„Niemand hat an mich geglaubt“

Im Film „The Wife“ spielt Glenn Close eine Frau, die ihrem Ehemann zuliebe ihre Karriere aufgegeben hat. Die Schauspielerin darüber, warum es gut ist, wenn Frauen endlich mehr Macht bekommen – und über die fiesen Charakterzüge, die ihr manchmal zugeschrieben werden.

Glen Close.
Glen Close.
Glen Close. – (c) REUTERS (MARIO ANZUONI)

Auch nach 30 Jahren wird ihr Name immer noch mit „Eine verhängnisvolle Affäre“ in Verbindung gebracht: Glenn Closes Messerattacke auf Michael Douglas hat Kinogeschichte geschrieben. Ihre Intrigen in „Gefährliche Liebschaften“ auch. Demnächst ist die 71-Jährige in „The Wife“ zu sehen, zu Deutsch: „Die Frau des Nobelpreisträgers“. Als intelligente, attraktive Frau, die ihre Karriere als Schriftstellerin aufgegeben hat, um ihrem Mann den Rücken frei zu halten, der als Ausnahmeautor gilt. Als er den Literaturnobelpreis erhält, bekommt ihr Lebenspakt Risse.

 

Können Sie nachvollziehen, dass eine Frau für ihren Mann ihre eigene Berufung opfert?

Glenn Close: Es ist nie eine glückliche Konstellation. Im Idealfall braucht jeder beides: die Liebe seines Lebens und ein erfülltes Berufsleben. Aber so sah die Realität für viele Frauen eben nicht aus, gerade früher mussten sie sich oft entscheiden. Und meist wählten sie die Liebe und verrieten ihr Talent.

 

Sie haben es vereinbart, Sie sind eine erfolgreiche Schauspielerin und auch Mutter.

Richtig. Aber meine Mutter hat praktisch ihr ganzes Leben für die Ehe mit meinem Vater aufgegeben! Sie haben sehr jung geheiratet, er hatte eine ausgezeichnete Ausbildung, wurde Chirurg. Um ihn zu unterstützen, hat sie nicht mal die High School abgeschlossen. Am Ende ihres Leben, mit 85 Jahren, sagte sie zu mir: „Ich habe das Gefühl, nichts erreicht zu haben.“ Das hat mich tieftraurig gemacht, denn sie hatte so viele Talente und hätte eine Menge auf die Beine stellen können.

 

Ihre Tochter Annie spielt in „The Wife“ ihre Figur als junge Frau. Gefiel Ihnen ihre Entscheidung, Schauspielerin zu werden?

Ich bin schon lang genug im Business, um zu wissen, dass man sich als Mutter Sorgen machen muss, wenn die Tochter Schauspielerin werden will. Andererseits habe ich sehr früh gemerkt, dass sie viel Talent hat. Es war also keine große Überraschung. Ich bin überzeugt, dass sie sich für die richtige Karriere entschieden hat – auch wenn es ein harter Weg ist, sich in der Branche durchzusetzen. Als Mutter wünsche ich mir natürlich, dass mein Kind glücklich ist. Dieser Beruf macht sie glücklich, also kann ich gut damit leben.

 

Frauen wird derzeit durch #MeToo und #TimesUp wieder einmal bewusst, wie entschieden sie sich gegen Benachteiligungen und Übergriffe wehren und für Gleichberechtigung kämpfen müssen.

Das stimmt, kulturell gesehen hatten bisher immer die Männer die Kontrolle. Für Frauen war es nicht leicht, auch mal für sich selbst einzutreten, statt nur hinter ihrem Mann zu stehen. Ich bin überzeugt, dass es der ganzen Menschheit zugute kommt, wenn Frauen endlich mehr Macht bekommen. Im Film legen wir aber großen Wert darauf, dass die Rolle meines Mannes nicht zu negativ dargestellt wird, denn er ist kein schlechter Mensch – mein wunderbarer Kollege Jonathan Pryce spielt ihn so großartig! Man kann mitfühlen, wie unglücklich dieser Mann ist und wie ungeliebt und minderwertig er sich sein ganzes Leben lang gefühlt hat.

 

Haben Sie es mit vielen Hürden zu tun bekommen, um Karriere zu machen? Wurden auch Sie mal übergangen oder überhört, weil Sie eine Frau sind?

Ich kann mich glücklich schätzen, dass mir nie etwas Unangenehmes passiert ist. Ich habe mich auch nicht benachteiligt gefühlt, im Gegenteil. Oft wurden mir sogar interessante Rollen angeboten, die für Männer geschrieben waren. Für mich hat man dann das Geschlecht der Rolle geändert.

 

Sie sind 71 Jahre alt. Wie haben Sie sich so gut in der Branche gehalten?

Ich glaube, weil es mir immer darum ging, gute Geschichten zu erzählen. Ich habe nie Wert darauf gelegt, in den großen, aufwendigen Prestige-Produktionen mitzuspielen. Mir waren auch kleine Projekte oder interessante Serien wichtig. Außerdem ging es mir nie um die Gage. Egal wie gut die Bezahlung gewesen wäre: Wenn die Geschichte nicht gestimmt hat und die Rolle mich nicht herausgefordert hat, habe ich nicht zugesagt.

Ihre ikonischsten Rollen waren mächtige, grausame Frauen, von der Marquise de Merteuil in „Gefährliche Liebschaften“ bis hin zu Cruella De Vil in „101 Dalmatiner“. Fragen Sie sich manchmal, warum ausgerechnet Sie dafür ausgewählt wurden?

Ach, ich weiß noch genau, wie ich die Produzentin von „Eine verhängnisvolle Affäre“ zum ersten Mal traf. Ich trug ein braves Sommerkleidchen und einen Hut – das Outfit passte so gar nicht! Sie bat mich, lieber wiederzukommen und mich dann von einer sexy Seite zu zeigen (prustet los).

Dass Sie zur Verführerin taugen, glaubte man Ihnen nicht?

Niemand hat an mich geglaubt! Alle waren sicher, dass ich die falscheste Besetzung war. Nur mein Agent hat sich immer wieder eingesetzt, so lange, bis ich mal wirklich vorspielen durfte. Und plötzlich waren alle ganz still . . . Das heißt aber noch lange nicht, dass ich persönlich auch so gemeine, finstere Charakterzüge besitze!

 

Nichts läge uns ferner.

Ich habe diese Rollen nie so gespielt, als seien sie gemein und herzlos. Ich versuchte zu verstehen, warum Menschen so einen Charakter entwickeln. Ich wollte die Beweggründe erforschen und den Schmerz in ihrem Herzen sehen, der sie zu den Menschen macht, die sie sind.

 

Stimmt es, dass Sie ein anderes Ende für die „Verhängnisvolle Affäre“ wollten?

Oh ja! Ursprünglich endete es auch ganz anders: Sie bringt sich um, aber auf dem Messer sind seine Fingerabdrücke und er kommt ins Gefängnis. So haben wir es auch gedreht. Aber das Testpublikum war außer sich und tobte. Also beschlossen die Produzenten, ein anderes Ende zu erfinden. Ihre Lösung war, dass meine Figur plötzlich eine totale Psychopathin wurde.

 

Was ist denn für Sie eine erfolgreiche Karriere? Ihre sechs Oscarnominierungen?

Preise sind eine große Ehre. Aber wirklich wichtig ist mir, dass meine Arbeit sich authentisch anfühlt. Meine Rollen müssen mich herausfordern und erfüllen. Wenn unsere Geschichten dann noch andere berühren, ist das das Größte für mich! Am glücklichsten bin ich aber, wenn ich eine gute Balance zwischen Beruf und Privatem habe.

Steckbrief

1947 wurde Glenn Close in Greenwich im US-Bundesstaat Connecticut geboren.

Ihre Eltern lebten lang im Kongo. Close besuchte unterdessen Internate.

Am Broadway begann Close ihre Schauspielkarriere. 1980 wurde sie erstmals für den Tony nominiert.

Bekannt ist Close vor allem durch „Eine verhängnisvolle Affäre“ (1987) und „Gefährliche Liebschaften“ (1988).

Ihr neuer Film „The Wife“, deutsch „Die Frau des Nobelpreisträgers“, läuft in Österreich ab 22. Februar im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2019)

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