Ein Boot in der Schwebe

Paul Wenninger bewegt sich vom Tanz zum Objekt und ist mittlerweile beim Film und der Pixilation-Technik gelandet.

Kabinett & Co. So heißt Paul Wenningers Arbeitsplattform für interdisziplinäre Projekte mit Fokus auf den Körper.
Kabinett & Co. So heißt Paul Wenningers Arbeitsplattform für interdisziplinäre Projekte mit Fokus auf den Körper.
Kabinett & Co. So heißt Paul Wenningers Arbeitsplattform für interdisziplinäre Projekte mit Fokus auf den Körper. – (c) Christine Ebenthal

Was ist Choreografie? Diese Frage steht für den Tänzer, Choreografen und Filmemacher Paul Wenninger in den vergangenen Jahren im Vordergrund. Längst beschäftigt sich der 50-Jährige nicht mehr nur mit dem Bewegen vom tanzenden Körper zur Musik auf der Bühne. Auch starren, stummen Körpern, Objekten, gibt er eine Choreografie. „Für mich“, sagt Wenninger, „ist Choreografie näher dem Objekt als dem Theater.“ Für den Abend „Calibrate“ im Tanzquartier arbeitete er dennoch mit tanzenden Körpern: Postgraduierte aus Wien, Linz und Salzburg im Vakuum zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg gestalten mit Wenninger, Alix Eynaudi sowie Ian Kaler drei Choreografien für einen gemeinsamen Abend.
Ein schönes Beispiel für das Spiel mit Objekten und die „Trennung der Choreografie vom Körper“ hat Wenninger schon 2008/2009 mit der Choreografie „Continent“ gezeigt. Ein Styroporboot, das mehrfach in Wien und Linz aufgetreten ist, landete als temporäre Installation auf einem Metallgerüst am Donaukanal. „Der Körper, der ausschlaggebend für die Gestaltung war, war nicht mehr da, doch die Choreografie war noch vorhanden. Sie war dem Objekt eingeschrieben“, erläutert Wenninger. Das Boot repräsentiert die Choreografie, sie steckt im Boot. Immerhin, aus komplizierter Theorie entsteht ein sichtbares Werk. Auch wenn Wenninger mehr am Prozess als am Ergebnis interessiert ist, sieht die Öffentlichkeit ein Werkstück, kein Stückwerk.

Kontinent Styropor. Natürlich will der Künstler auch verstanden werden, und so erklärt Wenninger noch einmal den Unterschied zwischen einem Objekt als Choreografie und der getanzten Choreografie: „Die getanzte Choreografie braucht Zuschauer, wenn aber die Choreografie vom Körper getrennt ist, braucht sie keine Zuschauer mehr.“ Die Choreografie „Continent“ ist nach genauen choreografischen Abläufen in einer alten Fabrikhalle entstanden. „So wurde aus dem rohen Material Styropor ein choreografierter Raum. Während Tänzer mit Zeit und Raum vor einem Publikum arbeiten, zeigt das Boot, der choreografierte Körper, dass Raum und Zeit der Choreografie für den Betrachter nicht mehr wahrnehmbar sind.“ Tänze zeigen Choreografie in der Zeit; das choreografierte Objekt ist zeitlos. Alles klar? Egal. Das unter dem heiteren Himmel schwebende weiße Boot, das durch eine diffizile Soundinstallation sich selbst in Vibration versetzt und auch noch Töne von sich gibt, ist einfach schön. Darüber, ob das nun ein choreografisches Werk oder eines der bildenden Kunst (geschaffen im Team) oder ein materialisiertes Gedankenspiel ist, hat sich der Schöpfer selbst genügend Gedanken gemacht. Und davon, von den Gedanken, sprudelt Paul Wenninger förmlich über.
Wenn er sich aber vorstellt, dann tut er dies ordentlich wie ein Schüler: „Mein Name ist Paul Wenninger, ich bin Tänzer, Autor choreografischer Werke, Filmemacher und Vater von drei Töchtern.“ Das Attribut stolz ist mitzuhören. Vier Jahre hat Wenninger in den 1990ern in Rennes, in der Bretagne, wo Boris Charmatz jetzt das Musée de la Dance leitet, in der Compagnie von Catherine Diverrès getanzt und auch in Brasilien studiert. Seit 1999 ist er künstlerischer Leiter von Kabinett & Co., einer Arbeitsplattform für Künstler und Künstlerinnen verschiedenster Kunstrichtungen, „um interdisziplinäre Projekte mit Fokus auf den Körper zu realisieren.“ Mit „Die Tränen des Eros“, einem Solo aus streng choreografierten Szenen und Improvisation, „um unmittelbares Erleben zu ermöglichen und nicht nur eine Reproduktion zu zeigen“, machte er 1998 in Wien auf sich aufmerksam und zählt heute auch international zu den viel beachteten Künstlern, die sich nicht einordnen lassen, keinem Trend folgen. „Natürlich wünscht man sich ein Publikum. Doch ich verfolge meine Ziele, ob sie zuschauerkompatibel sind oder nicht. Oft ist das tatsächlich Selbstausbeutung – für wenig Geld und viel Befriedigung.“ Wenn Wenninger das Ziel erreicht hat, ist es für ihn nicht mehr interessant. „Ich brauche die Herausforderung. Kunst fesselt mich nur so lang, solange sie ein Experiment ist. Auch wenn die Menschen so gern ihre Erwartungshaltung mit more of the same erfüllt haben wollen. Ich will aus dem Kreis des immer Gleichen ausbrechen. Dem Wohlgefühl dient meine Arbeit nicht. Wenn das Publikum nicht mitzieht . . .“, bleibt nur ein Achselzucken. Deshalb gefällt ihm auch die aktuelle Arbeit mit den jungen Tänzerinnen und Performern, die eben die Ausbildung beendet haben: „Das ist ein Experiment, ein Pilotprojekt, etwas Neues.“

Erwartung wegwischen. Ein weiteres reizvolles künstlerisches Feld hat der Tänzer und Autor choreografischer Werke (mit dieser Beschreibung kann sich Wenninger von der herkömmlichen Vorstellung des Begriffs Choreograf abgrenzen) als Filmemacher gefunden. „Ich mache keine Tanzfilme.“ Wieder eine Erwartung weggewischt. Sein Weg zum Filmchoreografen ist von den Objekten markiert. „Mein Umgang mit Objekten auf der Bühne, wenn ich sie physisch bewegt habe, war mir zu langsam. So bin ich auf die Pixilation gekommen: Stop-Trick-Animation mit lebendigen Menschen. Vor allem mit Tänzern ist der Umgang mit Zeit und Raum sehr angenehm. Es ist doch eine Riesenherausforderung, den Körper über einen langen Zeitraum zu kontrollieren.“ Als Film-Choreograf versucht er, dem Körper eine andere Dimension zu geben als auf der Bühne. In seinem ersten bereits preisgekrönten Kurzfilm „Trespass“ schickt er eine Art Avatar seiner selbst, eine aus Realbildern animierte Figur, auf Weltreise in den eigenen vier Wänden. 2012 ist „Uncanny Valley“ entstanden, ein Film, in dem er sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzt. Altes Filmmaterial wird mit der Performance der Darsteller gemischt. Die Verbindung von Pixilation, der Einzelbildschaltung, und Performance stört und unterbricht den Fluss der Erzählung, von der Handlung bleiben isolierte Momentaufnahmen.
Von diesem „finsteren Tal“ hat Wenninger auch eine Bühnenversion erarbeitet, ebenso wie im Film spielt sich das nicht lineare Geschehen in einem großen Diorama, quasi im Museum, ab. Auf der Bühne wird eine Art Making-of des Films gezeigt. Die Tänzer bewegen sich in Zeitlupe, das Filmteam tut seine Arbeit in Echtzeit. Leicht zu deuten: Den Ersten Weltkrieg gibt es nur noch als Inszenierung. Wenn das Tanzquartier Wenninger einlädt, dann choreografiert er wieder Körper in Zeit und Raum: „Calibrate“. Wie zentral die Rolle von Objekten in der mit den graduierten (calibrated) Absolventen (MUK, Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, IDA, Anton-Bruckner-Universität, Linz, und SEAD, Salzburg Experimental Academy of Dance) einstudierten Choreografie sein wird, weiß er noch gar nicht. „Ich will mich auch selbst überraschen.“

Tipp

Uncanny Valley ist Ende Oktober auf dem Badalona Festival und im Dezember bei dem internationalen Kurzfilmfestival in Paris zu sehen.

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