Kilian Jörg: Der Club Berghain ist eine Maschine

Der Philosoph und Künstler Kilian Jörg aus Wien blickt hinter eine Berliner Partyinstitution. Origineller Befund über das Berghain.

Der Philosoph und Künstler Kilian Jörg pendelt zwischen Wien, Berlin und Brüssel. In seinem Buch über das legendäre Berghain untersucht er das Berliner „Kondensat von Subkultur“ auf unorthodoxe Weise.
Der Philosoph und Künstler Kilian Jörg pendelt zwischen Wien, Berlin und Brüssel. In seinem Buch über das legendäre Berghain untersucht er das Berliner „Kondensat von Subkultur“ auf unorthodoxe Weise.
Der Philosoph und Künstler Kilian Jörg pendelt zwischen Wien, Berlin und Brüssel. In seinem Buch über das legendäre Berghain untersucht er das Berliner „Kondensat von Subkultur“ auf unorthodoxe Weise. – (c) Stanislav Kogiku

Einige Wochen in Summe dürfte der Künstler und Philosoph Kilian Jörg während der vergangenen zehn Jahre im Berghain verbracht haben – dem legendären Club in Berlin, dessen Mythos vor allem dadurch befeuert wird, dass kaum nach draußen dringt, was drinnen vorgeht: das Treiben und Dahindriften zwischen Floors und Bars, Techno und House, Drogen und Darkroom.

„Eine Sozialplastik, ein Kunstprodukt“, nennt und erklärt der 28-jährige Wiener diese rohe Berliner Partyinstitution in seinem neuen Buch „Die Clubmaschine (Berghain)“, das er gemeinsam mit der Autorin und Aktivistin Jorinde Schulz verfasst und über das er zuletzt auf FM4 bei „Im Sumpf“ gesprochen hat. Dass sich diese quasi exterritoriale Zone, dieser „andere Ort“, dieser „safe space“ zur literarischen Figur eignet, haben nicht nur szeneinteressierte Leser durch Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ (und Airens Blog) erfahren.

Dass ebenso eine philosophische Betrachtung und daraus eine größere gesellschaftliche Erklärung gelingen kann, zeigt Jörg, der mittlerweile an zwei, drei weiteren Büchern zu anderen Fragestellungen schreibt, nebst einer Dissertation über ökologische Vernunft. In Text und Wort erweist er sich als unorthodoxer Analytiker und spannender Erzähler: Philosophie betreibt Jörg nicht in abgehobenen Diskursen, sondern nutzt sie heutig und erfrischend. Kant bis Deleuze auf postindustrieller Partyhöhe.

Das Wochenend-Paralleluniversum eröffnet sich für den Berghain-Gast ab Freitag, 23.59 Uhr, und endet, wenn ihn die Clubmaschine Montagmittag wieder in seinen Alltag entlässt. Sofern er überhaupt die erste, größte Hürde, den Türsteher, schafft: „Die Gatekeeper werden quasireligiöse Autoritäten über Szenezugehörigkeit“, erklärt Jörg. Aufnahme und Einlass kommen einer Art Initiation gleich, wobei es lang dauert, überhaupt ein „Regular“ zu werden, ein Stammgast mit „umfassendem Wissen der sozialen Netze und Codes“.

Große gelenkte Freiheit

Zugleich erzeugt der legendäre Ruf, der dem Berghain vorauseilt und längst durch internationale Partytouristen angereichert wird, ein „Kondensat von Subkultur“. Und gleichzeitig das Klischee davon: „Eine rein prekäre Boheme im richtigen Gewand vermengt sich so mit einer ökonomischen Elite, die sich den sozialrealistischen Touch des ,arm, aber sexy‘ als Disneyland-Besuch der trueness gibt.“

Was für sie an Selbstentäußerung in den verschiedenen Räumen möglich ist, davon gibt es keine Fotos, es gibt auch keine Spiegel, das Kameraauge am Handy wird beim Eingang abgeklebt. So wird der Club im ehemaligen Fernheizwerk zu einem weißen Fleck von Social Media. Ist das die große Freiheit aus elektronischem Sound, losgelöster Bewegung und euphorischer Verschwisterung? „Und doch hat man das Gefühl einer lenkenden Hand, die alles steuert. Es kann nicht zufällig sein, dass es jeden Sonntag die gleiche gute Party ist – letztlich auch erschreckend. Dass alles immer auf so einer ekstatischen Höhe gehalten wird, passiert nicht von allein. Dahinter steckt viel Arbeit“, meint Jörg – die den Besucher Maschine werden lässt, auch abseits der Tanzfläche.

Originelle philosophische Abende

Mit einem Kollektiv organisieren Jörg und Jorinde Schulz „Philosophy Unbound“-Abende in mehreren Städten, an denen aktuelle Fragen gestellt und kreativ beantwortet werden. Etwa zum Thema Männlichkeit (heute abend in Wien) oder zu Ökologie und Klimawandel. Jörg selbst lebt als eine Art „Halbnomade“, bindet sich wenig ans Materielle und versucht zwischen den Aktionsorten Wien, Berlin und Brüssel einen so kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen wie möglich. Bleibt auf den Bahnfahrten Zeit fürs Schreiben? „Drei Stunden am Tag zumindest.“

Zur Person, zum Buch

Angewandte Philosophie nennt der Wiener Philosoph und Künstler Kilian Jörg seine Methode. Im Kollektiv veranstaltet er „Philosophy Unbound“, heute Abend (20 Uhr) geht's um „A Thousand Masculinities“, Spritzer – Magazin im Odeon, Taborstraße 10, 1020 Wien,
philosophyunbound.tumblr.com.

Neues Buch. Kilian Jörg & Jorinde Schulz: „Die Clubmaschine (Berghain)“, Textem-Verlag 2018, 16 Euro, textem-verlag.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2018)

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