Irina Tsymbal: Eine glückliche Ballerina

Wie viele ihrer Kolleginnen trainiert Irina Tsymbal nicht nur im Ballettsaal, sondern auch im Kinderzimmer.

Erste Solotänzerin. Seit 2005 ist Tsymbal an der Wiener Staatsoper, davor war sie in Budapest.
Erste Solotänzerin. Seit 2005 ist Tsymbal an der Wiener Staatsoper, davor war sie in Budapest.
Erste Solotänzerin. Seit 2005 ist Tsymbal an der Wiener Staatsoper, davor war sie in Budapest. – (c) die Presse (Carolina Frank)

Irina Tsymbal ist das „schönste Mädchen der Welt“, verführerisch und todbringend. Als Höhepunkt der Nurejew-Gala zum Saisonende wird sie die Rolle in einem Ausschnitt aus dem Ballett „Le Rendez-vous“ von Roland Petit gemeinsam mit Ballettchef Manuel Legris tanzen. „Ein Glücksmoment“, schwärmt die Erste Solotänzerin des Wiener Staatsballetts. „Wir haben dieses expressive Ballett schon im Mai bei der Gala in Tokio getanzt. Das Publikum war hingerissen, und für mich war mit Manuel zu tanzen ein aufwühlendes Erlebnis, das mich tief drinnen glücklich gemacht hat.“

Der Choreograf Roland Petit war erst 21 Jahre alt, als er 1945 „Le Rendez-vous“, angesiedelt im nächtlichen Nachkriegsparis, basierend auf einem Gedicht von Jacques Prévert, geschaffen hat. Pablo Picasso hat den Szenenvorhang geliefert; Joseph Kosma die Musik. Der Refrain hat bald danach als Chanson Weltkarriere gemacht. Kreiert von Yves Montand, hat Juliette Gréco „Les feuilles mortes“ bis ins hohe Alter gesungen. Interpreten sämtlicher Genres, vom Chanson über den Jazz bis zur Oper, haben „Herbstblätter“ in ihr Repertoire aufgenommen. Ein Gedicht über die verblühte Liebe. Bei Roland Petit hat dieses „schönste Mädchen der Welt“ plötzlich ein Rasiermesser in der Hand.

Glücksfall Schwangerschaft. Wieder beglückt hat Tymbal ihre Fans nach langer Pause allerdings nicht als Femme fatale, sondern in der komischen Rolle der „Ballerina“ (in Jerome Robbins „The Concert“) – unter Schmerzen. „Meine Füße machen mir immer noch Probleme. Nach mehreren Operationen dauert die Heilung sehr lang. Dann aber hat mein Körper reagiert und die Zwangspause genützt. Ich bin schwanger geworden. So lang habe ich darauf gewartet, jetzt ist es unverhofft passiert.“

Ein weiterer Glücksfall, der Tsymbals Leben verändert hat. „Ein Gottesgeschenk, auch wenn das Leben nicht einfacher geworden ist. Unsere Eltern können kaum einspringen. Meine leben in Weißrussland, kommen nur zu Besuch. Die Mutter meines Mannes ist Spanierin, der Schwiegervater ist hier. Er kommt auch, aber ein Mann . . . Mein Mann ist Pilot und viel unterwegs. Doch ich habe eine gute Freundin, die mir hilft. Und jetzt heißt es für mich ohnehin: Familie und nicht Party.“ Die Wahl fällt ihr nicht schwer, Lukas Alexander ist inzwischen ein fröhlicher Anderthalbjähriger, der verschmitzt in die Welt schaut. Wie jede Mutter hat Tsymbal nicht nur ein Foto im Speicher ihres Smartphones: „Hundert!“

Irina Tsymbal ist eine nachdenkliche Frau, die Philosophin unter den Ballerinen. Mit jeder Rolle beschäftigt sie sich intensiv, recherchiert und durchleuchtet sie, will nicht nur perfekte Technik und schöne Linie zeigen, sondern „auch dem Publikum etwas mitgeben, Emotionen wecken, damit etwas bleibt, wenn die Leute nach Hause gehen. Balletttanzen ist mehr als Akrobatik.“ Zuletzt begeisterte sie im intensiven Abschieds-Pas-de-deux mit Mihail Sosnovschi – „einer meiner liebsten Partner“ – in John Neumeiers feiner Choreografie „Verklungene Feste“. Doch auch schon ihre Interpretationen der Manon im gleichnamigen Ballett von Kenneth MacMillan oder der Tatjana in der Choreografie von John Cranko nach Alexander Puschkins Versroman „Eugen Onegin“ haben so manchen Atemstillstand im Publikum verursacht. Irina Tsymbal umgibt die Aura einer reifen Tänzerin, die Höhen und Tiefen durchgemacht und den Gipfel ihrer Karriere erklommen hat. „Es ist logisch, dass ich jetzt ganz andere Rollen tanze als vor zehn Jahren, ich werde bald 40. Da hat man einiges hinter sich. Ich bin auch in schwarze Löcher gefallen.“ – Doch sie hat sich nicht unterkriegen lassen, auch nicht, als Gyula Harangozó die Solotänzerin des Ungarischen Staatsballetts 2005 nach Wien gelockt und sie dann kaum noch beachtet hat. Manuel Legris wollte sich als neuer Ballettdirektor (ab 2010) schon von ihr verabschieden, hat das schlummernde Potenzial aber doch noch rechtzeitig erkannt. Jetzt hat er die charismatische Ballerina zu einer seiner Lieblingspartnerinnen erkoren. Ein harmonisches Paar, den jungen Springinsfeld kann und will auch er nicht mehr tanzen.

Stetige Sprungentwicklung. Weder um ihr Alter noch um die schwarzen Löcher macht Tsymbal ein Geheimnis, und sie kennt auch das Rezept, um nach Verletzungen und Kränkungen wieder Energie und Freude zu tanken: „Die Dunkelheit braucht man für einen neuen Sprung nach oben.“ Für sie ist das Leben, als Tänzerin und Mutter, „eine stetige Sprungentwicklung. Das sehe ich jetzt bei meinem Sohn. Als ich aus Tokio zurückgekommen bin, war er ein ganz anderer, größer, gescheiter . . .“

Schon hat sie den nächsten Sprung vor: „Ich möchte das unterrichten, was ich kann und weiß, es an junge Menschen weitergeben.“ Zwar fühlt sie statt Mut noch Selbstzweifel. Doch erste Unterrichtsstunden haben ihr gezeigt, dass sie vieles zu geben hat. Das Selbstvertrauen holt sie sich in Moskau, wo sie Tanzpädagogik studiert und demnächst ihr Diplom machen wird. „Wie viele Pirouetten man drehen kann, ist nicht die Essenz unseres Berufes, das kann leicht erlernt werden. Tanzen heißt, etwas auszudrücken, die Musik und das, was in dir vorgeht. Du kannst mit dem Körper so viel mitteilen. Und jetzt will ich das weitergeben, was ich kann. Doch das ist wieder eine eigene Kunst.“ Der Unterschied zwischen jungen Tänzerinnen und ihren älteren Kolleginnen ist sichtbar: Die einen brillieren, die anderen berühren.

Auch wenn sie spürt, dass ihr Instrument, der Körper, altert, ist Irina Tsymbal rundum zufrieden. Gibt es da keine unerfüllten Wünsche? Nachdenken, lächeln: „Ich wollte so gern meine Karriere mit der ‚Kameliendame‘ von John Neumeier beenden. Es hat nicht sollen sein, und das ist gut so. Ich kann trotzdem sagen, dass ich glücklich bin. Ich habe viel getanzt.“

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Irina Tsymbal: Eine glückliche Ballerina

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.