Heute Schlagerstar, morgen Chansonnière? Fischer, Lindbergh und die "Vogue"

Helene Fischer ziert das Titelbild der „Vogue“. Ist sie damit nun offiziell der größte Star des geschmackssicheren Deutschland, begibt sie sich gar als Imagewandlerin auf Romy Schneiders Spuren?

Peter Lindbergh für Vogue
Peter Lindbergh für Vogue
Peter Lindbergh fotografierte Helene Fischer für die deutsche Vogue. – (c) Peter Lindbergh

Wenn man heute in Deutschland von „Helene“ spricht, dann weiß jeder, wer gemeint ist. Zumindest glaubt das Christiane Arp, Chefredakteurin der zumeist eher verhalten agierenden deutschen „Vogue“. Ihre initiale Fokusgruppe zu dieser Annahme: ein Gärtner und eine Freundin am Telefon. Und wenn schon diese beiden ohne Zusatzinformationen von ihrer „Helene“ schwärmen und davon ausgehen, dass klar ist, wen sie meinen - dann ist das offenbar Grund genug für einen Cover-Shoot, mit dem die Zeitschrift in ihrer Jännerausgabe in das Jubeljahr zum 40-jährigen Bestehen startet.

Peter Lindbergh für Vogue
Peter Lindbergh für Vogue
Helene Fischer, fotografiert von Peter Lindbergh für die deutsche "Vogue". – (c) PETER LINDBERGH

Das letzte Mal, als es Helene Fischer groß in die Schlagzeilen schaffte und es nur mittelbar um ihre musikalischen Leistungen ging, das war vor gerade einmal zwei Wochen, als sie unter den bestverdienenden Popstars (man zögert kurz, ehe man das Wort gebraucht – aber, um was anderes als Volks- und damit Pop- geht es bei Schlagerkultur?) der Welt auftauchte. „Bin Ihnen nichts neidisch, weil dieses Leben auch nicht das Wahre auf Dauer ist“, kommentierte ein User wohlwollend die diesbezügliche Meldung auf DiePresse.com.

Helene Fischer, der somit Beobachter, wahrhaft ein Liebesbeweis!, nicht einmal ein Millionenvermögen neiden und die bislang nicht in avantgardistisch fotografierten Bilderstrecken auffiel, ist nun also "Vogue"-Coverstar. „Ein Sechser im Lotto“ ist das für die Deutsche, die für die Fotoaufnahmen nach Paris flog und dort einen Tag lang im Studio von Altmeister Peter Lindbergh posierte - und das wohl fast durchgehend barfuß, man könnte auch sagen, ebenso schuh- wie schonungslos (die Schuhlosigkeit ist ein großes Thema im Gespräch von Arp und Fischer).

Immer wieder betonen die beiden - vielleicht ein wenig zu hoffnungsfroh? - wie gelungen und wie echt diese Fotos seien. Zu einer Peter-Lindbergh-Frau sei Helene Fischer nun geworden und könne sich also endlich ganz als sie selbst zeigen. „Oh Gott ist das ehrlich!“ und „Aber so sehe ich wirklich aus, wie ich aussehe“, staunt Helene Fischer rührenderweise über sich selbst.

„Ich bin so gespannt, was deine Fans zu dieser Peter-Lindbergh-Geschichte sagen! - Oh und ich erst! Total!“, raunen die beiden einander im „Vogue“-Zwiegespräch vorfreudig gespannt zu: Genau diese Reaktionen fallen vielerorts freilich anders aus, als im Vorfeld wohl erhofft.

"Was ist mit deinem Gesicht passiert?"

Peter Lindbergh für Vogue
Peter Lindbergh für Vogue
Lindbergh fotografierte Helene Fischer in Paris – (c) PETER LINDBERGH
Man weiß ja nie, wer sich nun in sozialen Medien zu Wort meldet, aber darf man nach Helene Fischers Instagram-Account schließen, so sind keineswegs alle ihrer Fans euphorisch. „Was für eine Ehre, auf dem Vogue-Cover zu sein. Aber sorry, das Bild ist zum Erschrecken, nicht schön!“ ist etwa unter dem von ihr selbst geposteten Cover zu lesen, andere zeigen sich enttäuscht über ihre vermeintlich rasant gealterte oder sonstwie verunstaltete Helene: „Was ist mit deinem Gesicht passiert? Du siehst viel älter aus“ oder „Helene, du bist mega hübsch, der Fotograf gehört verklagt“.

Dazwischen sind zwar immer wieder lobende Kommentare zu finden („Das schönste Foto ever, obwohl ich kein Fan bin.“), diese verlieren sich aber in der Flut der Empörung über die Verunstaltung der schönen Helene. Im Großen und Ganzen dürfte der (PR-)Schuss nach hinten losgegangen sein, wobei es interessant sein wird, sich die Verkaufszahlen der Jänner-"Vogue" genauer anzuschauen.

Immerhin sind Helene Fischer die Herzen ihrer Bewunderer aber so dauerhaft zugeflogen, dass auch ein kleiner Image-Ausreißer nicht ihr selbst zur Last gelegt wird, sondern man diesen der Zeitschrift, dem Fotografen, vielleicht gleich dem Universum angekreidet.

Wie Romy als "Die Halbzarte"

Helene Fischer am Cover der deutschen
Helene Fischer am Cover der deutschen
Helene Fischer am Cover der deutschen "Vogue" – (c) PETER LINDBERGH
Zugleich ist man versucht, an die ersten Selbstumdeutungsversuche von Romy Schneider zu denken, deren Fans es ihr ja auch sehr übel nahmen, als sie die Schnauze voll von Sissi hatte und sich erstmals als „Die Halbzarte“ auf die Leinwand traute. Die Schneider blieb ihrem neu eingeschlagenen Weg damals freilich treu – und wurde zu einer der großartigsten Schauspielerinnen Europas.

Ob Helene Fischer nun den in etwa äquivalenten Weg ins Chansonnière-Fach antreten wird, mit rauchiger Stimme auf Barhockern performend und ganz ohne Seilzug über der Bühne - man mag bezweifeln, dass das gutgehen würde. Die Reaktionen auf ihr "Vogue"-Cover sind wahrscheinlich ein ganz gutes Stimmungsbarometer.

Im Helene-Fischer-Traumland (die Weihnachtssause der Entertainerin folgt wie gewohnt am 25. Dezember) wird wohl alles beim Alten bleiben, ganz im Sinn der aktuellen „Gala“, die der „Vogue“ mit ihrer Ästhetik wenig Konkurrenz macht: In weißem Kleid, auf einem Schlitten im metallisch glitzernden Christbaum sitzend, umrankt vom Cover-Claim „So reich ist Helene“, sieht man die Sängerin da posieren. Da fragt man sich natürlich: Welches Magazin würden der Gärtner und die Telefonfreundin als eingefleischte Fischer-Fans wohl eher vom Kiosk fischen?

 

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