Wo Wiens Fiakerpferde schlafen

Die Erfinder des Riding Dinners haben eine neue Idee: Ab sofort kann man Fiakerpferde im Stall besuchen und danach mit zur Arbeit fahren.

Ab sofort kann man Fiakerpferde im Stall besuchen
Ab sofort kann man Fiakerpferde im Stall besuchen
Ab sofort kann man Fiakerpferde im Stall besuchen – Stanislav Jenis

Trudi und Baro, Silvi, Mati oder Maxs. Sauber stehen die Namen unter den Haken für die Zaumzeuge. An diesem Morgen sind die Haken schon leer, Trudi, Baro und die anderen werden gerade angeschirrt. Stallburschen legen ihnen die Lederriemen an, jeder Kutscher kontrolliert bei seinen beiden Tieren die Hufe. Dann geht's hinaus in den Hof, wo die Wagen warten. Morgendliche Routine in Wien Simmering.

In der Rappachgasse, hinter der Mautner-Markhof-Fabrik, inmitten einer Gstätten unterhalb der S-Bahntrasse, liegt der Stall von Johann Paul. Einer seiner Ställe: Einen zweiten hat er in Meidling, von wo aus seine Kutschen nach Schönbrunn fahren. Und einen großen auf dem Land, in Göttlesbrunn-Arbesthal. Das ist der, in dem seine Pferde Urlaub machen, wenn ihnen wieder einmal zu viele Touristen ins Gesicht gegriffen haben.

"Jedem die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Bild von den Fiakern zu machen." – Stanislav Jenis
Johann Paul ist, auch wenn er sich selbst nicht fotografieren lassen will, ein Fiakerunternehmer, der nichts zu verbergen hat. Das ist die Botschaft, die man an diesem Vormittag mitnehmen soll, und verbreitet wird sie weniger von ihm als von zwei jungen Männern in kurzen Hosen. Raimund Novotny und Marco Pollandt haben vor eineinhalb Jahren mit Paul als Partner mit dem Riding Dinner begonnen – kulinarischen Fiakerfahrten, bei denen Brötchen vom Schwarzen Kameel oder Schnitzel aus dem Augustinerkeller in die Kutsche serviert werden.

Inzwischen haben auch sie gemerkt, dass im Wiener Fiakergeschäft ein rauer Wind herrscht. Was den Umgang der Betriebe miteinander betrifft, aber vor allem in Bezug auf die öffentliche Debatte. Dabei sei aber auch viel Unwissen im Spiel. „Der Fiaker ist ein Mysterium“, sagt Novotny. Wer sind die Wiener Fiaker? Wie gestaltet sich ihr Arbeitsalltag? Und wo gehen sie abends nach der Arbeit hin? Das sind Fragen, die sie nun mit einer neuen Tour beantworten wollen.

Offener Umgang mit Kritik

Selbige beginnt um 9.30 Uhr in Simmering mit einer Stallführung, im Anschluss daran begleitet man den Kutscher bei seiner rund einstündigen Fahrt über den Rennweg und den Ring in die Innenstadt. Der Begriff Morgenarbeit, den man hier verwendet, ist dabei von den Lipizzanern abgekupfert. In der Hofreitschule bedeutet er freilich etwas anderes, nämlich das morgendliche, öffentliche Training. Die Hälfte der Pferde sind hier übrigens tatsächlich Lipizzaner. Das wollen die Touristen, und Paul erfüllt diesen Wunsch, auch wenn sich Lipizzaner mit ihrer kurzen Schrittlänge gar nicht besonders gut eignen würden. Dafür haben sie den Vorteil, dass sie schon in jungen Jahren weiß sind. Auch das mögen die Gäste. Pauls Favorit ist indes der braune, 18-jährige Maxs. Ein ehemaliges Trabrennpferd, „das als Vierjähriger seine Leistung nicht gebracht hat“. Hätte er ihn nicht vor die Kutsche gespannt, „würde er nicht mehr leben.“

Ein wesentlicher Grund für die Tour, sagt Novotny, sei zu zeigen, „dass wir nichts zu verbergen haben“. Der Stall ist sauber, die Boxen sind groß, zwei Füchse, die heute frei haben, liegen noch entspannt im Stroh. Kritische Fragen zum Thema Tierschutz seien willkommen, versichert Novotny. Man wolle auch niemanden in seiner Meinung bekehren; „nur jedem die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Bild von den Fiakern zu machen“. Und gleichzeitig verhindern, „dass alle über einen Kamm geschoren werden“.

Vom Fiakerstall bis in die Innenstadt
Vom Fiakerstall bis in die Innenstadt
Vom Fiakerstall bis in die Innenstadt – Stanislav Jenis
Denn natürlich gebe es schwarze Schafe. „Wenn einer nicht weiß, wie er über den Winter kommt, spart er natürlich bei den Tieren.“ Fiaker Paul, dessen Unternehmen noch den Namen seiner verstorbenen Mutter Silvia trägt, vertritt die gegenteilige These. „Ich muss schauen, dass es den Viechern gut geht, damit ich Geld verdienen kann.“

Apropos: Dass man mit den Leerfahrten vom Stall Richtung Stephans- oder Michaelerplatz nun auch ein wenig dazuverdienen kann (25 Euro kostet die Führung samt Fahrt, verglichen mit 110 für die einstündige Sightseeing-Tour), sei ein angenehmer Nebeneffekt. Inzwischen, erzählt Novotny, der eigentlich aus der Luxusgastronomie (Palais Coburg) kommt, hätten er und sein Kompagnon selbst das Bronzene Fahrabzeichen gemacht. „Um ein ganzheitliches Verständnis zu bekommen“, sagt er. „Man kann nur darüber reden, wenn man sich auskennt.“

AUF EINEN BLICK

Fiaker-Führungen. Raimund Novotny und Marco Pollandt organisieren mit Wiens größtem Fiakerunternehmen Paul die „Riding Dinner“-Fiakerfahrten. Nun wollen sie mit Stallführungen in Simmering transparenten Einblick in das Traditionsgewerbe geben und kritische Fragen zum Thema Pferdehaltung beantworten. Täglich um 9.30 Uhr, Treffpunkt: Rappachgasse 34a, Ende: Michaelerplatz oder Stephansplatz, 25 Euro.

Web: www.ridingdinner.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2018)

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