Auftritt der neuen Politmütter

Neuseelands Premierministerin, Jacinda Ardern, erwartet im Juni ihr erstes Kind, Österreichs Ministerin Elisabeth Köstinger im Juli. Ein Signal für Vereinbarkeit von Karriere und Familie.

Neuseelands Premierministerin, Jacinda Ardern, und ihr Partner, Clarke Gayford, verkünden am 19. 1. in Auckland (Neuseeland), dass sie Eltern werden.
Neuseelands Premierministerin, Jacinda Ardern, und ihr Partner, Clarke Gayford, verkünden am 19. 1. in Auckland (Neuseeland), dass sie Eltern werden.
Neuseelands Premierministerin, Jacinda Ardern, und ihr Partner, Clarke Gayford, verkünden am 19. 1. in Auckland (Neuseeland), dass sie Eltern werden. – (c) Getty Images (Hannah Peters)

Jacinda Ardern ist 37 und zum ersten Mal schwanger. Elisabeth Köstinger ist 39 und zum ersten Mal schwanger. Zwei Frauen in einem Alter, in dem es allemal Zeit fürs Kinderkriegen ist. Sagen viele. Doch die Kunde von ihrem Nachwuchs wird längst nicht von allen beklatscht, was vor allem mit ihren Berufen zu tun hat. Ardern ist seit 26. Oktober sozialistische Premierministerin von Neuseeland. Köstinger seit 8. Jänner VP-Landwirtschaftsministerin in der neuen türkis-blauen Regierung in Österreich.

Innerhalb einer Woche haben beide Spitzenpolitikerinnen ihren Familienzuwachs publik gemacht. Ardern Ende der Vorwoche vor laufenden Kameras, Köstinger am Donnerstag auf ihrer Facebook-Seite. Dort schrieb sie mit dem ironisch gesetzten Hashtag #Nachhaltigkeit: „Wir feiern das Leben! Thomas und ich freuen uns sehr, im Juli ein kleines großes Wunder willkommen zu heißen. Das wird für uns, wie für andere Familien auch, eine große Herausforderung.“

Die zwei Frauen werden vermutlich fast gleich lang aussetzen, Ardern zumindest sechs, Köstinger überlegt acht Wochen. Und beide haben Lebensgefährten, die nach dem Mutterschutz ihrer Partnerinnen die Kinderbetreuung voll übernehmen wollen. Köstingers Partner, Thomas Kassl, wird in Karenz gehen. Arderns Gefährte, Clarke Gayford, wird „Stay-at-home Dad“, also Vollzeitpapa.

Aktive Politikerinnen mit Babybauch sind immer noch selten, also etwas Besonderes. Jacinda Ardern ist nach der früheren pakistanischen Premierministerin Benazir Bhutto erst die zweite Regierungschefin der Welt, die im Amt Mutter wird. Köstinger Österreichs zweite Ministerin nach BZÖ-Justizministerin Karin Gastinger. Außerdem bekam Eva Glawischnig als Grünen-Chefin ihren zweiten Sohn. Wobei einem, obwohl sich das schwer vergleichen lässt, auf Anhieb auch nur wenige Staatschefs einfallen, die Väter wurden. (John F. Kennedys drittes und Tony Blairs viertes Kind kamen in ihrer Präsidentschafts- und Premierzeit zur Welt.) Sonst gilt für Männer wie Frauen ja meist: Sie sind bei Amtsantritt längst Eltern, übernehmen das Amt erst in einem Alter, in dem die Familienplanung weitgehend abgeschlossen ist - oder bleiben kinderlos.

Glückwünsche und Häme. Dass ein schwangere Regierungschefin, eine schwangere Ministerin, für manche befremdlich ist, zeigten die durchaus diversen Reaktionen. Natürlich gab es in Österreich wie in Neuseeland viele herzliche Glückwünsche für die Jungfamilien. In Neuseeland hat die Mutterschaft der Regierungschefin gar eine kleine Bewegung ausgelöst: In sozialen Netzwerken wird „zum Stricken für Jacinda“ (#KnitforJacinda) aufgerufen. Menschen stricken eifrig Babykleidung – nein, natürlich nicht für die Premierministerin, sondern ihr zu Ehren für bedürftige Kinder.

Doch ähnlich wie bei Köstinger gab es auch laute Kritik mit folgendem Tenor: Ist die überhaupt fit für ihr Amt? Hat sie den Staat nicht „betrogen“? Am häufigsten irritiert – bei beiden – der Zeitpunkt der Schwangerschaft. Wie kann man für ein so hohes, wichtiges Amt zusagen, wenn man schon schwanger ist, fragen viele. Unter Köstingers Facebook-Post schrieb ein Mann, das Ministeramt schon schwanger anzunehmen sei „eine bodenlose Frechheit“. Ein anderer kommentierte: „Bravo, sehr berechnend.“ Eine Frau gratulierte zunächst, ergänzte aber: „Das Vereinbarkeitsgequatsche ist doch eine Mär.“ Es kommen auch gern spitze Bemerkungen, dass es Eltern in diesen Spitzenpositionen mit zweifelsohne Spitzengehalt - im Vergleich zur Supermarktkassiererin - nicht so schwer fallen würde, für ihr Kind zu sorgen. Weil Fremdbetreuung eben koste und wer Geld hat, sich die leisten könne. Und dann ist natürlich auch der Rabenmutter-Vorwurf nicht weit: Es sei unverantwortlich ein Kind in die Welt zu setzen und so bald wieder arbeiten zu gehen. Das Engagement der Väter wird gern übersehen.

Dabei ist vor allem die Rollenverteilung wohl wirklich Sache der Jungeltern. Ob Ardern und Köstinger mehr oder weniger Zeit für die Kinderbetreuung aufwenden als ihre Männer und die Frauen dabei kurz, lang oder gar nicht stillen, ist ihre Entscheidung. Gesellschaftspolitisch gesehen sind die zwei Schwangerschaften vor allem positiv zu sehen. Gerade in Zeiten sinkender Geburtenraten ist es ein Signal an junge Frauen und Männer mit Karrierewunsch, dass man Beruf und Familie, vor allem mit geteilter Verantwortung, durchaus vereinbaren kann. Dass das keine einfache Aufgabe ist, man als Eltern, Mutter wie Vater oft zerrissen sein wird zwischen den Aufgaben, streitet dabei niemand ab. 

Elternschaft ist Teamwork. Das sehen auch die Gründerinnen des Frauen-Karrierenetzwerks Sorority so. Sprecherin Sandra Nigischer gefällt, dass sowohl Ardern als auch Köstinger in ihren persönlichen Statements die künftige Rolle ihrer Partner mit ansprechen. „Elternschaft ist immer Teamwork, wird in Österreich aber nicht partnerschaftlich gelebt. So gut wie jede zweite Frau ist laut Statistik Austria teilzeitbeschäftigt, aber nur rund jeder zehnte Mann.“ Die häufige Frage an Frauen, wie sie denn Kind und Karriere unter einen Hut bekämen, „lässt sich genauso gut Männern stellen“, sagt sie.

Mit der Kritik gehen die neuen Politik-Mamas ohnehin gelassen um. Köstinger freut sich sehr auf das Baby, aus ihrem Umfeld hört man, sie sei ein totaler Familienmensch und hätte immer Kinder haben wollen. Im Landwirtschaftsministerium hat man sogar mit mehr Ablehnung bei der Bekanntgabe gerechnet. Kollegin Ardern wurde am Freitag nach ihrer ersten Arbeitswoche als „offiziell Schwangere“ von einem Reporter gefragt, wie es ihr denn ergangen sei. Und die Premierministerin antwortete mit einem Satz, den schon viele berufstätige Schwangere vor ihr gesagt haben: „Ich bin schwanger, nicht arbeitsunfähig.“ Von einem Trend zu sprechen, ist wohl etwas übertrieben, aber die Häufung von aktiven Politikerinnen und Parlamentarierinnen, die Kinder bekommen, zeigt zumindest ein neues Selbstbewusstsein unter Frauen, das es so noch in den 90iger Jahren nicht oder kaum gab. 

Fakten

Jacinda Ardern (gr. Bild), geb. 26. 7. 1980, ist Parteichefin der New Zealand Labour Party und seit 26. Oktober Premierministerin des Landes. Sie ist damit nach Pakistans Premierministerin Benazir Bhutto die zweite Staatschefin der Welt, die während ihrer Amtszeit ein Kind bekommt.

Elisabeth Köstinger (kl. Bild), geb. 22. 11. 1978, eine der engsten Vertrauten von Kanzler Kurz, zuletzt fünf Wochen Nationalratspräsidentin, seit 8. Jänner Umwelt- und Landwirtschaftsministerin.

Im Amt Eltern
geworden sind u. a.: Karin Gastinger (BZÖ) als Justizministerin 2006; Eva Glawischnig als Vizechefin der Grünen 2005 und als Parteichefin 2009; NÖs heutige Landeshauptfrau, Johanna Mikl-Leitner, 2001 als Abgeordnete und ÖVP-Landesgeschäftsführerin. SPÖ-Minister Gerald Klug als Minister 2014. Erwin Buchinger, einst Sozialminister, ging 2011 und 2014 als Behindertenanwalt in Karenz. ?APA/Hochmuth

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Auftritt der neuen Politmütter

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.