Dero & Klumzy: „Es ist eine verrückte Zeit“

Der Brite Kris Knibbs lebt als Teil von „Dero & Klumzy“ in Österreich. Über den Grundfehler des Brexit – und einen legendären Sommer in Graz.

Kris Knibbs alias Klumzy Tung und Mr. Dero Cristoph Kammerlander (v. l.)
Kris Knibbs alias Klumzy Tung und Mr. Dero Cristoph Kammerlander (v. l.)
Kris Knibbs alias Klumzy Tung und Mr. Dero Cristoph Kammerlander (v. l.) – (c) Stanislav Kogiku

Er ist wohl der Prototyp des Briten, der von der Reisefreiheit der EU profitiert. Der Londoner Texter, Freestyler und Singer-Songwriter Kris Knibbs alias Klumzy Tung war vor mehr als zehn Jahren in Graz hängen geblieben; einen Gutteil seiner Zeit verbrachte er seither pendelnd: Ein Monat hier, ein Monat da.

Kein Wunder, dass Knibbs viel zu sagen hat, wenn das Thema Brexit aufkommt. Jetzt habe er das neue Album noch gar nicht erwähnt, wird er nach einer Stunde lachen. Ansonsten ist ihm eher nicht zum Lachen zumute. Er hat Freunde und Familie, die für den Brexit stimmten, erinnert sich an eine Brexit-Debatte im Sommer. „Beim Grillen, fünf Stunden bis vier Uhr Früh, vier Leute gegen mich. Das war wirklich intensiv.“ Am Ende fragte er sich: Glauben die das wirklich?

Das Problem sei, glaubt er, dass England eine Insel ist. „Die Menschen haben eine andere Mentalität.“ Er selbst habe keinen Führerschein. In der Stadt reicht der öffentliche Verkehr – und sonst fährt man ohnehin nirgends hin. „Ich wünschte, jeder Brite könnte einmal ein Monat in Europa verbringen“ – und damit meine er nicht Urlaub in Spanien. Überhaupt sei die Abstimmung ein Fehler gewesen – auch wenn er die Motivation vieler Brexit-Anhänger aus den abgehängten Teilen Englands versteht. „Aber man stellt dem Volk keine einfach Ja-Nein-Frage. Weil die Frage eben nicht einfach ist. Bis heute kennt sich niemand aus. Es ist eine verrückte Zeit.“

 

Das Parkhouse als Zentrum

An Graz gebunden hat den Briten die Zusammenarbeit mit dem Grazer DJ Dero, Cristoph Kammerlander. Kennen gelernt hatten sich die beiden bei einem gemeinsamen Auftritt, es folgte eine Winterwoche mit Aufnahmen und Snowboarden, dem wiederum ein offenbar legendärer Sommer. Das Parkhouse im Grazer Stadtpark wurde zu ihrem Lebensmittelpunkt. DJ Dero habe noch aufgelegt, als sich schon die Putzfrau mit dem Wischmopp durchs Lokal schrubbte, erinnert sich Knibbs. Dass Parkhouse-Betreiber Harald Lammer im Vorjahr überraschend starb, betrauern die beiden sehr. Als Künstler hielt Knibbs Graz für das Paradies. In England hatte man ihm noch Tickets in die Hand gedrückt, die er selbst verlaufen sollte, an ein Getränk vom Veranstalter nicht zu denken. In Österreich gab man ihm nicht nur Schnaps, sondern auch das Gefühl, „respektiert zu werden“.

Unter ihren kombinierten Namen „Mr. Dero & Klumzy Tung“ waren die beiden ursprünglich eine klassische Kombination aus DJ und MC, angesiedelt zwischen HipHop, Funk, Electro, Reggae, Dubstep oder Drum'n'Bass, produzierten aber bald auch ihre eigenen Songs. Nachdem die Namen auf Postern und Flyern stets durcheinander gerieten, entschied man sich fürs einfachere „Dero & Klumzy“.

Er habe in seiner Schulzeit im englischsprachigen Grazer GIBS viel gezeichnet, erklärt Cristoph Kammerlander die Ursprünge seines Namens. „Graffitti – aber nie auf der Straße, nur auf Papier.“ Dero war damals sein Tag, seine Unterschrift. „Die Buchstaben haben zusammen einfach gut ausgeschaut.“ Als DJ blieb er dabei, auch, als er das Jus-Studium schließlich zugunsten der Musik ganz aufgab (ein zugegeben eher schleichender Prozess). Knibbs wiederum hat eine Zunge, die natürlich nicht so schwerfällig ist, wie er ironisch suggeriert. Mit ihr, seinem schnellen Hirn und seinem Gespür für Leute bringt er mit seinem Freestyle-Raps die Menge zum Mitgehen. Die absichtlich falsche Schreibweise von Klumzy Tung hat sich längst als Vorteil entpuppt: Auf Google steht er immer ganz oben.

Der richtige Umgang mit sozialen Medien, um die eigenen Fans auch zu erreichen, hat bei den beiden zuletzt für lange Nächte gesorgt. Für Klumzys letztes Album „Happy Accidents“ hatten die beiden jedes Monat ein Musikvideo veröffentlicht. Auf das dritte kam keine Reaktion. „Wir dachten, vielleicht mögen es die Leute nicht. Aber es haben 50 Freunde mitgewirkt, also hätte es schon geteilt werden müssen.“ Wenig später fanden sie heraus, dass Facebook sein System geändert hatte – und man Inhalt nun „sponsern“ sollte. „Die wollen Geld, ohne dass man weiß, ob unsere Fans uns dann auch wirklich sehen.“ Seltsame Zeiten, findet Kammerlander auch hier.

AUF EINEN BLICK

Dero & Klumzy sind der Grazer DJ und Produzent Cristoph Kammerlander (Mr. Dero, Tiefparterre Records, Veranstaltungsreihe Butterbar) und der britische Sänger und MC Kris Knibbs (Klumzy Tung). Nach Jahren in Graz pendelt Knibbs heute zwischen Graz, London und Leipzig, wo seine Familie lebt. Ihr kürzlich erschienenes Album „For the Record“ ist das erste, das bewusst klar im Hip Hop angesiedelt ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2019)

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