schon deutlich länger am Herzen. Vor allem, weil es sie erschüttert, dass sehr alte oder schwer kranke Menschen „für viele scheinbar nichts mehr wert sind oder als nicht mehr nützlich gelten“.


»Sicher kein Arschputzer«. Schließlich war es aber die Begegnung mit einem jungen, beruflich desorientieren Mann vor einigen Jahren, die sie zum Nachdenken gebracht hat. Als sie ihm von ihrem Beruf erzählte, reagierte er entsetzt und sagte: „Was ich sicher nicht werden möchte, ist ein Arschputzer.“ Dabei sei der Beruf für sie und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen „der coolste Job der Welt“. Es gäbe natürlich die Seite der Anstrengung, man müsse mit Kot, Urin und dem Tod umgehen können. „Aber es gibt auch die andere Seite: die Begegnungen, die Berührungen mit ganz besonderen Menschen.“ In der konkreten Pflegearbeit gehe es darum, die Menschen dazu zu bringen, zu erzählen. „Ich frage, wenn ich sie wasche oder umziehe: ,Wie haben Sie das früher gemacht? Wie haben Sie sich geduscht und eingecremt?‘ Es geht darum, möglichst viel von der Normalität von vorher hereinzuholen.“

Vor vielen Jahren hat sich Sonja Schiff als Trainerin für Pflegeeinrichtungen und Familien selbstständig gemacht, sie gibt ihr Wissen in Seminaren weiter, etwa zum Thema „Übergang von zu Hause ins Heim“, eine der letzten großen Krisen, die ein Mensch meistern muss. Familien rät sie, sich möglichst früh zusammenzusetzen und zu beraten: „Was passiert wenn?“ Es mache einen großen Unterschied, ob jemand freiwillig in ein Heim geht oder gewzungen werde, weil es nicht mehr anders geht. Kindern von alten Eltern rät sie: „Besprechen Sie das Thema immer nur in kleinen Dosen. Bleiben Sie an Ihrer Mutter, Ihrem Vater dran. Der erste Widerstand heißt nicht, dass nicht irgendwann eine freiwillige Heimaufnahme möglich ist.“

Viele ihrer Patienten haben Sonja Schiff gelehrt, dass man Vertrauen ins Leben haben muss. Der 95-jährige Herr Bernstein* etwa hatte ein ziemlich raues Leben. Seine Familie war im Konzentrationslager Mauthausen umgekommen, er selbst konnte rechtzeitig in die USA emigrieren, verlor allerdings früh seine beiden Söhne, die im Vietnam-Krieg fielen, bald darauf starb auch seine Frau – und er kehrte allein nach Österreich zurück. In einer ihrer Betreuungsstunden berührte er Schiff einmal sanft am Arm und sagte: „Wissen Sie, das Leben ist unberechenbar. Wir können nur im Fluss des Lebens mitschwimmen und vertrauen.“

Und wie stellt sich eine Altenpflegerin das Altwerden für sich selbst vor? „Ha, ich bin ja erst 50“, sagt Schiff und lacht, ergänzt dann aber nachdenklicher: „Wie alle anderen Menschen habe auch ich Angst vor Leid.“ Das Wichtigste sei für sie daher, dass sie nicht pflegebedürftig werde, „dafür tue ich einiges, in dem ich mich viel bewege und darauf achte, meine Probleme nicht runterzuschlucken, also Galle und Leber gut zu schützen“. Außerdem werde sie jedenfalls so lange wie möglich ihre Autonomie einfordern. Pause. „Ich werde also sicher so eine alte, böse Frau mit starkem Willen sein.“ Und mit denen kennt sie sich ja offenbar aus.
* Namen und Geschichten ihrer Klienten hat Sonja Schiff bewusst verfremdet, um deren Privatsphäre zu wahren.

Zur Person

Sonja Schiff, geboren 1964, ist diplomierte psychiatrische Gesundheits- und Krankenschwester. Sie arbeitet seit 27 Jahren in der Altenpflege, war mehrere Jahre Pflegedienstleiterin eines ambulanten Pflegedienstes und beriet und begleitete Familien bei der Hauspflege. Sie gibt Seminare und bietet Coachings an, etwa zum Thema „Übergang von zu Hause ins Heim“. Vor Kurzem schloss sie ihr Studium der Gerontologie ab. Sie lebt in Salzburg.

Das Buch:
„10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte. Einsichten einer Altenpflegerin“ (edition a)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2015)

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