Hymnen auf die Lust

Zu den teuersten Kunstwerken der Welt gehören Akte, allen voran jene von Amedeo Modigliani und Pablo Picasso. Das beweist: Sex sells.

Modiglianis "Liegender Akt" war heuer das teuerste versteigerte Werk.
Modiglianis "Liegender Akt" war heuer das teuerste versteigerte Werk.
Modiglianis "Liegender Akt" war heuer das teuerste versteigerte Werk. – Royal Academy

Hingehaucht auf einem Bett, der Blick lasziv und voller Begierde: "Nu Couché (Sur le Côté Gauche)" von Amedeo Modigliani ist kein akademischer Akt, in diesem Gemälde geht es um Sex. Modiglianis Geist war vernebelt von Haschisch und Absinth und er war bettelarm, als er 1917 diese Hymne der Lust malte. Gut ein Jahrhundert später war es einem Käufer bei einer Auktion von Sotheby's in New York 157 Millionen Dollar wert. Es ist der höchste Preis, der heuer bisher bei einer Auktion für ein Werk erzielt worden ist.

Es ist jedoch nur das zweitteuerste Werk Modiglianis, denn 2017 erzielte Christie's für den Akt "Nu couché" den Rekord von 170,4 Millionen Dollar. Noch teurer ist Picassos "Les femmes d'Alger" mit 179,4 Millionen Dollar. Bis zum Jahrhundertpreis für Leonardo da Vincis "Salvator Mundi" im Vorjahr war es das teuerste Kunstwerk der Welt. Diese Preise beweisen, dass sich auch in der Kunstwelt Sex gut verkauft. Denn auch Picassos "Les femmes d'Alger" sind barbusig.

Modiglianis höchster Preis liegt bei 170 Millionen Dollar für
Modiglianis höchster Preis liegt bei 170 Millionen Dollar für
Modiglianis höchster Preis liegt bei 170 Millionen Dollar für "Nu Couché". – AFP (TIMOTHY A. CLARY)

Von der Renaissance beeinflusst

Modigliani mischt gekonnt die Optik der Moderne mit traditioneller Verführung. Er hat nie seine Wurzeln vergessen. Als italienischer Maler, der in seiner Jugend wohl mehr Titian und Botticelli gesehen hat als französische Moderne, ist von den großen Akten der Renaissance beeinflusst. Die jahrhundertealte italienische Tradition, den menschlichen Körper zu glorifizieren, spiegelt sich in seinen Akten wider. Insgesamt schuf er 26 liegende Akte und auch das drittteuerste Werk Modiglianis, "Nu assis sur un divan (la belle romaine)", das bei Sotheby's 2010 für 61,5 Millionen Dollar zugeschlagen wurde, ist ein Akt.

Derzeit wird Modigliani in Museen groß in Szene gesetzt. Das Jüdische Museum in New York zeigte bis Februar 2018 die Ausstellung "Modigliani Unmasked" mit frühen Zeichnungen aus dem Bestand seines Freundes und ersten Mäzens Paul Alexandre. Und auch die Tate Modern zeigte bis April eine umfangreiche Modigliani-Schau. Höhepunkt sind zwölf Akte, die seinerzeit 1917 bei seiner einzigen Soloschau in der Berthe Weill Galerie von der Polizei zensuriert wurden. Darunter war auch "Nu Couché (Sur le Côté Gauche)". Das war auch Anlass zur Kritik, denn das Werk wanderte direkt aus der Ausstellung zur Auktion.

Rund eine Dekade vor Modigliani haben vor allem Picasso und Matisse die Sicht auf den menschlichen Körper neu erfunden und damit auch Modigliani beeinflusst. So gehören Picassos Akte zu den teuersten der Welt. Bei der legendären Versteigerung der Sammlung von Peggy und David Rockefeller bei Christie's heuer im Mai hat Picassos Gemälde "Junges Mädchen mit Blumenkorb" aus der "Rosa Periode" von 1905 115 Millionen Dollar erzielt und wurde zum zweitteuersten Werk Picassos. An dritter Stelle liegt sein "Akt mit grünen Blättern und Büste" um 95 Millionen Dollar, zugeschlagen 2010.

"Der Tanz" gilt als bekanntestes Werk von Henri Matisse. – REUTERS (Henry Romero)

Matisse-Rekord

Auch zu den berühmtesten Werken von Matisse gehören jene, die den menschlichen Körper unverhüllt zeigen. Einen neuen Rekord von 80,8 Millionen Dollar erzielte sein Akt "Odaliske mit Magnolien", ebenfalls Teil der Rockefeller-Auktion heuer im Frühjahr. Schon viel reduzierter in seiner Bildsprache, aber in der Aussage der fünf Nackten im lebensfrohen Tanz durchaus als ekstatisch zu sehen ist "Der Tanz". Matisse malte zwei Versionen, die erste ist heute im Museum of Modern Art in New York, die zweite in der Eremitage in St. Petersburg. Der Tanz gilt als das bekannteste Gemälde von Matisse und als Wendepunkt im Werk des Künstlers.

Etwa zur selben Zeit wie Modigliani und ähnlich sexbesessen zeichnete und malte Egon Schiele seine Nackten. Bei Schiele wurden die Akte zu Geschlechtsakten, die Selbstbildnisse zu Werken der Selbstentblößung. Mit 22 wurde er wegen "pornografischer" Bilder eingesperrt. Heute wird er vom Kunstmarkt gefeiert. Interessant ist, dass bei den Akten seine aquarellierten Zeichnungen höhere Preise erzielen als seine Gemälde. So wurde etwa "Kniender Halbakt nach links gebeugt" 2006 für zehn Millionen Dollar und "Sitzende Frau mit violetten Strümpfen" 2010 für 6,9 Millionen versteigert. Seine teuerste Leinwand ist "Weiblicher Rückenakt", verkauft um 4,5 Millionen Dollar.

"Les femmes d'Alger" ist mit 179 Mio. Dollar das teuerste Werk Picassos. – CHRISTIE'S IMAGES

Gegen den Trend

In der Kunstgeschichte der Nachkriegszeit dominierte der Abstrakte Expressionismus. Doch ein kleiner Kreis von Malern in London, denen Francis Bacon und Lucian Freud angehörten, hielt der figurativen Malerei die Treue. Sie entwickelten auch die Aktmalerei weiter. Heute gehören sie zu den teuersten Malern der Welt. Auf dem Kunstmarkt liegt Bacon preislich vor Freud. Das teuerste Werk von Bacon, das Triptychon "Three Studies of Lucien Freud", wurde für 142,4 Millionen Dollar versteigert, allerdings war das kein Akt. Das teuerste Werk, das die Körper nackt zeigt, ist "Triptych", das 2008 für 46,3Millionen Dollar verkauft wurde, und das "Porträt von Henrietta Moraes" erzielte 2015 42,5 Millionen Dollar.

Im Gegensatz zu Bacon widmete Freud den Großteil seines Ouvres der Nacktheit. Und nackter als die Modelle auf Freuds Bildern kann man nicht sein. Mit seinem radikalen Realismus zeigt er die Gestalten roh und oft abstoßend. Doch selbst Supermodels wie Jerry Hall und Kate Moss ließen sich malen, nackt und Moss sogar schwanger. Interessant ist jedoch, dass ausgerechnet die dicke Arbeitsamtsangestellte "Benefits Supervisor Sleeping", bekannt als Big Sue, zu seinem teuersten Akt wurde, und zwar gleich in zwei Versionen. 2008 ging die Version von 1985 für 30 Millionen Dollar weg das ist heute das drittteuerste Werk Freuds und 2015 die Fassung von 1994 um 50 Millionen Dollar, sein ungeschlagen höchster Preis. Heuer im Juni erzielte Sotheby's für den Akt "Portrait on a White Cover" mit einem Zuschlag von 26,1 Millionen Dollar den nunmehr vierthöchsten Preis für den Künstler.

Der Akt hat die Kunstgeschichte von Beginn an begleitet. Hier wurden nur repräsentativ einige Künstler ausgewählt, die zu den weltweit teuersten gehören. Fakt ist, Sex sells, damals wie heute. Das zeigt auch der Aufschwung, den gerade die feministische Avantgarde erlebt, die mit pornografischer Kunst in den 1970er- und 1980er-Jahren für Aufschreie der Entrüstung und Zensur sorgte. So wird die Wiener Künstlerin Renate Bertlmann 2019 Österreich auf der Biennale in Venedig vertreten.

Tipp

"Renaissance Nude". Die Royal Academy in London zeigt ab 3.März 2019 Aktmalerei der Renaissance.
www.royalacademy.org.uk

("Die Presse-Kulturmagazin", 19.10.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Hymnen auf die Lust

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.