„Kankyō Ongaku": Der Klang der Stille

Die japanische Ambient-Musik-Kompilation „Kankyō Ongaku" führt in imaginierte Zengärten. Sounds an der Grenze von Musik und Geräusch locken nicht nur gestresste und erschöpfte Hörer.

(c) Osamu Murai/courtesy of Kumi Murai and Teruko Murai. Osamu Murai/courtesy of Kumi Murai and Teruko Murai

Viele Jahrzehnte lang galt Japan nur als Absatzmarkt der amerikanischen und europäischen Popmusik. Das, was dort produziert wurde, wurde hierzulande bestenfalls als epigonal bezeichnet. Stets hat man die Japaner für ihr Interesse und ihre Leidenschaft, noch die entlegensten westlichen Genres und Popsubstile zu erforschen und zu sammeln, bewundert und gelobt. Dass sie selbst aber auch Hochwertiges in Jazz, Pop, Funk und Fusion hervorbringen, daran hatte man lang nicht gedacht.

Vor ein, zwei Jahren hat die große Welle der Entdeckungen japanischer Popmusik begonnen. Seither erscheinen in Europa und den USA Wiederveröffentlichungen von legendären Alben bzw. penibel zusammengestellte Kompilationen. Darunter etwa das soulige Funkjuwel „Space" von Tatsuro Yamashita und Yasuaki Shimizus „Kakashi" – Alben, für die man im Original den Gegenwert eines Schrebergartens zu berappen hätte. Das Spektrum der Zusammenstellungen reicht von modalem und progressivem Jazz, wie ihn etwa das britische Label Jazzman mit „Spiritual Jazz Vol. 8" realisiert hat, bis hin zu kenntnisreich kompilierten Alben wie „Lovin’ Mighty Fire – Nippon Funk Soul Disco". Das amerikanische Label Light in the Attic tat sich 2017 mit dem Album „Even a Tree Can Shed Tears" hervor, das japanische Folk- und Rockmusik der Jahre 1969 bis 1973 versammelte. Und jetzt kommt die nächste Sensation aus diesem Hause. „Kankyō Ongaku: Japanese Ambient Enviromental & New Age Music 1980–1990" gibt einen hochinteressanten Überblick über eine Musikform, die ihren Ausgang im Europa der 1920er-Jahre genommen hat.

Musik als Möbelstück. Kein Geringerer als Erik Satie hat diese Entwicklung hin zu gehaltvoller Hintergrundmusik mit seiner Komposition „Musique d’ameublement" angestoßen. Musik sollte seinem Konzept nach wie ein Möbelstück im Raum sein. Statt Raffinement und Virtuosität sollte Kargheit der Klänge herrschen. Auf Rhythmus sei größtenteils zu verzichten. Dafür zierten seine Notationen kuriose Spielanweisungen wie „Vergraben Sie den Ton in Ihrer Magengrube" oder „Wie eine Nachtigall mit Zahnschmerzen".

Die Wiederentdeckung des großen französischen Komponisten in Japan passierte im September 1975. Damals organisierten der Komponist und Fluxus-Künstler Kuniharu Akiyama und seine Frau, die weltberühmte Pianistin Aki Takahashi, eine Konzertserie, die auch Saties frühe Avantgardeideen in den Blick nahm. Es war ja Akiyama selbst, der 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio eine „Environmental Music" für den Speisesaal der Athleten komponiert hatte. 1975 stieß er mit seinem Festival einen stillen, aber nachhaltigen Boom an. Wie die Idee, minimale Sounds mit Naturklängen und technischen Geräuschen des Alltagslebens zu vermischen, bei unterschiedlichsten Musikern neue Formen angenommen hat, ist gut auf der eben edierten Kompilation „Kakyō Ongaku" nachzuverfolgen. Die Zusammenstellung hat Spencer Doran übernommen, ein Musiker aus Portland, Oregon, der selbst viel Erfahrung in Minimal Music und klanglicher Dekonstruktion hat und zudem ein Experte für japanische Musik ist. Auf drei Vinyl-Scheiben bzw. zwei CDs entfalten sich meditative Klänge, die auf vielerlei Ebenen Wirkung zeitigen. Diese Musik lässt sich konzentriert genauso gut hören wie als Hintergrundmusik bei Massagen oder bei Denkübungen. Sie zieht den Hörer zügig ab von den Verwicklungen in das, was Realität genannt wird. Diese Sounds befördern ein wohliges Gefühl von Gelassenheit.

Kommunikation mit der Natur. Das Album startet mit sachten Glockenklängen unterschiedlicher Tonhöhe, in deren Hintergrund sich ruhige Soundscapes aufbauen. „Still Space" nennt sich dieser einprägsame Titel, den Satoshi Ashikawa 1982 aufgenommen hat. Derartige Ruhe ist das komplette Gegenteil dessen, was Japaner in der heutigen Ära des Hyperkapitalismus tagtäglich erleben. „In der japanischen Kultur hat die Kommunikation mit der Natur lange Tradition. Das auf den hier versammelten Musikstücken oft Naturgeräuschaufnahmen integriert sind, zeigt, wie sehr sich die urbane, digital ausgerichtete damalige Generation schon von den kulturellen Ursprüngen entfremdet hat. Das ist nicht einmal etwas speziell Japanisches. Diese Verluste gibt es überall", erläutert Doran. Von den Künstlernamen her bleibt für den westlichen Hörer vieles obskur. Allein Joe Hisaishi ist als Soundtrack-Komponist populärer Filme wie jener von Takeshi Kitano („Kikujiros Sommer") bekannt. Und dann vielleicht noch das minimalistische Avantrock-Quartett Interior.

Sonst aber kann man sich auf nie gehörte Raritäten freuen. Ein Highlight etwa ist „Nemureru Yoru" von Synthesizerpionier Hideki Matsutake, der mit Isao Tomita, dem Yellow Magic Orchestra und Towa Tei gearbeitet hat. Musik und Geräusch verbinden sich auf „Nemureru Yoru" anmutig. Ein simples Synthiemotiv vermischt sich mit Windgeräuschen und dem ratternden Sound einer Eisenbahnfahrt. Kurios ist auch das zengleich beseligende Stück „Seiko 3" von Yasuaki Shimizu, das tatsächlich als Musik für eine Fernsehwerbeeinschaltung der Uhrenfirma Seiko gedient hat. Auch das fast 16-minütige meditative „Original BGM" von Haruomi Hosono war eine Auftragsarbeit für eine Firma. Die prominente Lifestyle-Kette Muji beauftragte diese markante Übung, Stille und Musik zum Zwecke der Weltenthobenheit zusammenzubringen. Man sieht schon, auch esoterisch anmutende Sounds können durchaus weltliche Ursprünge haben. „Kankyō Ongaku" ist jedenfalls als Kompilation und Einführung in eine schöne, fremde Klangwelt grandios gelungen. Dem Sound von Wasser ist hier genauso gut nachzusinnen wie Audioillusionen à la Shepard-Risset-Glissando, eines ansteigenden Tons, der endlos wirkt. Schwere Empfehlung!

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